Spielwarenmesse: Interview NOCH: Wie neue Themen­land­schaften Modell­bahner begeistern

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  Macher

15. August 2016 / Macher

Interview NOCH: Wie neue Themen­land­schaften Modell­bahner begeistern

von Ulrich Texter /  Kommentare anzeigen

Modelleisenbahn-Liebhaber investieren gerne in eine „heile Welt“. Die  Hersteller für Modellbahn-Zubehör freuen sich jedenfalls über steigende Umsätze. Sie lassen sich aber auch einiges einfallen, um Anhänger “ zu ködern – wie das Beispiel NOCH zeigt.

Spielwarenmesse®: Herr Topp, anlässlich der DVSI-Mitgliedersammlung in Nürnberg war zu erfahren, dass Vietnam ein Top-Wirtschaftsstandort mit jährlichen Zuwachsraten von 6 Prozent und mehr ist. Was macht denn Vietnam für einen Zubehörhersteller in der Modellbahn-branche so attraktiv?

Sebastian Topp: Wir sind seit mittlerweile gut sechs Jahren in Vietnam mit einer eigenen Produktion vor Ort. Begonnen haben wir in einer kleinen Werkstatt mit 6 Leuten. Mittlerweile sind daraus 150 Mitarbeiter geworden. NOCH Asia ist damit als hundertprozentiges Tochterunternehmen unsere verlängerte Werkbank in Asien.

Viele unserer Produkte, wie z. B. die Modell-Figuren, sind so handarbeitsintensiv, dass wir die Produktion nicht in Europa umsetzen können. Viele der Artikel haben wir daher früher in China zugekauft. Durch das „Insourcing“ in ein eigenes Werk konnten wir die Einkaufspreise nach den Kostensteigerungen der letzten Jahre in China für uns stabil halten und gleichzeitig die Produkt-Qualität enorm verbessern.

Die heißteste Neuheit, haben Sie in Nürnberg auf der Spielwarenmesse angekündigt, wird in diesem Jahr der micro-motion Liebes-Stadl sein. Schon ausverkauft und neue Zielgruppen gewonnen, die auch bei der Stange bleiben?

S.T.: „Bei der Stange bleiben“ ist ein gutes Stichwort! Ähnlich der Table-Dance-Bar, die wir im Programm haben, hat sich auch das Liebes-Stadl sehr gut vorverkauft. Es wird allerdings erst im Herbst des Jahres ausgeliefert. Mit Bewegung und „passendem Sound“ ist das wieder ein typisches NOCH Modell, das man sich als Modellbahner gern auf die Anlage stellt. Modellbauer lieben diese kleinen, leicht anrüchigen Szenen und Themen mit denen die kleine Modell-Welt wie im Original zum Leben erweckt wird. Und sind wir doch mal ehrlich: Modellbahn ist einfach zum größten Teil ein Männer-Hobby und die sind alle Kinder geblieben, die Spaß am Spielen haben. Da nehme ich mich nicht aus!

Schauen wir uns Ihre Neuheiten an, dann sticht zum einen der hochpreisige Fußballplatz mit Vereinsheim heraus, zum anderen die Vielzahl niedrigpreisiger Artikel. Spielt die Musik heute an diesen Polen: teuer oder günstig?

Fussballplatz mit Vereinsheim von NOCH

S.T.: Das haben Sie sehr scharf erfasst, wir konzentrieren uns tatsächlich mit den diesjährigen Neuheiten in diesen beiden Preisbereichen. Zum einen, weil günstige Artikel gute Mitnahmeartikel sind, die vor allem im stationären Fachhandel gut abfließen. Der Endkunde überlegt bei einem Preis unter 20 € bis 30 € oft nicht lange, sondern kauft ein Modell aus dem Impuls heraus, weil es ihm gefällt. Durch diese aktive Sortimentspolitik versuchen wir den stationären Fachhandel zu stärken.

Auf der anderen Seite gibt es dann aber auch tolle Ideen und daraus resultierend Produkte, die etwas umfangreicher und teurer sind. Die Stückzahlen sind dann zwar etwas geringer, dem Kunden steht aber eine deutlich größere Modell-Auswahl zur Verfügung als noch vor einigen Jahren. Der Trend geht in diesem Bereich hin zum individuelleren Modellbau. Da sich die Fixkosten dann aber auf kleinere Stückzahlen umlegen und die Modelle zusätzlich technisch teils sehr komplex sind, resultieren (leider) automatisch auch höhere Preise.

NOCH war Vorreiter von Lasercut-Modellen. Ist das Schisma in der Zubehörbranche inzwischen beigelegt, weil man aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr anders kann?

S.T.: Ich denke, dass die Berührungsängste gegenüber Laser-Cut Modellen bei den Modellbauern mittlerweile aufgeweicht sind. Wir mussten erkennen, dass „Massenmodelle“ wie z. B. kleine Einfamilienhäuser, im Kunststoff-Spritzguss-Verfahren einfach wesentlich günstiger herzustellen sind und auch noch auf erquickliche Stückzahlen kommen. Diese Modelle sind daher nichts für den Laser-Cut.

Bei größeren, besonderen Modellen, die eher in kleineren Stückzahlen gehen, weil sie z. B. regionaltypisch sind, macht Laser-Cut hingegen wieder mehr Sinn. Hier sind keine teuren Werkzeug-Investitionen nötig. Wir werden daher auch in Zukunft im Markt ein friedliches, paralleles Nebeneinander der beiden Technologien mit verschiedenen Modell-Programmen sehen. 

Ein neuralgischer Punkt bleibt Ihr wichtigster Absatzmittler, der Fachhandel. Von dem ist immer wieder zu hören, alles, was über 30 € liegt, wandert ins Netz ab. Trifft eine solche Entwicklung nicht besonders einen Zubehörlieferanten, der doch auch von Zusatzverkäufen im Geschäft lebt?

S.T.: Ja und nein: klar ist, wenn der Einzelhandel weniger Umsätze macht, trifft uns das über kurz oder lang als Zubehör-Hersteller genauso wie die Hersteller des rollenden Materials. Allerdings sehen wir in den vergangenen Jahren einen Trend hin zu mehr Basteln bei den Modellbauern und dadurch eine Verschiebung im Portfolio des Einzelhandels hin zu mehr Fläche für Zubehör. Die Margen im Zubehör-Bereich sind laut Händler-Aussage größer, die Drehzahl höher und die Kapitalbindung logischerweise niedriger.

Der stationäre Fachhandel konzentriert sich daher nachvollziehbar darauf, Zubehör vor Ort verfügbar zu haben und teure Modell-Lokomotiven dann eher auf Kunden-Bestellung zu ordern. Da hilft uns die Preisstellung im Mitnahmebereich unseres Produkt-Programms, das meist unter 30 € liegt, dann wieder sehr.

Auch der Fachhandel spielt im Internet mit. Dort entscheidet der Preis, weder Service noch Beratung. Heizt das den Strukturwandel in der Branche nicht noch mehr an?

S.T.: Der Strukturwandel durch das Internet krempelt nicht nur den Handel sondern unser ganzes Leben um. Die letzten so grundlegenden Änderungen im Bereich Gesellschaft, Arbeit und Kultur dürfte der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert geschuldet sein. Das sich die Welt – und mit ihr der Handel – dadurch ändern wird, müssen wir erst einmal wertungsfrei so feststellen. Was wir allerdings aus dieser Erkenntnis machen, liegt an uns.

Ich halte das Internet durchaus für eine funktionierende Ergänzung zum Fachhandel, z. B. um Informationen auf Website oder per Newsletter für einen „Offline-Kundenbesuch“ wie Öffnungszeiten, Parkmöglichkeiten, Verfügbarkeit verschiedener Produkte, im Geschäft geführter Marken, Neuheiten und vieles mehr bereits im Voraus zu kommunizieren. Mir würden gleich noch 100 weitere Infos einfallen, die mich als potentiellen Offline-Käufer an einem Ladengeschäft interessieren würden, bevor ich mich ins Auto setze, um dort hin zu fahren. Damit kann ein Fachgeschäft online richtigen Zusatznutzen schaffen, der vor der Erfindung des WWW nicht möglich war.

Und wie könnte der Zusatznutzen aussehen?

S.T.: Meiner Meinung nach hat der stationäre Handel gegen den besten Preis im Netz drei starke Asse im Ärmel, die aktuell aber teilweise etwas zu zögerlich gespielt werden: Service, Service, Service! Denn genau da kann der Online-Anbieter trotz guter Preise und schneller Lieferung an vielen Stellen nicht mithalten: persönlicher Kontakt, Wohlfühlzeit im Geschäft und fundierte Beratung sind meiner Meinung nach der Schlüssel für erfolgreiche Offline-Händler.

Und Händler sollten den Spieß einfach mal umdrehen: So wie Online-Anbieter in den letzten Jahren Kunden aus dem Fachgeschäft ins Internet gezogen haben, können Händler Online-Werbung für Ihr stationäres Geschäft nutzen und sich bestimmt den ein oder anderen aus dem Netz wieder zurückholen.


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