Spielwarenmesse: Wie Drohnen die Anfor­derungen im Modellbau verändern

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Pilot fliegt Drohne im Sonnenuntergang
  Macher

17. Juli 2017 / Macher

Wie Drohnen die Anfor­derungen im Modellbau verändern

von Ulrich Texter /  Kommentare anzeigen

Multicopter sind faszinierende Flugobjekte. Die Zahl ihrer Anwendungen wächst von Jahr zu Jahr – ob in Wirtschaft oder Wissenschaft, Landwirtschaft oder Logistik. Mit gestochen scharfen Fotos und Videos begeistern sie nicht zuletzt Modellflieger. Sind sie aber noch Spielzeug oder erfordern sie bereits einen Pilotenschein? Jamara-Inhaber Manuel Natterer zeigt sich überzeugt, dass auch mit den neuen Verordnungen der Spaß bleiben wird und der Modellflug eine Zukunft hat.

Spielwarenmesse®: Herr Natterer, es ist eine halbe Ewigkeit her, da schrieb die „Schwäbische Zeitung“ „Jamara verkauft Spaß“; dann kam der Heli-, Multicopter- und Drohnen-Boom und brachte Ihnen Spaß. Schaut man sich den Markt derzeit an, dürfte sich der Spaß in Grenzen halten oder? Die Unsicherheit bei Drohnen-Piloten sei allgegenwärtig, schreibt jedenfalls Europas größter Verband für Modellflugsportler.

Manuel Natterer: Das Zitat „Jamara verkauft Spaß“ gilt heute genauso wie früher. Sicherlich sind durch die neuen Verordnungen gewisse Unsicherheiten aufgekommen, andererseits verschaffen diese auch klare und transparente Verhaltensregeln im Umgang mit Flugmodellen. Regeln gab es schon lange, nur waren diese sehr undurchsichtig und den meisten nicht bekannt.

Einen guten Überblick über die „Drohnen-Verordnung“ findet man im Flyer des BMVI. Zudem haben wir verschiedenste sicherheitsrelevante Features, wie Easy Fly Back, Kompassfunktion oder Altitute, die den Piloten beim sicheren Umgang unterstützen können. So kann auch heute für den Piloten der Flugspaß im Vordergrund stehen.

2015 stürzte eine Drohne hinter einem Skifahrer ab. Ein Airbus der Lufthansa wäre fast mit einer Drohne kollidiert. Anfang 2017 prallte eine Drohne mit einem Auto auf einer bayrischen Autobahn zusammen. War es nicht an der Zeit für einen Drohnenführerschein, der jetzt für Drohnen ab 2 kg benötigt wird?

M.N.: Flugobjekte dieser Größe müssen beherrscht werden und dürfen keinesfalls in einem Bereich geflogen werden, welche eine Gefahr für andere Menschen darstellt. Es war also absolut richtig, auf derartige Vorfälle zu reagieren. Der Kenntnisnachweis für Modelle ab 2 kg hilft dem Piloten das Flugmodell richtig zu verwenden. Durch den richtigen Umgang werden wiederum Unbeteiligte geschützt.

Mit der im April in Kraft getretenen Novellierung der Luftverkehrsordnung samt Drohnen-Verordnung gilt, dass Multikopter mit mehr als 250 Gramm nicht über Wohngebieten dürfen fliegen; leichtere Modelle dürfen es zwar, aber ohne Kamerafunktion. Können Sie mit der Regelung leben, weil viele Ihrer Produkte Fliegengewichte sind?

M.N.: Tatsächlich sind 95% unserer „Drohnen“ unter dieser 250 Gramm Grenze. Die meisten dieser Drohnen haben jedoch auch eine Kamerafunktion und fallen somit in das Verbot. Wie in den meisten Gesetzen gibt es hier aber auch eine Ausnahme. Unter www.bmvi.de/drohnen weißt das BMVI unter Punkt 6 darauf hin, dass der Betrieb über dem jeweiligen Wohngrundstück erlaubt ist, wenn der in seinen Rechten Betroffene (also der Grundstückseigentümer) dem Überflug ausdrücklich zustimmt.

Welche Auswirkungen hat die Novellierung konkret auf die Jamara-Produktpolitik? Um zum Beispiel mit einer Videobrille zu fliegen, darf das Flugobjekt ebenfalls nicht schwerer als 250 Gramm sein oder ein Luftraumbeobachter steht daneben?

M.N.: Selbstverständlich kann die Regelung gerade dann wichtig sein, wenn das Abfluggewicht knapp über der 250 Gramm Grenze liegt. Dementsprechend werden wir dies zukünftig bei der Konzeptionierung im Auge behalten und gerade bei kleinen und leichten Modellen um die 250 Gramm versuchen, unter den 250 Gramm zu bleiben.

Und was bedeutet das z.B. für Ihren Payload, der so um 540 Gramm wiegt, aber noch eine Nutzlast von bis zu 350 Gramm aufnehmen kann? Der ist noch nicht High End, aber auch kein reines Spielzeug mehr. Wird Positionierung und Verkauf schwerer, auch wenn man noch keinen Führerschein braucht?

M.N.: Der Payload ist ein sehr gutes Einsteigermodell, das jedoch auch viele Funktionen und Möglichkeiten für den fortgeschrittenen Piloten bereithält. Die neue Version des Payload beinhaltet z.B. zusätzlich ein GPS System. Das Modell hält also auch einige Funktionen für den fortgeschrittenen Piloten bereit, die oftmals eher bei größeren – und damit schwereren – Drohnen zu finden sind.

Der Kunde findet beim Payload GPS also ein Flugmodell mit „gewichtigen“ Features, ohne dass die erhöhten Anforderungen des Kenntnisnachweises (Führerschein) notwendig wären. 

FPV-Fliegen und Selfie-Drohnen liegen im Trend zu liegen. Was wird auf technischer Seite das „The next big Thing“ sein? Brennstoffzellen? Geht die Miniaturisierung weiter?

M.N.: Die Brennstoffzellentechnik hat sich beim Auto nicht durchgesetzt und wird sich meines Erachtens auch im Flugbereich nicht durchsetzen. Auf Grund der Novellierung und den damit eingeführten Gewichtsgrenzen wird die Miniaturisierung gerade im privaten Anwendungsbereich natürlich ein Thema bleiben. Zudem wird das autonome Fliegen ein stärkeres Thema werden. Hier muss jedoch zwischen Spaßfaktoren und industriell nutzbaren Funktionen unterschieden werden.

Die SESAR, ein Zusammenschluss von sechs Flugsicherungsorganisationen, veröffentlichte Ende 2016 die Studie „Europe needs to prepare for drone market“. In den nächsten Jahren soll europaweit die Zahl der Drohnen, die Privatpersonen steuern, auf rund 7 Mio.; die der Drohnen für die kommerzielle Nutzung die Zahl von 400.000 erreichen. Teilen Sie diese Einschätzung von Big Business am Himmel?

M.N.: Sicherlich wird die Anzahl an fliegenden Objekten am Himmel nicht mehr weniger werden. Die Technik wird mit der Masse günstiger werden und somit einen Zuwachs an Kunden bekommen. Somit wird es auch immer mehr Produkte für den kleineren Geldbeutel geben.

Durch die Miniaturisierung werden jedoch auch immer mehr Flugmodelle für den Flug im Innenraum nutzbar. Diese kleinen Modelle sind wiederum meist für den Außeneinsatz nicht mehr geeignet. Von den geschätzten 7 Mio. Drohnen wird meines Erachtens also tatsächlich nur ein Teil am Himmel fliegen.

Seit gut anderthalb Jahrzehnten hat Jamara das Produktportfolio diversifiziert: weg von reinem Modellbau-Anbieter für Hobbyisten hin zu einem Gesamtanbieter, der auch RC für Kids und klassisches Spielzeug anbietet. Umgekehrt setzen auch Fachhandelsspezialisten für Modellbau zunehmend auf Spielzeug. Ist der Wettbewerb so stark oder wandern immer mehr Hobby-Flieger ins Internet ab?

M.N.: Mein Vater, Gründer der JAMARA e.K., hatte vor Jahrzehnten schon erkannt, dass der Wandel der Zeit auch den Modellbaubereich nicht verschonen wird. So erkannte er, dass der ambitionierte Modellbauer immer weniger Zeit mehr für aufwendige Arbeiten hatte und der Einsteiger die Zeit erst recht nicht investierte. Zeit war also das Problem. Modellbau musste also schnell gehen und nach dem Schema „plug and play“ für jedermann zugänglich werden. So entstand auch das Motto „Fliegen für jedermann“, was den Modellbau für jedermann greifbarer machte und damit revolutionierte.

Auch wenn der Modellbaubereich derzeit – vermutlich aus Zeitmangel der Modellbauer – etwas stagniert, bieten wir weiterhin ein Grundsortiment für den ambitionierten Modellbau. Natürlich gibt es auch Verbraucher, die im Internet, gerade in China, wegen günstigeren Preisen direkt kaufen. Oftmals korrelieren günstige Preise jedoch mit Nicht-Konformität (also Nichteinhaltung von gesetzlichen Anforderungen) der Produkte.

Als Jamara Anfang der Siebziger Jahre begann, hieß das Motto „Fliegen für jedermann“. Wie lautet heute das Versprechen.

M.N.: Mit der Produktentwicklung hat sich unser Motto den Produkten und unserer Philosophie zwar angepasst, aber nicht gänzlich geändert. Das Motto „Just Play“ entwickelt also unseren Grundgedanke „Fliegen für jedermann“ weiter und steht für „einfach Spielen und Spaß haben“.


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