Handel

Spielwarenhändler im Lockdown

Kundenkontakt hilft
Header_Spielwarenhändler im Lockdown

Pandemie trifft Vielfalt der Spielzeug-Fachgeschäfte

Auch im weltgrößten Spielwarenmarkt USA ist die Lage alles andere als einheitlich. Viele der rund 1.800 unabhängigen Spielzeug-Fachgeschäfte laufen Gefahr, die Pandemie nicht zu überleben. Das hätte für die Zukunft weitreichende Folgen. Richard Gottlieb, Chef von Global Toy Experts, befürchtete im Gespräch mit Toy Guy Chris Byrne im Playgroud Podcast, dass die „USA eine Spielzeuggeschäft-Wüste werden“ könnten. 

Dabei geht es nicht nur darum, dass für Kinder und Familien der Spielzeug-Spezialist um die Ecke vom Markt verschwindet. Die Auswahl im stationären Handel wird für Verbraucher einfach kleiner. Denn im Schnitt findet sich in großen Verbrauchermärkten zwar eine stattliche Auswahl von 3.000 bis 5.000 Artikel. Denkt man allerdings an die Spielwarenmesse in Nürnberg, ist das nur ein Bruchteil des Angebots. Das weltgrößte Spielzimmer zeigt Jahr für Jahr rund eine Million Produkte und Spielideen. Und für die Hersteller besteht die Gefahr, mit Neuheiten deutlich schwieriger in den Markt zu kommen, um die Klassiker von Morgen zu etablieren.

Aktiver Kundenkontakt als Umsatz-Retter

Fachhändler rund um den Globus haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Während eines Shutdowns waren sie weitgehend von ihren Kunden abgeschnitten. Aus Großbritannien ist bekannt, dass Verbraucher noch kurz vor dem Lockdown sich mit Spielwaren eindeckten. Die britische Toy World berichtet etwa vom Spielzeughändler Toy Box aus Beccles in Suffolk. Beim zweiten britischen Lockdown bis Dezember 2020 hielt sich die Toy Box mit einem Click & Collect-Angebot über Wasser. Um mit der Wiedereröffnung den Kunden mehr Zeit für das Weihnachtsshopping zu geben, wurde unter anderem an allen Sonntagen geöffnet. Außerdem, so heißt es weiter, habe sich die bereits vorhandene Online-Präsenz in 2020 für das Geschäft zu einem ordentlichen Standbein entwickelt.

Nicole Moser-Dümpelmann, Spielzeuggeschäft Pfiffikus
Nicole Moser-Dümpelmann, Spielzeuggeschäft Pfiffikus setzt ihr Smartphone als private Shoppingberaterin Pfiffilotta ein.Foto: Thomas Tjiang

Ganz andere Erfahrungen hat das deutsche Spielzeuggeschäft Pfiffikus in der Spielzeugstadt Nürnberg gemacht. Chefin Nicole Moser-Dümpelmann hatte schon beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 eine einfache, aber wirksame Lösung umgesetzt. Um Kunden weiterhin persönlich zu beraten, setzt sie ihr Smartphone als private Shoppingberaterin Pfiffilotta ein. Per WhatsApp- oder FaceTime-Video sendet sie individuelle Produktvorschläge mit persönlicher Ansprache und zwei bis drei Minuten Länge als Antwort auf Kundenanfragen oder führt in Echtzeit per Video durch ihre Sortimente.

Moser-Dümpelmann hat mit ihrem Smartphone Pfiffilotta zwei interessante Erfahrungen gemacht. Einerseits hat sie manch eine handyaverse Uroma als Kundin verloren. Der Social-Media-Kaufkanal wurde allerdings zu fast drei Viertel von Neukunden genutzt. Andererseits konnte sie mit ihrer „total simplen“ Idee den Umsatz ihres eigenen Shops deutlich übertreffen. Zusätzlich hat sie sich in der Corona-Pandemie zu einem wöchentlichen Videokonferenz-Austausch mit zwei weiteren Spielzeugfachhändlern aus dem Großraum verabredet. Daraus ist bei bestimmten Spielwaren eine Art lose Einkaufsgemeinschaft für bessere Konditionen geworden.

Innovative Services bei Kunden bekannt machen

Die deutschen Spielwaren-Fachhändler befinden sich seit Mitte Dezember in zweiten Lockdown, während Verbrauchermärkte und Drogerien weiter Spiele verkaufen. Stationäre Fachhändler sind daher umso mehr gefordert, Service und Verkauf zu verbessern. 

Denn laut der Handelsforscher IFH Köln hat über ein Drittel der deutschen Verbraucher seine Einkäufe ins Netz verlagert. Neue Serviceangebote des Einzelhandels, um trotz geschlossener Läden Waren zu verkaufen, werden bisher von Konsumenten selten aufgegriffen. Mit 17 Prozent am meisten genutzt wird Click & Collect, dicht gefolgt von Lieferservice-Angeboten von Händlern (16 %). Das geht aus dem „Corona Consumer Check“ des IFH Köln hervor. 

Neuere Cross-Channel-Services, wie beispielsweise die Beratung über soziale Netzwerke, virtuelle Showrooms oder Virtual Shoppingangebote werden noch kaum genutzt (5 %). Dabei werden letztere von den befragten Konsumenten zwar als interessant bewertet, sind allerdings noch wenig bekannt. Im Ausbau dieser und weiterer Cross-Channel-Angebote und ihrer entsprechenden Kommunikation in die Zielgruppe liegt ein wichtiger Ansatz für den stationären Handel.

Schon unseren Newsletter abonniert?

Expertenwissen, die neuesten Trends und aktuelle Entwicklungen der Branche. Bleiben Sie mit dem monatlichen Besuchernewsletter der Spielwarenmesse® top informiert

Über den Autor

Thomas Tjiang freier Wirtschafts- und Lokaljournalist, Referent und Kommunikationsberater. Seit Anfang der 1990er Jahre hat er für alle Medientypen, wie Tages- und Monatspresse, Hörfunk, TV, Nachrichtenagentur und Online-Redaktionen gearbeitet. Der Literatur- und Kommunikationswissenschaftler lebt seit über 30 Jahren in Nürnberg.