
Der Asterix der Brettspielbranche
Tom Werneck veröffentlicht Buch über Das moderne Brettspiel
Erst im Februar 2025 konnte man Tom Werneck, natürlich, auf der Spielwarenmesse treffen. Auf der Internationalen Spieleerfindermesse, die er erfunden hat, deren Zusammenkünfte 25 Jahre lang in Haar bei München stattfanden. Seit 2023 ist diese umgezogen und inzwischen hier zu Hause, auf der Nürnberger Spielwarenmesse. Da sprühte Werneck wieder vor Energie, und vor Vorfreude. Ein Mann, klassisch gut angezogen mit Jackett, Krawatte, frisch geputzten Schuhen. Sein Leben hat er dem Brettspiel gewidmet. Er ist der Impresario der Brettspielbranche, der Strippenzieher, der Öffner und Erfinder von Spielräumen.
Drei Fragen an Tom Werneck:
Wann kamen Sie auf die Idee, eine Doktorarbeit über ‚Spiele‘ zu schreiben?
Tom Werneck: Mir war immer klar: Wenn das jetzt nicht aufgeschrieben wird, dann geht das alles verloren. Da ich die Geschichte über Jahrzehnte maßgeblich mitgestaltet habe, wollte und konnte ich sie hinterlassen.
Wie lange sitzen Sie schon an diesem Werk?
Tom Werneck: Vor fünf Jahren habe ich begonnen und mich zügig drangemacht. Dann kam Corona. Die Staatsbibliothek war geschlossen. Es ging nichts voran. Netto-Arbeitszeit waren drei Jahre.
Wie kam es zur populären Buchausgabe fürs große Publikum, die jetzt fast zeitgleich erscheint? Und was unterscheidet sie vom wissenschaftlichen Werk?
Tom Werneck: Als ich fertig war mit dem Wissenschaftstext, hab‘ ich 500 Seiten an Piatnik in Wien geschickt. Verlagsleiter Dieter Strehl – wir kennen uns schon ewig – hat gleich gesagt: Schreib das um, her damit. Also hab‘ ich die Fußnoten rausgenommen (kann man alles online nachlesen), hab wissenschaftliche Diskussionen entfernt und kürzere Sätze gebildet. Dafür sind sehr viele Fotos hineingekommen und jetzt bin ich guten Mutes, dass die Spielebranche das Werk annehmen wird.
Vielen Dank für das Gespräch.
Ältester Doktorand in Bayern
Nun hat er sich diesen arbeitsreichen Traum erfüllt und wird als ältester Doktorand Bayerns gefeiert: Geboren im Kriegsjahr 1939, begeht Werneck im Juli seinen 86. Geburtstag: „Ich freue mich, dass ich meine Ausbildung mit der Dissertation hier abgeschlossen habe: An der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle!“ Das Thema dreht sich natürlich um Spiele: „Spiele im Wandel: Die Evolution des modernen Brettspiels in Deutschland (1949-2000). Eine Bestandsaufnahme“.
Spielekritiker schreibt Brettspielgeschichte
In seinem langen Berufsleben war der Jurist vor allem als erfolgreicher Manager in der Elektroindustrie tätig. Das war ihm nicht genug, denn seine wahre Leidenschaft sind die Brettspiele. Früh hat er sich als profunder Kritiker solcher Spiele hervorgetan und für deutsche Zeitungen Brettspielkritiken verfasst, als erstes in den Nürnberger Nachrichten, in der ZEIT, der FAZ. Nun erschien am 25. April 2025 die populäre, vom wissenschaftlichen Ballast befreite Ausgabe seiner Doktorarbeit, verschönt mit unzähligen Fotos von Menschen und Spielen fürs Publikum, als Brettspielgeschichte für die unzähligen Brettspielfans ein Muss: „Das Moderne Brettspiel. Die erstaunliche Entwicklung von 1950 bis 2000“.
Mittendrin statt nur dabei: Die Gründung des Vereins „Spiel des Jahres“

Einer der Vorteile dieses Werkes: Tom Werneck war früh dabei, mittendrin, ein Zeitzeuge, der sich nicht mit Zuhören zufriedengab, der gestalten wollte. Dabei konnte er seine Kernbegabungen, den Blick fürs große Ganze und die Organisation von Strukturen aus dem Nichts, einbringen. Werneck erinnert sich: So kam es im Wohnzimmer zur Gründung des Vereins „Spiel des Jahres“, der die gesamte Branche in der Folge vom Kopf auf die Füße stellte. „Am Donnerstag, 8. Februar 1978, am Abend vor der Messeeröffnung in Nürnberg, saßen Bernward Thole, Alex Randolph, Jürgen Herz, Gilbert Obermair, Dieter Hasselblatt, Hannelore Ganslandt, Frank Ullmann und noch ein paar andere aus der Branche vor dem Kamin. Jürgen Herz, ein journalistischer Kollege, hatte eine Gesprächspause abgewartet und schlug vor, ein ‚Spiel des Jahres‘ zu wählen.” Aus diesem Impuls entstand der bis heute so wirkmächtige Verein „Spiel des Jahres“. Hier kann man es alles noch einmal nachlesen.
Wir finden außerdem Porträts der „Autoren der ersten Stunde“, eine ausführliche Würdigung der „Meilensteine: Catan und Carcassonne“. Und auch mit kritischen Worten zu mancher Entwicklung des „Spiel des Jahres-Vereins“, der Branche, spart Werneck nicht. Angst davor zu haben, seine Meinung zu äußern, gehört nicht zu Wernecks Charakterzügen.
Langer Einsatz ums immaterielle Kulturerbe
Das Buch ist faszinierend, uneingeschränkt empfehlenswert für alle Brettspiel-Nerds und -Historiker. Ein detailfreudiges Nachschlagewerk, ein Loblied aufs Spiel, eine Dokumentation all der Kämpfe, zum Beispiel um den Kulturgutbegriff, angewandt auf Brettspiele (und die Erklärung, warum das so wichtig ist). Auch der weite Weg zur erst kürzlich geglückten Ernennung zum immateriellen Kulturerbe – zunächst in Thüringen und ganz neu seit März 2025 auf der Bundesliste, wird aufgezeigt. Gemeinsam mit seinem Mitstreiter Jens Junge, Direktor des „Instituts für Ludologie“, jubelte er erst im März 2025: „Die Kultusministerkonferenz hat die Brettspielkultur in das Bundesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.“
Spuren des Kampfes

Die Spuren der jahrelangen Kämpfe haben Werneck nicht gezeichnet. Er wirkt auch mit 85 Jahren höchstens noch energiegeladener. Ein Mann, den Walt Whitman, Amerikas großer Vorkämpfer für Demokratie im 19. Jahrhundert, beschrieben haben könnte: „Oh, solange ich lebe, möchte ich der Herrscher des Lebens sein, nicht ein Sklave, ich möchte dem Leben als mächtiger Eroberer begegnen, und nichts von außerhalb von mir wird jemals die Kontrolle über mich übernehmen.“ Nun, Tom Werneck hat sich nicht immer überall Freunde gemacht, auch weil er nicht mit jedem gut Freund sein wollte. Wir sind ja in der Spielewelt, da sind gewagte Vergleiche akzeptiert: Er erinnert, in Größe und Statur, an Asterix, dem das Kämpfen in die Natur gegeben wurde.
TOM WERNECK
Tom Werneck ist ältester bayerischer Doktorand und hat 2025 mit einer Arbeit über die Geschichte des Brettspiels in Deutschland promoviert. Seit den 70er Jahren verstärkte er sein Engagement für die Brettspielbranche.
Sein Wirken
- Spielekritiker der ersten Stunde.
- Gründungsmitglied von Spiel des Jahres.
- Vater der Internationalen Spieleerfindermesse auf der Spielwarenmesse.
- Vorkämpfer für das UNESCO immaterielle Kulturerbe Spiel
Sein Werk
Werneck, Tom (2025). Spiele im Wandel: Die Evolution des modernen Brettspiels in Deutschland (1949-2000) Eine Bestandsaufnahme. Dissertation, Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein.
Werneck, Tom (Piatnik, Wien 2025), Das Moderne Brettspiel. Die unglaubliche Entwicklung von 1950 bis 2000, Wien 2025. ISBN 978-3-200-10424-2.
Werneck, Tom (Ravensburger 2015), Leitfaden für Spieleerfinder - und solche, die es werden wollen. Ein praktischer Ratgeber, 7. Auflage, Ravensburg. ISBN 4005556268993. Zur Bezugsquelle https://spiele-archiv.de/index.php/de/leitfaden-fuer-spieleerfinder
Rund 40 Werke veröffentlichte Tom Werneck bisher
Über den Autor
Peter Budig hat Evangelische Theologie, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Er war als Journalist selbstständig, hat über zehn Jahre die Redaktion eines großen Anzeigenblattes in Nürnberg geleitet und war Redakteur der wunderbaren Nürnberger Abendzeitung. Seit 2014 ist er wieder selbstständig als Journalist, Buchautor und Texter. Storytelling ist in allen Belangen seine liebste Form.

