
Sphären aus Glas und Stein
Die Faszination der Murmeln
Von Peter Thomas
Murmeln sind Kinderspielzeug und Kunstwerk, Sammelgegenstand und Sportgerät. Auf der Spielwarenmesse 2026 in Nürnberg gab der Weltmarktführer aus Mexiko einen Einblick in die Branche. In der Pfalz bereitete man sich derweil auf die Turniersaison vor.

In dunklem Blau schimmert das Glas, über die Oberfläche ziehen weiße Wirbel mit farbigen Feldern darunter. „Blue Marble“ („blaue Murmel“) heißt das Foto – es ist das wohl berühmteste Bild, welches das Spielzeug Glasmurmel mit seiner besonderen Ästhetik zeigt. Nur dass natürlich keine echte Murmel darauf zu sehen ist: Am 7. Dezember 1972 nahm Harrison Schmitt, Astronaut von Apollo 17, mit seiner Hasselblad-Mittelformatkamera dieses Bild des Erdballs vor dem Schwarz des Weltalls auf. Die Faszination dieses Motivs hat sich seither nicht verändert. Im April 2026 haben aktuelle Aufnahmen der Erde durch die Artemis-II-Mission den Zauber des Planeten aus der Perspektive des Weltraums erneut eingefangen.
Innovation und Transformation

Warum man unseren Planeten auf solchen Bildern seit mehr als 50 Jahren mit einer Murmel vergleicht? Weil seine Ästhetik aus dieser Perspektive tatsächlich an die Schönheit klassischer Glasmurmeln erinnert. Zu verdanken ist dieses haptisch wie optisch begeisternde Spielzeug thüringischen Glaskünstlern aus Lauscha. Sie verbanden Mitte des 19. Jahrhunderts Innovationsgeist und Experimentierfreude, um ein neues Produkt zu erschaffen. Wichtigste Wegbereiter waren Elias Greiner Vetters Sohn und Johann Christoph Simon Karl Greiner. Sie ließen sich von kostbaren Achatkugeln aus der Edelsteinstadt Idar-Oberstein für ihre Glasmurmeln inspirieren.
Maßgeblich war die Weiterentwicklung einer Zange zur Fertigung von Augen für Stofftiere zur sogenannten „Märbelschere“. Mit diesem Werkzeug startete die Manufakturproduktion von Glasmurmeln in Lauscha durch, der Standort in Thüringen war bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Welthauptstadt der Murmelproduktion. Seit 1975 werden in Lauscha wieder Glasmurmeln („Glosmärbel“) von Hand hergestellt, vor allem in der Elias Farbglashütte. Historische Murmeln aus Lauscha sind ein begehrtes Sammelobjekt. Das Museum für Glaskunst Lauscha hat dem Thema von 2019 bis 2020 eine große Sonderausstellung gewidmet.
Welterfolg Glasmurmel
Heute liegt ein Schwerpunkt der Produktion von Glasmurmeln in Mexiko: „Wir produzieren für die ganze Welt“, sagt auf der Spielwarenmesse 2026 in Nürnberg der Verkaufsleiter international von Glasfirma, Edgar Armenta. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Guadalajara. Die Großstadt mit 1,9 Millionen Einwohnern im Bundesstaat Jalisco ist die zweitgrößte Stadt des Landes. Glasfirma deckt mit maschineller Produktion das gesamte Portfolio der Glasmurmelherstellung ab – auch die Anbieter der beliebten Murmelbahnen gehören zu den Kunden.

Aber auch als klassisches Kinderspielzeug, Sammelgegenstand, Sportgerät und Werbeartikel sind Glasmurmeln sehr gefragt. „Wobei sich das nicht immer ganz scharf trennen lässt“, sagt Fachmann Armenta: Kinder, die mit Murmeln spielen, sammelten häufig auch – zum Beispiel Sondereditionen mit beliebten Motiven. Auf jeden Fall sei das analoge und so klar im 19. Jahrhundert verankerte Spielzeug in der Zeit digitaler Medien sehr beliebt: Rund 60 Tonnen Rohmaterial verarbeite Glasfirma im Monat zu Murmeln, das entspricht einer Produktion von mehreren Millionen dieser schönen Spielzeuge. Wichtig für den mexikanischen Hersteller ist dabei die Nachhaltigkeit, betont der Verkaufsleiter: Recyclingglas spiele als Ausgangsstoff eine wichtige Rolle.
Verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen
Das Motiv Nachhaltigkeit ist nicht neu in der Geschichte der Murmeln. Deren Historie reicht mindestens 3000 Jahre zurück. So alt sind die Funde und Darstellungen von Spielkugeln aus Lehm, Stein, Glas und anderen Materialien. Prägend waren für viele Jahrhunderte Murmeln aus Marmor und anderen hochwertigen Steinen. Diese Herkunft steckt auch im Wort „Murmel“. Im Englischen bedeutet „marble“ sowohl das Gestein wie das Spielzeug.

Hergestellt wurden die Murmeln in Kugelmühlen. Das sind in Bächen oder kleinen Flüssen liegende Mahlwerke, in denen grob in Form gebrachte Ausschussfragmente der Steinindustrie zu perfekten Kugeln geschliffen werden. Ursprünglich wurden die kleinen Kugeln als Schrot für Schiffsgeschütze und Ballast im Fernhandel mit Großseglern verwendet. Schließlich setzte sich der Verkauf als Kinderspielzeug durch. Das Handwerk des Kugelmüllers war einst in Alpen und Mittelgebirgen weit verbreitet. Heute finden sich arbeitende historische Kugelmühlen zum Beispiel noch in Neidlingen (Schwäbische Alb) und Seeham (Österreich).
Spiel und Sport
Ob spontanes Kinderspiel im Schulhof oder offizielle Meisterschaft: Murmeln laden zu spielerischen Wettkämpfen ein. Legendär ist die jährlich an Karfreitag stattfindende Weltmeisterschaft „The British and World Marbles Championship“ der internationalen Murmelszene in England. Ausgetragen wird das leicht exzentrische Championat traditionell im Außenbereich des Pubs „The Greyhound“ in Tinsley Green. Die lokale Tradition führt man dort bis ins ausgehende 16. Jahrhundert zurück, gespielt wird nach den Regeln des „Englischen Ringspiels“. Dabei geht es darum, mit einer großen Murmel („Tolley“) die kleineren Kugeln aus dem Spielfeld zu befördern. Wer ein modernes Murmelset von Glasfirma im Netzbeutel kauft, findet oft die entsprechende Zusammenstellung einer großen und mehrerer kleiner Murmeln.

Wettkämpfe verlangen oft ein erstaunliches Maß an Fingerfertigkeit und Präzision. Besuch beim Ersten Murmelspielclub Ludwigshafen-Friesenheim 1997: Der Sportverein trifft sich im Winter zum Indoor-Training auf kleinen Tischbahnen mit verschiedenen Hindernissen. „Das ist unser Friesenheimer Fünfkampf“, lacht Vereinsvorsitzender Theo-Heinz Adrian. Gespielt wird mit Murmeln aus Glas oder keramischen Werkstoffen, deren Durchmesser exakt 16 Millimeter beträgt. „Die Abweichung beträgt plus/minus 0,25 Millimeter“, erklärt Adrian.
Im Sommer verlagert sich das Vereinsgeschehen ins Außengelände, wo es eigene Spielbahnen mit Sandbelag gibt. Dort finden Training und Turniere nach den Regeln des „Deutschen Lochspiels“ statt. Umgangssprachlich heißt die Spielweise auch einfach „Kuhlemurmeln“. Es gibt in Deutschland rund 20 aktive Murmelvereine, Dachverband ist der Deutsche Murmelrat. Die Deutschen Meisterschaft finden in diesem Jahr am 25. Juli 2026 in Sandhatten statt. Ausgerichtet wird das Turnier vom örtlichen Sportverein Murmel 011, der sein 15-jähriges Bestehen feiert.
Über den Autor
Geschichten über Technik und Menschen erzählen: Das fasziniert Peter Thomas, den Journalisten, Autor, Kulturwissenschaftler und Dozenten seit mehr als 30 Jahren. Technisches Spielzeug steht dabei immer wieder im Fokus, vom Baukasten bis zu interaktiven digitalen Lernspielzeugen. Nach Studium und Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität schreibt Peter Thomas für Tageszeitungen, Magazine und Unternehmenspublikationen im deutschen und englischen Sprachraum. Seine Schwerpunkte neben der Welt des Spiels sind Mobilitäts-, Sicherheits-, Energie- und Medizintechnik.


