Spielwarenmesse: Wir müssen handeln!

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Wir müssen handeln!

von Ulrich Texter

Ende März fand die bio!TOY, die erste Konferenz über Spielzeug aus biobasierten Kunststoffen in Nürnberg statt. Bio-Pioniere der Spielzeugbranche trafen auf Experten der Biokunststoffindustrie. Ein Vorreiter der Bewegung zu biobasierten Kunststoffen ist das Unternehmen Tecnaro. Forschungs- und Entwicklungsleiter Dr. Michael Schweizer glaubt, dass wir mitten in einem Paradigmenwechsel bei Rohstoffen stecken – und der wird auch die Spielwarebranche erfassen.


Herr Schweizer, schauen Sie bitte einmal in die Glaskugel. Gehört Werkstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen die Zukunft?

Portrait
Dr. Michael Schweizer, Forschungs- und Entwicklungsleiter von Tecnaro

Dr. Michael Schweizer: Ganz sicher ja. Im Moment erleben wir eine Rohstoffwende auch in der Kunststoffindustrie.

Was sind die Gründe dafür?

M.S.: Die Versorgung einer immer schneller wachsenden Weltbevölkerung mit sauberem Trinkwasser, gesunder Nahrung sowie Rohstoffen und Energie, ohne dabei die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden, das zählt zu der größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Das sagt die Firma Tecnaro seit ihrer Gründung und es ist das, was uns auch antreibt, nämlich mit unseren nachhaltigen Werkstoffen einen Teil zur Lösung eines globalen Problems beizutragen.

Dürfen wir uns darauf gefasst machen, dass wir in Deutschland zukünftig jeweils ein Drittel der Agrarflächen für die Erzeugung von Lebensmitteln, ein Drittel für Rohstoffe zur Energiegewinnung und ein weiteres Drittel für pflanzliches Polyethylen brauchen?

M.S.: Nein, weil allein der weltweite Bedarf an Kunststoffprodukten gar nicht so hoch ist. Eine Studie kam zum Ergebnis, dass sämtliche Landflächen, die in der EU im Moment brachliegen, aber subventioniert werden, damit sie brachliegen, ausreichen würden, um den weltweiten Bedarf an Kunststoffen zu decken. Wenn wir allerdings davon sprechen, fossile Brennstoffe zu ersetzen, sieht die Sache anders aus. Das können wir mit den Landflächen nicht decken.

Sie waren einer der Keynote Speaker auf der bio!TOY Konferenz. Hat nicht nur die Welt ein Plastik-Problem, sondern auch die Spielwarenbranche?

M.S.: Viele Spielwaren werden heute aus Plastik hergestellt, insofern ist es nur folgerichtig, dass die Spielwarenindustrie ein Teil des Puzzles ist. Die Branche dürfte sicherlich froh und dankbar sein, wenn es über kurz oder lang alternative Werkstoffe gibt.

Spielzeug für Babys
Auch der Spezialist für Holzspielzeug, Haba, setzt auf das „flüssiges Holz“ von Tecnaro.

Wie nachhaltig ist Spielzeug aus biobasierten Kunststoffen, wenn es doch dieselben Molekülketten aufweist wie Petro-Kunststoffe?

M.S.: Der erste Punkt ist, dass in biobasierten Spielwaren kein ölbasierter Kunststoff enthalten ist. Historisch betrachtet steht uns Öl nur für eine sehr kurze Zeit zur Verfügung. Entscheidend ist aber, dass durch die Verbrennung von Erdöl, sei es als Treibstoff oder als erdölbasierter Kunststoff, die Klimaerwärmung zunimmt, weil wir CO2 freisetzen. Selbst wenn wir erdölbasierten Kunststoff ein paar Mal recyceln würden, um es am Ende doch zu verbrennen, gelangt zusätzliches CO2 in die Atmosphäre. Die Werkstoffe, die wir anbieten und die die Basis für Spielwaren liefern, werden am Ende der Werkstoffkette vielleicht auch verbrannt, aber sie setzen kein zusätzliches CO2 frei, sondern nur das, was die Pflanzen bereits vorher aufgenommen haben, das heißt, wir leben im Kreislauf der Natur.

Gehört biologisch abbaubaren Kunststoffen die Zukunft oder gehen auch sogenannte Drop-in-Lösungen, solange wir das Recycling des Kunststoffes im Griff haben?

M.S.: Mit Sicherheit gehört beiden Lösungen die Zukunft: Sowohl den biologisch abbaubaren als auch den Drop-in-Lösungen, die grundsätzlich ja die gleiche chemische Struktur und Eigenschaften wie entsprechende petrochemische Produkte aufweisen. Insofern kommt dem Thema Recycling auch eine große Relevanz zu.

Biologisch abbaubar ist also nicht per se der bessere Weg?

M.S.: Nein, nicht unbedingt, denn auch biobasierte Kunststoffe, die nicht biologisch abbaubar sind, aber verbrannt werden, greifen nicht in das ökologische Gleichgewicht ein. Außerdem muss man beim Begriff  biologisch abbaubar sehr genau aufpassen. Die Tatsache, dass mein Kaffeebecher To Go jetzt biologisch abbaubar ist, darf nicht dazu führen, dass ich ihn nach dreimaligem Gebrauch einfach in die Natur werfe. Selbst wenn der Werkstoff biologisch abbaubar ist, kann es unter Umständen Jahre dauern, bis er tatsächlich verrottet ist. Wenn jetzt jeder denkt, den Becher kann ich ruhig in den Wald werfen, nimmt die Vermüllung eher noch zu. Es gibt Anwendungen, bei denen biologisch abbaubare Kunststoffe Sinn ergeben. Ich halte es auch für richtig und wichtig, dass hier weiter spezielle Rezepturen entwickelt werden, die Tecnaro ja anbietet, aber das wichtigste ist, möglichst geschlossene Kreisläufe für Werkstoffe aufzubauen.

Ihr Unternehmen, 1988 als Spin-Off des Fraunhofer Institutes Chemische Technologie gegründet, stellt auf Basis nachwachsender Rohstoffe Biokunststoffe und Biocomposites her. Was ist das Besondere Ihrer Biowerkstofffamilie?

M.S.: Alle drei Biowerkstoffe sind für sehr verschiedene Anwendungen ausgelegt. Arboform zeichnet eine besonders hohe Nachhaltigkeit aus. Erstmals ist es hier gelungen, den Stoff Lignin, ein Abfallstoff bei der Zellstoffindustrie, also der Papierherstellung, stofflich zu verwerten. Das Polymer Lignin wird mit Naturfasern und natürlichen Additiven zu einem Granulat gemischt, das man im Spritzgussverfahren einsetzen kann.

Figur von Janosch und Bobo
Die Hörfiguren „Der kleine Tiger“ und „Bobo Siebenschläfer“ für die Toniebox der Boxine GmbH sind beide aus Arboblend.

Und die anderen beiden?

M.S.: Bei Arbofill verwenden wir Holzfasern, was eine wunderschöne Optik ergibt, z.B. für Haushaltswaren oder Büroartikel. Bei Arboblend spielen nachwachsende Rohstoffe eine sehr große Rolle. Hier versuchen wir, ganz verschiedene Rohstoffe zu nutzen. Das können Drop-in-Lösungen sein, das können Biopolyester oder Biopolyamine sein; es können aber auch natürliche Additive oder Fasern dabei sein. Da stehen uns eine ganze Bandbreite an Materialien und durch die verschiedenen Rohstoffe unglaubliche Gestaltungsmöglichkeit zur Verfügung.

Sie sprachen in Nürnberg davon, dass Bioplastik vor 10 Jahren noch etwas Besonderes war. Das hat sich geändert. Hinkt die Spielwarenbranche noch ein wenig hinterher und deshalb diese Konferenz?

M.S.: Es braucht seine Zeit, bis biobasierte Werkstoffe auf dem Markt akzeptiert werden. Die Frage, warum man etwas ändern soll, wenn man bis dato doch ein tolles Material verwendet hat, ist ja durchaus verständlich. Nicht selten ist es auch eine Frage des Preises, das will ich gar nicht verschweigen. Tatsache ist, dass nicht die biobasierten Werkstoffe zu teuer, sondern die erdölbasierten Werkstoffe dank der über Jahre hinaus zu niedrigen Erdölpreise viel zu billig sind. Ökologisch war und ist das eine Katastrophe und zwar für die gesamte Menschheit. Ich sagen Ihnen voraus, dass sich das ändern wird und zwar drastisch. Um auf die Frage zurückzukommen, ich weiß nicht, ob die Spielwarenbranche hinterherhinkt, aber es wird sich was ändern.

Dann spricht die FridaysForFuture-Bewegung Ihnen aus der Seele, oder?

M.S.: Über die bin ich sehr glücklich, da bin ich ganz ehrlich, wenn Schüler sagen, uns ist unsere Zukunft wichtiger als der Unterricht.

Deutschland geriert sich gerne als Vorreiter beim Umweltschutz, trennt wie besessen Müll, produziert aber immer mehr davon. Müssen wir umdenken, auch nachhaltiger in Kinderzimmern sein?

M.S.: Ich glaube schon und das geht vor allem durch Erziehung. Kinder können sehr gut zuhören, sie sind offen, empfänglich und sehr sensibel, wenn sie Bilder von verendenden Tieren im Meer sehen. Die Aufklärung muss deshalb in den Kindergärten anfangen und in den Schulen weitergehen. Nach meiner Meinung steht momentan sehr viel auf dem Spiel und wenn Sie mich fragen, ob es in Kinderzimmern nachhaltiger zugehen soll, sage ich ja, aber nicht durch Verbote, sondern durch Aufklärung.

Nun hat gerade das EU-Parlament während der bio!TOY-Konferenz beschlossen, Plastikteller, Wattestäbchen und Trinkhalme aus dem Verkehr zu ziehen. Ohne Ordnungspolitik scheint es doch nicht zu gehen, oder?

M.S.:  Die Verbote ergeben einen Sinn. Die Ozeane sind voll mit Plastikmüll. Persönlich bin ich aber der Meinung, dass es wichtiger ist, das Bewusstsein zu ändern, denn ich glaube daran, dass der Mensch lernfähig und willens ist, dieses Problem in den Griff zu bekommen, aber es stimmt, wir müssen handeln und zwar jetzt.

Herr Schweizer, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

„Nach meiner Meinung steht momentan sehr viel auf dem Spiel und wenn Sie mich fragen, ob es in Kinderzimmern nachhaltiger zugehen soll, sage ich ja, aber nicht durch Verbote, sondern durch Aufklärung.“

Dr. Michael Schweizer


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Ulrich Texter

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