Spielwarenmesse: Eine Puppe wie ich - Puppen für Kinder mit Beeinträchti­gungen

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Kind mit Beeinträchtigung und Puppe
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Eine Puppe wie ich - Puppen für Kinder mit Beeinträchti­gungen

von Harald Hemmerlein

„Customization“ ist ein kühles Wort aus dem Begriffsvorrat von Marketingexperten. Es bezeichnet die kundenindividuelle Anpassung von Produkten. Die Amerikanerin Amy Jandrisevits ist keine Marketingexpertin, liebt Puppen und hat viel Empathie für Kinder mit Beeinträchtigungen. Für diese Kinder betreibt sie sehr erfolgreich die kundenindividuelle Anpassung von Puppen – als Abbild der Kinder.

Kind mit Puppe von "A doll like me"

Wie fast alle Spielwaren, sind vor allem Puppen und Spieltiere für Kinder hochgradig emotional aufgeladen. Sie können die Bezugsperson vertreten, als Ansprechpartner ihr Fett abbekommen oder als „Sorgenfresser“ trösten. Für Kinder ist die realistische Ausgestaltung einer Puppe meist nicht so wichtig, wie für die erwachsenen Käufer. Den Kindern genügt die Andeutung eines menschlichen Körpers. Auch skizzierte Gesichtszüge genügen ihnen, um einen Gegenstand als Puppe und Gefährtin zu akzeptieren.

Amy Jandrisevits hatte als Sozialarbeiterin in der pädiatrischen Onkologie viel mit Kindern mit körperlichen Beeinträchtigungen zu tun und hat sich gefragt, ob ein Kind, das im Zuge einer Chemotherapie die Haare verloren hat, nicht vielleicht lieber einer Puppe sein Herz öffnet, die ihm ebenfalls glatzköpfig begegnet.

Puppen für Kinde mit Beeinträchtigungen

Als gute Näherin und Puppensammlerin startete sie vor gut drei Jahren das Projekt „A Doll Like Me“ auf Instagram, wo sie zunächst eine blonde Puppe mit Beinstumpf und Prothese zeigte, die einem Mädchen mit dieser Beeinträchtigung zugedacht war.

Die Resonanz war überwältigend. Zahlreiche Medien zunächst in den USA später weltweit griffen das Thema auf und sorgten so für die Verbreitung der Botschaft der Puppenmacherin, die sie auf ihrem Facebook-Profil so zusammenfasst: „In einer idealen Welt wären unterschiedliche Gliedmaßen, Körpermaße, gesundheitliche Voraussetzungen, Muttermale und verschiedene Hände genauso akzeptiert wie alle anderen Dinge, die uns einzigartig machen.“

Die Motivation für ihre Arbeit beschreibt sie mit diesen Worten: „Viele Jahre lang praktizierte ich Spieltherapie in einem Kinderkrankenhaus. Ich stellte fest, dass es eine große Lücke im aktuellen Spielwarenangebot gibt. Du kannst nicht von einem farbigen Kind, das sein Haar verloren hat, erwarten, eine Bindung zu einer weißen Puppe mit blondem Haar aufzubauen. Weil Puppen eine zentrale Rolle bei der Spieltherapie einnehmen, musste ich feststellen, dass ich vielen Kindern aus den genannten Gründen nur schwer helfen konnte.“

Kind mit "A doll like me"

Einige Zeit nach dieser Erkenntnis wurde die Puppenmacherin nach einer Puppe für ein kleines Mädchen gefragt, dem man ein Bein amputiert hatte. Sie habe niemals beabsichtigt, aus ihrer Idee ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Aber über die Sozialen Medien verbreitete sich ihre Idee rasant. Innerhalb von zwei Monaten hatte sie Aufträge für 200 Puppen. Bis heute hat sie fast 400 Puppen für Kinder auf der ganzen Welt geschaffen.

Amy Jandrisevits kreiert ihre Puppen zu Hause an ihrem Esszimmertisch und verkauft sie für 100 US-Dollar. „Wenn Sie dafür nicht aufkommen können, übernehme ich die Kosten,“ schreibt sie in ihrer GoFundMe-Kampagne, die seit 2015 läuft und bislang rund 126.000 Dollar zusammengebracht hat. Kinder und Eltern, die Interesse an ihrer Arbeit haben könnten, findet sie in Zusammenarbeit mit Kinderkrankenhäusern. Ihre Firma A Doll Like Me, Inc. ist eine eingetragene Non-Profit-Organisation.

Anhand von Fotos betreibt  Amy Jandrisevits ihre Art der Customization und bietet ihren Kunden Puppen, die ihren künftigen Besitzern so ähnlich sehen, dass sie sich spontan mit ihnen identifizieren können. Berührende Unboxing-Videos zeigen das.

Puppen für Kinder mit Beeinträchtigungen

Amy Jandrisevits betreibt letztlich ein Handwerk. Anders lassen sich diese Produkte nicht herstellen (sieht man mal von einigen Versuchen ab, die gleichen Effekt mit Hilfe von 3D-Druckverfahren zu realisieren). Massenmarkttauglich sind ihre Puppen damit automatisch nicht. Durch die Medienresonanz bewirkt sie allerdings viel für die Schärfung der Wahrnehmung im Zusammenhang mit den besonderen Bedürfnissen besonderer Kinder. Ganz nebenbei gibt sie auch wichtige Hinweise auf die große Bedeutung, die Puppen und andere Spielwaren für Kinder haben.

Durchaus im Massenmarkt unterwegs sind Spielwarenhersteller, die das Thema Andersartigkeit in ihren Angeboten abbilden. Die Spielwarenmesse eG hat durch ihre Trendscouts einen von drei Mega-Trends für 2020 identifiziert, der dieses Thema auf den Punkt bringt: „Be you!“.

Beispiele gibt es viele: Puppen und Spielfiguren in Rollstühlen, Spiele und Bücher, die Kindern helfen Empathie aufzubauen, Medienangebote an Kinder, die das Thema Andersartigkeit ansprechen, um nur einige zu nennen.


Dieser Artikel stellt die Meinung des Autors dar und stimmt nicht notwendigerweise mit der Meinung der Spielwarenmesse eG überein.

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Autor dieses Artikels:

Harald Hemmerlein

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