Spielwarenmesse: Ethical Toy Program – Interview mit Carmel Giblin

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Ethical Toy Program – Interview mit Carmel Giblin
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Ethical Toy Program – Interview mit Carmel Giblin

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Der Schutz von Arbeitern in der Spielwarenbranche und die Einführung ethisch korrekter Produktstandards sind ein wichtiges Thema, welches sich das Ethical Toy Program des internationalen Spielwarenherstellerverbands ICTI zur Aufgabe macht. Doch wie können Unternehmen Mitglied des Programms werden und welche Vorteile bringt es mit? Das und vieles mehr verrät Carmel Giblin, CEO & President des Ethical Toy Program, im Interview.


Spielwarenmesse: Wofür steht das Ethical Toy Program des ICTI?

Carmel Giblin

Carmel Giblin: Wir stehen für den Schutz von Arbeitern und Arbeiterinnen und für eine Spielzeugbranche, die sich zu ihrer Verantwortung bekennt: unser Programm unterstützt verantwortungsvolle Lieferketten in der Spielzeug- und Entertainmentbranche. Wir arbeiten mit mehr als 1.200 Lieferanten sowie 1.500 Marken, Händlern und Lizenzgebern weltweit zusammen. Unser starkes Programm zur Zertifizierung von Sozialstandards, unsere weitreichenden Programme zum Kompetenzaufbau, unsere skalierbaren Initiativen zum Wohlergehen von Arbeitern und unsere Online-Plattform für verantwortungsvolles Sourcing und Business Matching haben dafür gesorgt, dass das Ethical Toy Program einen hervorragenden Ruf genießt.

1995 verfasste das International Council of Toy Industries (ICTI) einen Kodex über gute Unternehmenspraktiken mit dem Titel „Code of Business Practices“, der als einheitlicher Standard für ethische Produktion in der Spielzeugindustrie gilt.

2004 wurde das Ethical Toy Program des ICTI als unabhängige Non-Profit-Organisation ins Leben gerufen, um die Umsetzung des Kodex und die Zertifizierungsvorgänge auf der Grundlage des Code of Business Practices des ICTI zu überwachen. Deswegen steht in der englischen Bezeichnung die Abkürzung „ICTI“ vor unserem Namen und bringt unsere langjährige Beziehung zum Ausdruck - ICTI Ethical Toy Program (IETP).

Welche Vision verfolgen Sie mit dem Ethical Toy Program?

C. G.: Wir wollen die Lebensumstände von Arbeiterinnen verbessern und die Branche durch die Einführung ethischer Produktionsstandards stärken. Wir wollen, dass Verbraucher wissen, woran sie sind, wenn sie Produkte von unseren Mitgliedsunternehmen erwerben. Und wir wollen auch, dass die von uns zertifizierten Fabriken Produktionsstandorte sind, für die sich sowohl Arbeiter als auch Einkäufer gerne entscheiden.

Das IETP fördert Kooperation und bringt dafür Hersteller, Markeninhaber, den Einzelhandel und die Zivilgesellschaft an einem Tisch zusammen. Dort diskutieren alle gemeinsam Fragen der sozialen Nachhaltigkeit in den Lieferketten der Spielwarenindustrie, finden Lösungen und verbessern die Situation der Fabrikarbeiter. Wir werden auch weiterhin dafür sorgen, dass unsere Mitglieder messbare und dauerhafte positive Ergebnisse sehen.

Was sind Ihre Maßnahmen zur Unterstützung von Markeninhabern, Herstellern und Handel in der Spielzeugbranche?

C. G.: Zum Kompetenzaufbau veranstaltet und unterstützt das IETP Schulungsmaßnahmen, Webinare und runde Tische. Wir arbeiten auch mit internationalen Messeveranstaltern wie der Spielwarenmesse® und mit Nachhaltigkeitskonferenzen zusammen. Darüber hinaus haben wir einzigartige Initiativen zur Stärkung des Wohlbefindens von Arbeiterinnen aufgelegt, zu denen familienfreundliche Räume, Ausbildungsmaßnahmen für Eltern mit Migrationshintergrund und unsere kostenfreie Helpline für Arbeiter gehören.

Um ein entsprechendes Bewusstsein zu schaffen, hat das IETP eine Risikoeinstufung im Rahmen seiner Audit-Checkliste eingeführt. Dadurch wird es für Einkäufer und Hersteller einfacher, die Gesamt-Performance eines Produktionsbetriebs zu bewerten, besondere Problembereiche zu identifizieren (z.B. Umwelt, Gesundheit und Sicherheit) und ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie gravierend die identifizierten Probleme sind. Unsere Online-Plattform für verantwortungsbewusstes Sourcing bietet darüber hinaus Analysen, Statusmeldungen und Tools zum Matching von Geschäftskontakten an, Damit werden sowohl Lieferanten als auch Einkäufer in die Lage versetzt, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Was sind die Vorteile, die Sie Ihren Mitgliedern bieten?

C. G.: Die Einkäufer und Fabriken, die bei uns Mitglied sind, erhalten regelmäßig Informationen und werden beim Erreichen ihrer Ziele im Bereich verantwortungsvolles Sourcing unterstützt. Herstellungsbetriebe können sich durch das IETP zertifizieren lassen. Das bedeutet, wir sorgen verantwortungsvoll gemeinsam mit dem Betrieb dafür, dass Probleme angegangen und sodann Verbesserungen erreicht und auch beibehalten werden.

Unternehmen, die mit dem IETP zusammenarbeiten, bekennen sich zur Schaffung besserer Arbeitsbedingungen und zur Verbesserung von Sozialstandards. Unsere Mitglieder verzeichnen eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit sowie eine niedrigere Fluktuation und haben daher eine höhere Produktivität bei niedrigeren Kosten. Gleichzeitig verfügen sie stabil über qualifizierte Arbeitskräfte.

Wie kann ein Unternehmen Mitglied im Ethical Toy Program werden? Welche Voraussetzungen müssen für eine Zertifizierung erfüllt sein?

C. G.: Es gibt zwei Arten von Mitgliedschaften: Zum einen für Einkäufer als Buyer Member und zum anderen für Produktionsbetriebe als Factory Member. Auch Markeninhaber, Einzelhändler, Lizenzgeber und Handelsvertreter, die Produkte herstellen, kaufen oder verkaufen, können als Buyer Member beitreten und so zeigen, dass verantwortungsvolles Sourcing für sie wichtig ist. Unsere Buyer Members halten dann die Hersteller an, von denen sie Waren beziehen, sich zertifizieren zu lassen.

Als Factory Member wird man Mitglied der weltweit größten Community von Betrieben, die nach ethischen Maßstäben zertifiziert sind. In der öffentlich zugänglichen IETP Audit Checkliste sind alle Anforderungen aufgeführt, die ein Betrieb einhalten muss, um die Zertifizierung zu erhalten. Die IETP-Zertifizierung umfasst Bereiche, die in Lieferketten immer wieder auftreten, wie moderne Sklaverei, Arbeitszeiten, Löhne, Umwelt-Gesundheit-Sicherheit (EHS), verantwortungsvolle Einstellungspolitik und ethisches Verhalten im Geschäftsleben. Die im Rahmen unserer Checkliste vorgenommene Einstufung zur Risikoanfälligkeit bestimmt, welche Zertifizierung einem Betrieb zuerkannt wird: Certified (Zertifiziert), Probation (in der Probezeit), Progressing (Betrieb macht Fortschritte) oder In Remediation (Betrieb ist dabei, Fehler zu beheben).

Fabriken, in denen in Asien Spielzeug produziert wird, sind teilweise hoch umstritten. Wie würden Sie die aktuelle Situation beschreiben?

C. G.: China kann nachgewiesenermaßen Erfolge in der Produktion vorweisen und auf eine hervorragende Infrastruktur und hoch entwickelte Fertigungskompetenzen zurückgreifen. China ist seit vielen Jahren der Standort, an dem die weltweite Spielwarenbranche die meisten Spielzeuge produzieren lässt. Und wir glauben, dass China auch in Zukunft auf dem ersten Platz bleiben wird.

Die vielerorts angestrebte Diversifizierung der Lieferkette bietet vielen Ländern in Asien und darüber hinaus zahlreiche Chancen. Die Einkäufer erkunden aktuell die Chancen, die sich im Markt bieten und prüfen, welche Ressourcen in einem Land verfügbar sind, welche Erfahrungen man dort im Bereich Produktion vorweisen kann und wie es um die Infrastruktur bestellt ist.

Das IETP arbeitet eng mit den teilnehmenden Einkäufern und Produzenten zusammen, um zu wissen, was sie brauchen, und hilft ihnen dabei, die erforderlichen Kapazitäten für eine ethische Produktion dort zu schaffen, wo sie benötigt werden. Wir arbeiten auch mit den Spielwarenverbänden vor Ort zusammen. Denn wir wollen deren Kenntnisse und vorhandene Ressourcen nutzen, um gemeinsam ein unterstützendes, effizientes und vorteilhaftes Umfeld für die Mitglieder zu schaffen. So sorgen wir dafür, dass diese die Chancen nutzen, die sich an neuen Produktionsstandorten ergeben.

Das IETP sieht zahlreiche Länder weltweit, die sich für die Zukunft als Produktionsstandorte anbieten, wie zum Beispiel Indien, Indonesien, Vietnam und Mexiko.

Was wollen Sie bis 2025 erreicht haben?

C. G.: Eine noch stärkere und widerstandsfähigere Spielzeugbranche, die weiter wächst, das Vertrauen der Verbraucher genießt und für die ArbeiterInnen in der Produktion die erste Wahl ist.

Wir sind bestrebt, das Programm für verantwortungsvolle Beschaffung zu werden, für das weder geografische noch kategoriebezogene Beschränkungen gelten und für das man sich entscheidet, weil es das beste ist.

Wir werden auch in Zukunft unsere Services, Produkte und Initiativen zur Unterstützung von Arbeitern und Arbeiterinnen weiter entwickeln und verfeinern, um den Bedürfnissen aller Beteiligten stets gerecht werden zu können.

Zu guter Letzt sehen wir auch Nachfrage seitens der Verbraucher, die mehr Informationen über die Produkte bekommen wollen, die sie kaufen. Sie wollen wissen, wie diese produziert werden und interessieren sich dafür, welche Maßnahmen ihre Lieblingsmarken und -hersteller ergreifen, um moderne Sklaverei, Kinderarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen zu bekämpfen.

Carmel Giblin, wir bedanken uns für das Gespräch.


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