Spielwarenmesse: „Spießertum“ liegt im Trend!

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Mädchen sitzt im Garten und macht Gartenarbeit
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„Spießertum“ liegt im Trend!

von Ulrich Texter

Urban Gardening und Schrebergärten boomen bei jungen Familien, die immer öfters einen Ausgleich beim Gärtnern suchen. Kein Wunder, dass das TrendCommittee der Spielwarenmesse einen Anstieg von Spielzeugen entdeckt, die für Gartenarbeit konzipiert sind. Der Trend zu „Explore Nature“, zeigen sich die Experten überzeugt, wird anhalten. Die Vorzeichen stehen gut.

Automatisierung hin, Convenience her. Es ist angesagt, „mit der eigenen Hände Arbeit“ Dinge selbst zu machen. Und der Trend reißt nicht ab. Es wird gebastelt, gehäkelt und gestrickt, als würde René Descartes 308 Jahre nach seinem Tod auf die Füße gestellt: creo ergo sum – ich erschaffe, also bin ich. Bei der Verrichtung häuslicher Tätigkeiten helfen unzählige Blogs und soziale Netzwerke wie Pinterest, das bereits über 200 Mio. aktive Nutzer haben soll. Noch nie dürfte es so viel selbstgemachte Marmelade, Eingemachtes oder Craft Biere gegeben haben wie heute. Wer keine Zeit findet, selbst Hand anzulegen, braucht dennoch nicht auf Handgefertigtes und Unikate zu verzichten – Etsy oder Dawanda sei Dank.

Sehnsucht nach Selbstwirksamkeit

Die Sehnsucht nach Selbstwirksamkeit und Glück prägt auch die „Cottage-“, „Selbst-ernte-“ und „Urban Gardening“-Bewegung. Sie ist, das ist das Paradoxe an der Sache, ein „Zurück-Trend“. Das, was städtische Hipster und junge Familie im Ziehen von Kräutern, Mohrrüben und Radieschen zu finden suchen, ist nichts anderes als das, was frühere Generationen im Bauern- oder Schrebergärten sahen: einen Ort, der Entspannung bot trotz oder gerade wegen der Arbeit, die eben selbstbestimmt war.

Dass die durch die Digitalisierung voranschreitende Taylorisierung der Arbeit das Bedürfnis, wenigstens im Privaten wieder einen Teil der Kontrolle zu erlangen, befeuert hat, wer will das der immer nach dem Sinn fragenden Generation Y verdenken? Und Selbstwirksamkeit ist auch das, was Kinder wollen. „Ich glaube“, sagt Dominik Klein, zuständig für Marketing und Key Account bei der Theo Klein GmbH, „dass Gärtnern auch Kinder wirklich glücklich macht, weil sie die Ergebnisse ihrer Arbeit sehen. Sie tragen Verantwortung für das, was wird.“

Alles Gute kehrt wieder

New York ist der Hotspot für Trends – sollte man denken. Manchmal lohnt aber ein genaueres Hinsehen. Wenn in Brooklyn, New York, Dachterrassen zu Äckern mutieren  oder in Berlin ein interkultureller Gemeinschaftsgarten im Mauerpark entsteht, geht das auf das Konto der Kleingartenbewegung in Deutschland, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Leipzig entstand. Der Schrebergarten galt mit den Wirtschaftswunderjahren des 20. Jahrhunderts dann eher als spießiges Eldorado für Ältere statt eines identitätsstiftenden Hotspots.

Heute erfreuen sich die Parzellen einer derart großen Nachfrage bei jungen Familien, besonders in Städten, dass sie kaum zu stillen ist. Für den Bundesverband Deutscher Gartenfreunde keine Überraschung: „Was heute unter dem Begriff Urban Gardening als Avantgarde gefeiert wird, ist nichts Anderes als Idee und Geschichte der Kleingärten: Gemeinsam freie Flächen in der Stadt aneignen, begrünen und beleben.“

Sprösslinge gärtnern wie die Großen

Dass das Thema Gardening irgendwann auch den Nachwuchs erfassen würde und der mit „Werkzeug“ ausgerüstet werden musste, scheint nur folgerichtig, schließlich wollen Kids die Großen „nachmachen“, ist die Natur immer noch der spannendste Spielplatz und größte Anreger für Fantasie.

Unsere Forschung zeigt, dass sich Eltern zunehmend darüber bewusst werden, wie wichtig es ist, in der Natur zu spielen, um die Entwicklung von Kinder zu fördern.

Dr. Maria Costa, Leiterin des spanischen Kinder-Forschungszentrums am AIJU und Mitglied des TrendCommittees der Spielwarenmesse eG

Seit X Jahren bietet die Spielzeugbranche Abenteuerspielzeug wie Schnitzsets, Flaschenzüge oder Wanderstöcke an wie man sie im Portfolio von Corvus oder Haba findet. Jetzt haben die Experten einen signifikanten Anstieg von Spielzeug registriert, das für Gartenarbeit bestimmt ist.

Ran an die Beete und Töpfe!

Verpackung vom ersten Gemüsegarten für Kinder
Gemüsegarten von Coppenrath
Drei verschiedene Jardinis in der Verpackung
Jardinis von Goliath Toys

Der Trend hat sich seit geraumer Zeit angekündigt. In den Nuller Jahren dieses Jahrhunderts kamen Bücher wie „Gärtnern mit Kindern“ auf den Markt. Heute sind es unzählige Blogs, die helfen. In den letzten 6 bis 8 Jahren zieht nun die Spielzeugbranche nach. So stellte Kosmos bereits 2012 den Experimentierkasten „Mein erstes Gewächshaus“ vor; 2016 folgte „Kräuter-Garten“.

Ein Jahr darauf legte der Coppenrath Verlag mit dem Pflanzenset „Mein erster Gemüsegarten“ nach, mit dem Kinder ab 5 Jahre Karotten- und Radieschensamen säen und die Entwicklung der Pflanzen über und unter der Erde beobachten können. Jetzt folgt Goliath Toys mit den „Jardinis“. Hier können Kinder auf der Fensterbank Kresse, Schnittlauch oder Basilikum in Tierfigur-Töpfen aufziehen. Klar, dass diverse Hersteller Werkzeug für „Kids Gardening“ bieten.

Naturbewusstsein von klein auf

Abbildung des Buches Gärtnern im Beet, Topf und Kasten
Das Gärtnerbuch vom Moses Verlag: Gärntern im Beet, Topf & Kasten

Mit von der Partie ist auch der Moses Verlag. „Wir nehmen das Thema nicht unbedingt als neuen Trend wahr“, sagt Nina Tebartz, Verlegerin Moses. „Kindern Natur begreifbar und erlebbar zu machen, wird aber heute in der Tat immer wichtiger, gerade im urbanen Familienumfeld und mit der Tatsache, dass – zum Glück – immer mehr Familien sich bewusster ernähren und nachhaltiger leben.“

Mit seinem Frühjahrsprogramm legt der Verlag traditionell einen Schwerpunkt auf Naturthemen. Ein Highlight ist das neue Buch „Gärtnern in Beet, Topf und Kasten“. Kapitel wie „Mein Ritterbeet“ oder „Pflanzenfarben aus dem eigenen Garten“ deuten allerdings an, dass das Buch über das Gärtnern hinaus noch Tipps sowie Spiel- und Bastelideen enthält – wer will, kann von Moses gleich den passenden Klappspaten mit 10 Funktionen kaufen. „Gerade das Thema Gärtnern für Kinder ist in diesem Zusammenhang besonders anschaulich“, sagt Nina Tebartz, „denn so lernen die Kinder auf ganz spielerische Weise, dass die Tomate nicht im Supermarkt regal wächst.“

Ein praktisches Werkzeug für Garten, Strand und Sandkasten kommt von der belgischen Kreativschmiede Quut Toys. Raki ist nicht nur ergonomisch durchdacht, sondern kann als Rechen oder Spaten, Trichter und Sieb verwendet werden – ideal, um im Garten zu arbeiten.

Nachwuchs will selber machen

Den richtigen Riecher bewies auch Theo Klein. Auf der Spielwarenmesse stellte das Unternehmen vier verschiedene BOSCH Pflanzsets unterschiedlicher Preisklassen vor. Zum Produktlaunch schenkt Klein jedem Konsument beim Kauf ein BIO–Starteranzuchtset aus Torftöpfchen, Kokosquelltablette und BIO Saatgut. Kinder können somit gleich anfangen zu pflanzen.

Dominik Klein will das Sortiment ausbauen, „schon aus persönlicher Überzeugung“, wie er sagt. Themen wie Selbstversorgung, Regionalität und Nachhaltigkeit würden weiter an Bedeutung gewinnen, so seine These – weshalb er nicht nur selber Kräuter zieht, sondern überall da, wo es möglich ist, beim Erzeuger einkauft. Auch die Brandstätter-Gruppe, eher für Playmobil-Spielwelten bekannt, springt mit ihrer Marke Lechuza und den MINI-DELTINI Kinder-Sets auf den fahrenden Zug. Begründung: Für den Nachwuchs sei es eine besondere Erfahrung, sich um eigene Pflanzen zu kümmern. Also genau das, was auch bei den Eltern total angesagt ist.


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