Spielwarenmesse: Holzspielzeug als attraktives Nischenprodukt für Händler

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Holzspielzeug als attraktives Nischenprodukt für Händler

von Ulrich Texter

Das Geschäft mit Bauklötzen, Kugelbahnen und Holzfiguren lief schon einmal dynamischer. Es war die goldene Zeit der 90er Jahre, als „öko“ schick, das Weltgewissen grün und Geschäfte für gutes Spielzeug wie Pilze aus dem Boden schossen. Das ist Geschichte. Heute haben wir reflexive, öko-sensible und ethisch-korrekt konsumierende Eltern, die Öko und Prada widerspruchsfrei leben. Also insgeheim paradiesische Voraussetzungen für „Holzwürmer“, die doch im Kern für Grünkern stehen? Fragen an Wolfgang Schühle, Vorsitzender der Fachgruppe Holzspielzeug im DVSI.

Spielwarenmesse®: Herr Schühle, als Vorsitzender der Fachgruppe können Sie uns bestimmt eine Antwort auf die Frage geben, wie viel Holzspielzeug ein Kind heute braucht?

Wolfgang Schühle: Das hängt vom Alter des Kindes ab, insofern kann die Frage nicht pauschal beantwortet werden. Bis zum Ende der Kindergartenzeit ist Holzspielzeug sinnvoll und wichtig. Danach dürfte es schwer werden, Kinder für Holzspielzeug zu begeistern. Die Menge? So viel, dass ein ausgewogener Mix an entwicklungsfördernden Spielzeugen im Kinderzimmer vorhanden ist. Da sollte ein guter Teil davon Holzspielzeug mit seinen ganzen Qualitätsmerkmalen sein.

Und welche Auswirkungen hat es, wenn Eltern in den für ein Kind wichtigen ersten drei Lebensjahren lieber auf vermeintlich hygienisch unbedenklicheres Plastikspielzeug setzen?

W.S.: Ich denke, die Frage sollte anders gestellt werden und zwar: Welche Mehrwerte in der Entwicklung bringt das Spielen mit Spielzeugen aus Holz für Kinder in den ersten drei Entwicklungsjahren. Da gehören Holzspielzeuge einfach zu den Produkten, die aus meiner Sicht mit vielen Attributen und Qualitätsmerkmalen die Entwicklung von Kindern fördern. Abgesehen von dem Aspekt, dass Eltern sich durch den Kauf von Holzspielzeugen für nachhaltig produzierte Spielzeuge entscheiden.

Holz war für die gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Menschen unverzichtbar. Holz ist immer noch das mengenmäßig wichtigste Material. Seine dominierende Rolle ist allerdings dahin, sowohl für Spielzeug als auch für andere Gebrauchsgüter. Ist der bessere Kunststoff einfach der Feind des guten Holzes?

W.S.:
Ich sehe keine Feindbilder Holz vs. Kunststoff. Beides hat seine Berechtigung und wird auch seinen Stellenwert behalten.

Mit seinen zahlreichen Eigenschaften besitzt Holz nach wie vor einen hohen Stellenwert bei Designern und Architekten. Warum ist das eigentlich so? Oder ist es nur eine Marotte der Deutschen?

W.S.:
Wenn Sie durch den Wald gehen, den Geruch von frisch geschlagenem Holz einatmen. Wenn Sie die Haptik des Holzes wahrnehmen, den Zauber der Maserung – mit jedem Stück ein Unikat - wirken lassen, der Zeitgeschichte eines Holzstückes nachspüren, die Nachhaltigkeit sehen, so wird deutlich, was viele Menschen mit dem Werkstoff Holz verbinden. Ob das eine Marotte der Deutschen ist – fragen wir einfach das statistische Bundesamt.

Ihre Fachgruppe hat mit dem Nachwuchswettbewerb „ToyDesign 2020“ den Staketenzaun der Selbstbezüglichkeit eingerissen und andere ressourcenschonende Material zugelassen. Was sind die Motive für diese kleine Revolution, weil Holz mitunter doch verabsolutiert wurde?

W.S.:
Wir freuen uns sehr, dass wir in Zusammenarbeit mit der Spielwarenmesse eG dieses tolle Projekt realisieren dürfen. Und sind natürlich offen gegenüber Werkstoffen, die im Sinne dieses Wettbewerbes eingefordert und als Material für das Spielzeuge der Zukunft von jungen Menschen entdeckt werden. Das ist Sinn und Zweck und Zukunftsentwicklung – der wir uns noch nie absolutistisch entgegen gestellt haben.  

Die Zahl der Aussteller von Holzspielzeug auf der Spielwarenmesse steigt, obwohl der Markt bestenfalls stabil ist. In der Psychologie würde man das wohl „schizoid“ nennen. Haben Sie eine rationale Erklärung?

W.S.:
Das sagt ja nicht aus, dass die Zahl der Produzenten für Holzspielwaren steigt. Auf die Spielwarenmesse gesehen: vielleicht ist der rationelle Grund der neuen Aussteller darin zu suchen, dass der Welt größte und bedeutendste Spielwarenmesse als wichtiges Marketinginstrument entdeckt wird. Machen Sie eine Umfrage bei den „Neuen“, dann wissen Sie es konkret.

Holz bietet als Material wenig Potenzial für wirkliche Innovationen. Ist das der Grund, warum Holzspielwaren es gegenüber anderen Spielzeugen inzwischen schwer haben, weil auch der „bewusste Kunde“ immer was Neues will?

W.S.:
Holz und daraus entstehendes Spielzeug  ist tatsächlich in seiner Verarbeitung und in seinem Design begrenzter als andere Werkstoffe. Trotzdem ist Innovation, sind neue Produktideen, auch im Materialmix, immer wieder erlebbar. Vielleicht nicht in dem Grad wie bei anderen Materialien. Aber muss das denn sein? Was ist eine wirkliche Innovation? Kann eine „wirkliche“ Innovation nicht auch darin liegen zu versuchen, dass wir, was wir bereits schon tun, die Qualität und den Entwicklungsaspekt unserer Produkte, einer bewusst erziehenden Elternschaft neu zugänglich zu machen?

Einige Firmen Ihrer Gruppe experimentieren mit flüssigem Holz, Lignin und Fasal, auch Bambus. Könnten das Ansätze sein, um den Holzspielwaren neue Impulse zu geben?

W.S.:
Durchaus, weshalb denn auch nicht! Wenn wir generell als Unter¬nehmen Zukunft haben wollen, so gilt es bereits heute, an Produktmöglichkeiten von Morgen zu denken. Und da gehören Experimente mit Werkstoffen, die jeder für sich vertreten muss, genauso dazu. Wenn Sie das Portfolio der Holzspielzeughersteller betrachten, sind einige von uns über die Experimentierphase bereits deutlich hinaus.  Arbeiten mit den genannten Materialien, arbeiten im Materialmix. Wir sind weder dogmatisch noch absolutistisch!

Kommen wir zu Ostheimer. Das Unternehmen steht für anthroposophisch geprägtes Spielzeug. Sie müssen doch derzeit auf einer Welle des Erfolgs surfen, weil die halbe Welt wild nach Waldorfschulen als Gegenmodell zum staatlichen Schulmodell ist oder?

W.S.:
Das hat nicht unbedingt etwas mit Spielzeug zu tun! Aus welchen Gründen suchen immer mehr Menschen die Alternative einer freien Schule, zu der auch die Waldorfschulen mit ihrer Qualität gehören? Steht da nicht die Unzufriedenheit mit dem aktuellen staatlichen Bildungssystem an erster Stelle? Wir sehen gute Ansätze, mit unseren Spielzeugen und deren Qualität Menschen zu erreichen, die ganz bewusst und kritisch die heutige Bildungslandschaft betrachten und sehen, dass Entwicklung beim Kind in der Beziehung zu guten Spielzeugen beginnt. Da finden wir uns wieder, was nicht die Welle des Erfolges mit sich bringt, aber eine kontinuierliche und gute Entwicklung.
 
Der Konzentrationsprozess auf Herstellerseite schreitet unvermindert voran. Schlägt damit die Stunde der kleinen, feinen Holzmarken, weil sie weder die finanziellen noch vertriebstechnischen Ressourcen besitzen, um in diesem Konzert mitzuspielen?

W.S.:
Dieser Konzentrationsprozess findet statt, nicht nur im Holzspielzeugbereich. Ob damit die Stunde der kleinen und feinen Holzspielzeughersteller geschlagen hat, möchte ich bezweifeln. Letztendlich hängt es damit zusammen, wie jeder von uns sein Geschäft versteht, und da gehören heute neben guten Produkten Innovationskraft, gutes Management und gutes Marketing dazu. Da hat oftmals der „kleine feine Hersteller“ die besseren Karten. Nicht zuletzt deshalb, weil aktuell viele stationäre in ihrem Produktangebot von der Massenware weg, hin zu ausgewählten Produkten wollen.

Setzen die Händler wieder mehr auf Nischenprodukte, auch Holzspielwaren, weil hier mehr Marge zu haben ist, oder was hat diesen Sinneswandel bewirkt?

W.S.: Ich freue mich sehr, dass der stationäre Fachhandel sich wieder seiner Stärken besinnt, diese in Kundenbindung und attraktiven Erlebniseinkauf umsetzt. Dazu gehört unter vielem anderen, aus der Masse heraus in schöne Nischenprodukte zu gehen, oder die Qualität originärer Spielzeuge wieder neu zu entdecken, die verkauft werden und Marge bringen. Da gehört ein schönes Sortiment guter Holzspielzeuge durchaus dazu.

 

Autor dieses Artikels:

Ulrich Texter

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