Spielwarenmesse: Hormone & Weichmacher in Spielzeug – Darauf sollten Hersteller achten

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21. Oktober 2015 / Sicherheit

Hormone & Weichmacher in Spielzeug – Darauf sollten Hersteller achten

von Dr. Johannes Mertl

Die Verunsicherung beim Verbraucher ist groß, wenn es um chemische Stoffe in Spielwaren geht. Wissenschaftler haben in Laborversuchen festgestellt, dass Kunststoffbauteile eine ähnliche Wirkung wie Sexualhormone zeigen können. Obwohl die Folgen noch nicht umfangreich erforscht sind, sind Konsumenten vor allem beim Kauf von Produkten für Kinder vorsichtig geworden. Hier sollten Spielzeughersteller reagieren und Ihre Produkte im Zweifel auf Schadstoffe prüfen lassen.

Manche Kunststoffbestandteile, z.B. bestimmte Weichmacher, haben eine ähnliche chemische Struktur wie die natürlichen Sexualhormone Östrogen oder Testosteron. Es wird befürchtet, dass die auch als „Xenohormone“ bezeichneten Substanzen dem menschlichen Körper die Anwesenheit der Sexualhormone vortäuschen können. Hormone steuern als Botenstoffe des Körpers bereits in geringsten Konzentrationen hochsensible Stoffwechsel- und Entwicklungsprozesse. Die Verunsicherung ist dementsprechend groß, seit Wissenschaftler feststellten, dass manche Kunststoffbestandteile eine ähnliche Wirkung zeigen können.

Sind Hormone in Spielzeug gefährlich?

Am bekanntesten Beispiel, der Chemikalie Bispehnol A, lässt sich aufzeigen, wie die Meinungen der Experten auseinandergehen. Bisphenol A weist eine ähnliche chemische Struktur auf wie das weibliche Sexualhormon Östrogen. Die Forscher der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA)kamen zu dem Schluss, dass die aktuelle Exposition gegenüber Bisphenol A kein Gesundheitsrisiko darstellt. Andere Wissenschaftler warnen hingegen davor, dass vor allem für Kleinkinder und schwangere Frauen schon geringste Konzentrationen zu einer gesundheitlichen Beeinträchtigung führen könnten. Die Betonung liegt hier auf dem Konjunktiv – Beweise dafür gibt es bislang keine.

Nach dem Vorsorgeprinzip wurde Bisphenol A für Babyfläschchen aber bereits 2011 verboten. Auch im Spielzeugbereich gibt es bereits seit 2014 gesetzliche Beschränkungen, unterhalb des Grenzwertes (0,1 Milligramm pro Liter Speichelsimulanz) ist die Verwendung aber grundsätzlich nach wie vor erlaubt. Trotzdem reagieren immer mehr Hersteller auf Druck der Konsument, prüfen ihre Produkte und bewerben sie als BPA-frei.

Mit dem Ausschluss von Bisphenol A ist das Thema hormonell wirksame Substanzen jedoch keinesfalls erledigtAuch andere hormonell wirksame Substanzen lassen sich in Kunststoffen nachweisen, das betrifft auch einige der Ersatzstoffe, die statt Bisphenol A eingesetzt werden. So haben Wissenschaftler der University of Texas in einer viel beachteten Studie festgestellt, dass in einem Großteil der untersuchten Bisphenol A Ersatzmaterialien hormonell wirksame Substanzen nachweisbar sind. (Quelle: http://www.ehjournal.net/content/13/1/41)

Auf Nummer sicher gehen: Spielzeug prüfen

Als Hersteller von Spielwaren ist es gar nicht so einfach sicherzustellen, dass die Produkte keine hormonell wirksamen Substanzen enthalten. Zu vielen Materialien und Additiven fehlen nach wie vor Daten über eine hormonelle Wirkung. Viele Hersteller können ohne entstprechende Tests keine genauen Angaben geben, ob ihre Produkte tatsächlich frei von hormonell wirksamen Substanzen sind. Um sicher zu gehen, dass keine hormonell wirksamen Substanzen enthalten  sind, ist daher eine direkte Analyse der jeweiligen Probe notwendig. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang auch, dass manche hormonaktiven Produkte erst im Zuge der Erhitzungsprozesse bei der Kunststoffverarbeitung entstehen.

Am OFI (Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik) wurde schon eine ganze Reihe unterschiedlicher Baby- und Kinderspielzeuge getestet: von der Badeente, über Kunststoffbaublöcke und Puppen, bis hin zu Holzspielsachen und Stofftieren. Dabei wurde ein „in den Mund nehmen“ des Spielzeuges durch das Kleinkind simuliert und das Extrakt anschließend mit hochsensiblen Zellkulturtests und chemischer Spurenanalytik auf hormonell wirksame Substanzen untersucht.

Tests zeigen: kaum hormonell wirksame Substanzen vorhanden

„Wir konnten zwar beobachten, dass die in Verruf geratenen hormonell wirksamen Weichmacher Phthalate, z.B. Diethylhexylphthalat (DEHP), mittlerweile praktisch nicht mehr eingesetzt werden, eine hormonelle Wirkung haben wir dennoch bei einigen Spielzeugen detektieren können.“, berichtet Projektleiter Dr. Christian Kirchnawy, der in seiner Doktorarbeit die Detektion von hormonell wirksamen Substanzen in Kunststoffen untersucht hat. Neben bestimmten Ersatzstoffen für die nicht mehr eingesetzten Weichmacher Phthalate, wurden auch andere hormonell wirksame Substanzen in den Spielzeugen identifiziert. Bei manchen Proben blieb die Ursache für die beobachtete Hormonaktivität aber auch unklar.

„Die Identifizierung der hormonell wirksamen Substanzen ist oft sehr aufwändig, da für die Hormonwirkung vielfach Substanzen verantwortlich sind, die nicht aktiv in das Spielzeug eingebracht wurden, sondern die unbeabsichtigt in das Fabrikat gelangen, zum Beispiel Abbauprodukte oder Nebenprodukte aus dem Polymerisationsprozess.“, informiert Kirchnawy weiter. Dem immer wieder gehörten Ratschlag: „Vermeiden Sie Spielsachen aus Plastik!“, kann er trotzdem nichts abgewinnen, „Im Großteil der von uns bisher untersuchten Kunststoffproben konnten auch mit hochsensitiven Methoden keine hormonell wirksamen Substanzen detektiert werden.“

Das Thema hormonell wirksame Substanzen ließe sich außerdem auch gar nicht ausschließlich auf Spielsachen aus Kunststoff beschränken. In den bisherigen Untersuchungen durch das OFI waren neben Spielzeug aus Weich-PVC vor allem Textilien (z.B. Stofftiere) betroffen.

Rechtliche Vorgaben gibt es bislang kaum

Müssen Hersteller von Spielzeugen, in denen hormonell wirksame Substanzen detektiert werden, mit rechtlichen Konsequenzen rechnen? Derzeit gibt es dazu noch keine allgemein gültigen Regeln – für einzelne hormonell wirksame Substanzen, wie Bisphenol A und Phthalate, gibt es zwar bereits Verbote und Grenzwerte, generelle Regelungen wie mit dem Thema umgegangen werden soll, gibt es bislang aber noch nicht. Klar geregelt ist nur, dass es zu keiner Gesundheitsgefährdung kommen darf.

Die im Verpackungsbereich und für Babyprodukte erfolgten Verbote von BPA werden mit der Hormonaktivität, und der daraus resultierenden Unsicherheit bei der toxikologischen Bewertung begründet. Rückschlüsse wie in Zukunft mit anderen hormonell wirksamen Substanzen umgegangen wird, lassen sich daraus aber nicht ziehen. Maßgeblichen Einfluss auf die bisherigen BPA-Verbote hatte wohl auch der Druck der Öffentlichkeit. Bei weniger bekannten hormonell wirksamen Substanzen ist dieser (noch) nicht in diesem Ausmaß vorhanden.

Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen fordern vehement generelle Regelungen auf europäischer Ebene, wie mit sogenannten „Endokrinen Disruptoren“, also hormonell wirksamen Substanzen mit schädlicher Wirkung auf Mensch oder Umwelt, umgegangen werden soll. Eine Einigung scheint noch immer in weiter Ferne.

Tests können hormonfreie Spielwaren belegen

Doch auch ohne gesetzliche Vorschriften lassen mehr und mehr Hersteller ihre Spielwaren prüfen. Am OFI hat man in enger Zusammenarbeit mit der Industrie entsprechende Analysenmethoden zur Detektion hormonell wirksamer Substanzen entwickelt und validiert. Dabei setzen die Experten des OFI auf eine Kombination von chemischer Spurenanalytik (GC-MS/FID und HPLC-MS³) und biologischen Tests.

Mit in Kulturgefäßen gezüchteten Humanzellen wird die Wirkung von Hormonen im menschlichen Körper simuliert. Dadurch können nicht nur bereits bekannte hormonaktive Substanzen wie Bisphenol A oder Phthalate, sondern auch bisher unbekannte hormonell wirksame Substanzen nachgewiesen werden. Spielwarenhersteller können somit belegen, dass ihre Produkte nach aktuellem Stand der Technik frei von hormonell wirksamen Substanzen sind. Zusätzliche Hinweise beispielsweise auf der Verpackung schaffen zudem für den Verbraucher mehr Transparenz.

Die Produktsicherheit ist ein wichtiger Aspekt in der Spielwarenbranche. Nutzen Sie das Angebot auf der Spielwarenmesse®, sich von nationalen und internationalen Instituten im Testing & Inspecting Center über Prüfverfahren und Sicherheitsanforderungen beraten zu lassen.


Über den Autor
Dr. Johannes Mertl, Experte für in-vitro Analytik am OFI (Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik), entwickelt im Rahmen seiner Tätigkeiten Methoden um Lebensmittelverpackungen, Spielzeug und Medizinprodukte auf hormonaktive Substanzen, Hautverträglichkeit sowie allergenes Potential zu untersuchen. Dabei bewährt sich die Kombination von biologischen und chemischen Methoden, um neben einer biologischen Wirkung auch chemisch verantwortliche Substanzen zu identifizieren.

 

Autor dieses Artikels:

Dr. Johannes Mertl

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