Spielwarenmesse: TinkerToys erobert Schulen mit Homeschooling-Programm in Corona-Zeiten

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TinkerToys erobert Schulen mit Homeschooling-Programm in Corona-Zeiten
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TinkerToys erobert Schulen mit Homeschooling-Programm in Corona-Zeiten

von Ulrich Texter

TinkerToys bietet mit seinem 3D-Baukasten individualisiertes Spielzeug aus dem Drucker. Das Startup unterschätzte allerdings die Macht der Eltern. Das Businessmodell wurde um die Bereiche „Geschäftskunden“ und „Education“ erweitert. Die Corona-Pandemie verhagelt nun den Mitgliedern im „Land der Ideen“ ihren Plan, dieses Jahr groß ins Geschäft mit digitalen Lernmedien einzusteigen. Aber Not macht erfinderisch. Ein Gespräch mit TinkerToys Co-Gründer Dr. Marko Jakob.


Herr Dr. Jakob, Deutschland ist, während wir das Interview führen, weitestgehend lahm gelegt. Wie organisiert TinkerToys die Arbeit?

Dr. Marko Jakob, Co-Gründer von TinkerToys

Dr. Marko Jakob: Die Umstellung ist für uns gar nicht so groß, weil wir schon vor der Krise sehr stark mit den Tools, die gerade angesagt sind, heißen sie nun Zoom oder Skype, gearbeitet haben. Ich sitze beispielsweise in Berlin, die Softwareentwicklung in Magdeburg und die Produktion in Leipzig. Bei der Produktion mussten wir allerdings ein Schichtsystem einführen. Was ausfällt, sind die physischen wöchentlichen Team-Meetings.

TinkerToys produzierte jetzt auch Gesichtsschilder für die AWO Potsdam. Hat Gesundheitsminister Jens Spahn bei Ihnen nachgefragt, ob Sie ihm als innovatives Startup aus der Patsche helfen können?

M. J.: (lacht). Nein, das Leben dreht merkwürdige Kapriolen. Ein ehemaliger Schulfreund, der jetzt bei der AWO tätig ist, fragte mich eines Abends am Telefon, ob wir nicht mit unseren 3D-Druckern Masken für den Schutz der Pflegekräfte in den Altenpflegeheimen drucken könnten. Erst war ich skeptisch, aber unser Produktionsleiter Jonas Willen hat es tatsächlich dank unseres Konstruktionsprogramms geschafft, ein Schild zu entwerfen, das alle Prüfungen überstand. Das war wirklich cool, dass wir in relativ kurzer Zeit helfen konnten.

Wird das jetzt ein weiterer Geschäftsbereich? Die Regierung wünscht sich ja mehr heimische Produktion für „systemrelevante“ Produkte!

M. J.: Nein, da gibt es kompetentere Firmen. Wir haben einen kleinen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten können.

Baukastensystem für den 3D Drucker für Kinder

Kommen wir zum Kerngeschäft. Steigt aktuell die Nachfrage nach individualisiertem, selbst konzipiertem Spielzeug, weil alle unter Lagerkoller leiden?

M. J.: Ja, das so ist. Wir haben tatsächlich von Eltern relativ viele Anfragen erhalten, die gerne unseren digitalen Baukasten für ihre Kinder nutzen wollten. Der Baukasten ist ein Konstruktions-Tool, ein CAD-Programm für Kinder, mit dem sie auf dem Computer oder Tablet eigene Kreationen gestalten können, um sie dann zu Hause oder bei uns auszudrucken. Daraus haben wir jetzt einen Homeschooling-Onlinekurs entwickelt, bei dem Kinder zu verschiedenen Themen wie Pflanzen, Weltall oder Tiere etwas lernen und sie gleichzeitig Medienkompetenz erwerben. Ja, Corona trägt dazu bei, dass wir relativ viel im Education-Bereich zu tun haben.

Mittelständler und Startups weisen oft keine dicke Eigenkapitaldecke auf....

M. J.: Vollkommen richtig!

...gleichzeitig dürften Ihnen die beiden Geschäftsbereiche innovative Kinderbetreuung und digitale Erlebniswelten Sorgen bereiten. Wie steuern Sie TinkerToys durch die Krise? Nutzen Sie die Unterstützungspakete der Bundesregierung für zukunftsträchtige innovative Startups?

M. J.: Ja, wir hatten einen Antrag gestellt und waren wirklich überrascht, wie schnell die Investitionsbank in Sachsen-Anhalt diese Soforthilfe ausbezahlt hat. Natürlich haben wir, wo es eben ging, die Kosten runtergeschraubt und in Teilbereichen Kurzarbeit angemeldet. Es stimmt aber, das ganze Veranstaltungsgeschäft ist quasi von heute auf morgen weggebrochen und das ist ein großer Umsatzträger bei uns. Das führt jetzt dazu, dass wir das Geschäft mit individualisiertem Spielzeug und im Education-Bereich stärken und ausbauen wollen. Zudem sind wir dank unseres Gesellschafterkreises in einer relativ komfortablen Situation.

Auch TinkerSchool-Schullizenzen bieten Sie jetzt länger kostenfrei zum Test. Was lernen die Kids?

M. J.: Die TinkerToys-Schullizenz richtet sich nicht an Endkunden oder Kinder, sondern vor allem an Schulen, sprich Lehrer. Angefangen hat das vor zwei Jahren in enger Kooperation mit dem Bildungsministerium des Bundes, denen der Länder sowie Lehrern und Schulen. Daraus sind Lehrmaterialien zu verschiedenen Fächern im MINT-Bereich, Kunst, aber auch zur digitalen Produktentwicklung entstanden. Es werden auch Themen wie Virtual Reality oder Argument Reality behandelt. Kinder lernen hier, mit Tablets und Computern ganz selbstverständlich umzugehen. Man kann damit mehr als nur Videos schauen oder irgendwelche Spiele zocken. Wir haben versucht, das so runterzubrechen, dass wir vor allem Lehrern Hilfsmittel an die Hand geben, um Medienkompetenz zu vermitteln. Der Ausdruck trifft es wohl noch am besten.

3D Drucker von Tinker Toys

Vor zwei Jahren haben Sie das Geschäftsmodell erweitert, u.a. mit dem Education-Bereich. War mit individualisiertem Spielzeug aus dem 3D-Drucker kein Staat zu machen?

M. J.: Jein. Auf der einen Seite hatten wir sehr viel Erfolg, auf der anderen Seite haben wir kein Geld damit verdient.

Waren Sie zu preiswert?

M. J.: Nein, schlimmer. Die Kinder sind von unserem digitalen Baukasten sehr begeistert und benutzen ihn auch immer wieder. Produkt und Zielgruppe passen also zusammen. Das Problem ist nur, dass die Eltern für einen tollen, selbst kreierten Drachen oder eine Rakete bezahlen müssen, wenn das Kind das Spielzeug bestellen will. Das kostet dann, je nach Konstruktion, vielleicht 15 oder 20 Euro. Die Mutter sieht nur etwas auf dem Tablet, wofür sie zahlen soll, vergisst aber, dass ihr Kind damit zwei oder drei Stunden beschäftigt war. Das hatten wir anfänglich unterschätzt, weil wir es nicht geschafft haben, Eltern den Mehrwert zu vermitteln. Für sie war es oft irgendein Online-Spiel.

Und deshalb haben Sie das Geschäftsmodell vor zwei Jahren geändert?

M. J.: Ja, wir haben uns ein wenig weg vom B2C-Geschäft und mehr hin zu Enablern, Spielwarenherstellern und Schulen entwickelt. TinkerToys kooperiert mit relativ vielen und namhaften Spielwarenherstellen, denen wir unsere Dienstleistungen und Produkte anbieten.

TinkerToys hegt die Hoffnung, dass die Krise auch zu einer Beschleunigung der Digitalisierung von Bildungsangeboten führt. Woher rührt diese Hoffnung?

M. J.: Das Thema Digitalisierung ist seit vielen Jahren in den Lehrplänen enthalten. Es wurde nur nie mit Leben gefüllt. Vielleicht wurde mal ein Whiteboard und ein 3D-Drucker angeschafft und ein engagierter Lehrer fuchste sich in die Materie rein, aber war der Lehrer weg, ruhte das Thema wieder. Durch den Zwang, dass Kinder jetzt zu Hause unterrichtet werden müssen, könnte es einen großen Schub geben. Das kriegen wir gespiegelt. Ich wage die Behauptung, dass uns die Krise 5 Jahre Zeit für Aufklärung und Aufbauarbeit erspart. Im Grunde genommen erleben wir einen Zeitsprung, weil die Schulen, vor allem die Lehrer, erkennen, dass sie mit digitalen Hilfsmitteln wirklich etwas Sinnvolles machen können. Es muss nicht immer physische Präsenz sein. Digitaler Unterricht ist eine Ergänzung zum konventionellen.

Mit wie vielen Schulen und Bildungseinrichtungen arbeiten Sie inzwischen zusammen?

M. J.: Ungefähr 35 zurzeit. Die Didacta in Stuttgart sollte im Februar eigentlich der Auftakt für ein größeres Programm sein. Das müssen wir jetzt nach hinten verschieben.

Tinker Toys

Warum ist individuelles Spielzeug aus dem 3D-Drucker eine umweltfreundliche Alternative zu konventionellen Standardspielzeugen? Allein die Tatsache, dass es aus Biokunststoff gedruckt wird, reicht doch sicherlich nicht aus, weil Faktoren wie Langlebigkeit, Spielwert, Gebrauchstauglichkeit auch eine Rolle spielen oder?

M. J.: Es sind in erster Linie die Logistikthemen. TinkerToys produziert in Deutschland, aber wir könnten eine kleine Produktion mit 3D-Druckern überall in der Welt aufbauen und lokal vor Ort produzieren. Warum individuell? Das ist, glaube ich, offensichtlich. Auch beim Gros des Spielzeugs, das in normalen Zeiten aus Fernost kommt, ist der Spielwert eher begrenzt. Was wir bieten, ist das, was Lego bietet, nur am Computer, nichts anderes. Unser digitaler Baukasten ist eine ideale Ergänzung, um z.B. bestimmte Lego-Verbindungen zu drucken, oder für ein Spielzeug, das ein Kind im Kopf hat.

Mit Faller arbeiten Sie seit 2019 auch zusammen, um individualisierte Modellhäuser zu drucken. Gibt es da tatsächlich eine nennenswerte Nachfrage nach Schwarzwaldhäusern in Losgröße 1?

M. J.: Natürlich gab es anfänglich Unterschiede in der Sprache. Faller ist ein mittelständisches Traditionsunternehmen mit klaren Prozessen und Strukturen; wir sind ein Startup, das eher dezentral und digital aufgestellt ist. Mittlerweile ist die Kooperation sehr intensiv und sehr gut. Es ist eine tolle Zusammenarbeit.

Und die Nachfrage?

M. J.: Sie werden noch öfters von Neuerungen in diesem Bereich hören. Das allein lässt ja Rückschlüsse darauf zu, wie das Angebot angenommen wird. Mit der Software Faller CREATE kann ich nicht nur Schwarzwaldhäuser, sondern auch eine texanische Ranch, ein Schweden- oder asiatisches Haus bauen. TinkerToys druckt es dann in Losgröße 1.

Herr Jakob, wir bedanken uns für das Gespräch.


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Ulrich Texter

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