Spielwarenmesse: Interview mit Jan Remus, Clementoni: Awareness für Spielware ist gestiegen

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Interview mit Jan Remus, Clementoni: Awareness für Spielware ist gestiegen

von Ulrich Texter

Die Corona-Krise stellt nicht nur die deutsche Niederlassung des italienischen Spielzeugherstellers Clementoni vor Herausforderungen. Jan Remus, seit Ende 2019 Geschäftsführer in Frechen, sieht darin allerdings eine große Chance für die Spielwarenbranche, um mehr Kooperationen zu wagen.

Herr Remus, in der Vor-Corona-Zeit lebten wir in einer Zeit des Wachstums und der grenzenlosen Dynamik.

Foto Jan Remus
Jan Remus, Geschäftsführer, Clementoni GmbH

Müssen wir jetzt umdenken? Manche sprechen schon von einer großen Transformation. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen? Wird sich was ändern?

Jan Remus: Die Krise führt sicherlich dazu, dass man als Unternehmen über Strukturen und Geschäftsprozesse noch stärker reflektiert. Ich sehe das als Chance. Wir haben bereits Themen identifiziert, die wir verändern wollen wie etwa die Möglichkeiten zu neuen, weitergehenden Kooperationen und Partnerschaften, mit den Händlern, aber auch mit Mitbewerbern. 

Bedeutet Corona womöglich auch ein Ende der Globalisierung?

J.R.: Nein, ich glaube eher, dass es zu einem Hinterfragen bestimmter Ausprägungen der Globalisierung kommt. Wenn es z.B. um das Thema Sourcing geht, das derzeit viele bewegt, ist das eine Frage, die Clementoni aber weniger beeinflusst, weil wir bereits überwiegend in Italien produzieren. Einzelne Komponenten kommen zwar aus Asien, aber diese Lieferketten funktionieren sehr gut. Die Globalisierung bringt ja auch Vorteile.

Italien ist besonders hart betroffen von der Pandemie. Wie schwer trifft es Ihre Mutter in Recanati?

J.R.: Wir stehen in der aktuellen Krisensituation grundlegend vor zwei Herausforderungen: zum einen die kontinuierliche und zeitgerechte Warenverfügbarkeit, zum anderen mögliche Auswirkungen auf den italienischen Spielwarenmarkt und damit auf das Geschäft unserer Muttergesellschaft. Das Thema Warenverfügbarkeit funktioniert trotz ein paar weiniger Einschränkungen gut, insbesondere auch durch vor der Krise überproportional aufgebauter Bestände in unserem Zentrallager. Zusätzlich wird unsere Produktion in Italien momentan stufenweise wieder hochgefahren. Was den italienischen Spielwarenmarkt und mögliche Auswirkungen der Krise betrifft sind Einschätzungen und Ausblicke derzeit kaum möglich. Dennoch bleiben wir positiv und sind uns sicher, dass unsere Kollegen in absehbarer Zeit das Geschäft auf Basis einer „neuen Normalität“ wieder neu starten können.

Deutschland spannt einen gigantischen Rettungsschirm für die Wirtschaft. Womit können die italienischen Firmen rechnen?

J.R.: Im direkten Vergleich der beiden Länder sehe ich natürlich Unterschiede. Das Maßnahmenpaket in Deutschland ist dabei deutlich umfangreicher. Punktuell und sehr spezifisch gibt es aber auch in Italien für bestimmte Branchen Unterstützung.

Der deutsche Spielwarenmarkt wuchs im 1.Quartal 2020 kräftig. Ist das ein Strohfeuer oder wird die Branche am Ende des Jahres mit einem schönen Plus rausgehen?

Experimentierbox Planet Erde
Galileo Planet-Erde, Play for Future/ Clementoni

J.R.: Im Durchverkauf konnten wir ein deutliches Plus von 42 % in einem Markt mit einem Plus von 8% in diesem Zeitraum verbuchen. Das korreliert auch mit einer verstärkten Nachfrage in bestimmten Kategorien wie Puzzles, Spielen und Arts & Crafts. Was wir allerdings sehr deutlich sehen, ist, dass Kunden sich in Größenordnung auf Kanäle wie Online aber auch Verbrauchermärkte fokussiert und hier gekauft haben. Dieses sich verändernde Kaufverhalten ist nicht neu, aber nimmt auch durch die aktuelle Situation bedingt, deutlich an Geschwindigkeit zu. Grundsätzlich spricht vieles dafür, dass der Spielwarenmarkt trotz deutlicher Herausforderungen durchaus mit einem Plus abschließen kann. In Krisenjahren, das zeigte auch die Finanzkrise, steigen in der Regel die Budgets pro Kind, insbesondere wenn auf teure Anschaffungen oder auch Urlaub verzichtet wird bzw. werden muss. Dennoch bleiben wir realistisch, denn negative Auswirkungen einer möglichen Rezession können wir wohl erst mit Abschluss des Jahres bewerten. 

Auf diese Entwicklung kommen wir noch zurück, vorerst noch einmal die Frage: Strohfeuer oder profitiert die Branche auch perspektivisch von der Krise?

J.R.: Ja, der Mehrbedarf rührt nicht allein daher, dass die Kinder jetzt zuhause beschäftigt werden müssen, sondern auch Erwachsene greifen verstärkt zu Puzzles und Arts & Craft. Die Awareness für Spielware aber auch wieviel Zeit Eltern und Kinder als auch Erwachsene mit klassischem Spielzeug verbringen ist generell gestiegen und dies wird aus unserer Sicht auch Bestand haben.

Stichwort „verändertes Kaufverhalten“. Heißt das, dass der Fachhandel noch mehr unter Druck gerät?

J.R.: Es wird vermutlich eine Gegenbewegung geben, sobald sich die Stores auf die neue Normalität eingestellt haben. Stand heute ist das noch nicht der Fall. Ich sehe das tatsächlich sehr kritisch. Der Druck auf diesen Vertriebsweg hat jetzt noch mal zugenommen. Der negative Trend wird sich wohl noch mal beschleunigen, das kann man nicht wegdiskutieren. Als Industrie heißt es jetzt neue Konzepte zu stärken und neue zu entwickeln. Als Partner sehen wir uns hier in der Pflicht, uns entsprechend zu beteiligen.

Box Garten-Set
Galileo Garten-Set - Play for Future/ Clementoni

Vor allem Spiele, Puzzles, Bastelmaterialien erleben einen Boom. Kinder- und Familienspiele sowie Puzzles sind das zweitstärkste Segment bei Ihnen. Konnte auch Clementoni vom staatlich verordneten Cocooning profitieren?

J.R.: Ja, gerade dieses Segment, vor allem Galileo, Experimentieren und Arts & Crafts, profitieren überproportional, aber bestimmte Warengruppen haben auch schon vor der Corona-Krise sehr gut funktioniert. Die Herausforderung für uns ist jetzt, mit dem ge­stiegenen Bedarf Schritt zu halten. 

Seit Dezember sind Sie Geschäftsführer der Clementoni GmbH. Der Umsatz kletterte von 2015 bis Ende 2019 von 12 Mio. € auf 18,7 Mio. €. Clementoni ist die Nr. 25 im deutschen Markt. Sie wollen weitere Potenziale heben. Wo sehen Sie die?

J.R.: Potenzial sehe ich definitiv in den Wachstumssegmenten wie Puzzle, Galileo Experimentieren und Zauberkästen und. In allen Segmenten werden wir zusätzlich durch entsprechende Neuheiten weitere Impulse setzen.

Der Erfolg von Clementoni wird stark von Lizenzen bestimmt. 2020 kommen mit Masked Singer und Haus des Geldes weitere dazu. Was tragen lizenzierte Spielwaren zum Umsatz bei?

J.R.: Lizenzierte Spielwaren machen 75 % Prozent unseres Portfolios aus. Allerdings müssen wir hier stark differenzieren. Richtig ist, dass unser Geschäft lizenzgetrieben ist, aber Galileo und Ehrlich Brothers sind für uns kein klassisches Lizenzgeschäft, sondern auf Jahre angelegte „lizenzierte Partnerschaften“. Wir entwickeln die Produkte maßgeblich selbst und entscheiden dann gemeinsam mit unseren Lizenzpartnern, wann und wie wir diese im deutschen Markt einführen. Eine entsprechende eng abgestimmte Marketingstrategie ist dabei zusätzlich entscheidend.

Eine zu große Abhängigkeit sehen Sie nicht? Bei Lizenzen braucht es, wie ein Wettbewerber sagte, neben Nase auch eine gehörige Portion Glück

J.R.: Nein, denn die Zusammenarbeit mit Galileo oder den Ehrlich Brothers sind langfristig angelegte Partnerschaften. Sie sind, wie gesagt, auch separat vom traditionellen Lizenzgeschäft zu sehen und deutlich weniger abhängig von der jeweiligen Stärke eines Trends. Bei klassischen Lizenzthemen, sprich wenn es genau um diese Trends geht, brauchen sie „den richtigen Riecher“ und müssen zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen treffen. Der Anteil dieses Geschäftes ist bei uns prozentual aber auch deutlich geringer.

Was wird dieses Jahr denn bei den Lizenzthemen angesagt sein? Wo setzen Sie die größten Hoffnungen rein?

J.R.: Mit Disney bieten wir ab Mai eine exklusive Play for Future Puzzle-Linie. Play for Future steht für ein nachhaltiges Konzept, auf das wir sehr stark setzen. Bei den klassischen Lizenzthemen existieren derzeit ein paar Herausforderungen, weil es aufgrund der Krise beispielsweise zu deutlichen Verschiebungen bei Kinofilmen kommt, u.a. bei Minions 4. Dafür schätzen wir diverse Netflix-Serien, die weniger abhängig von der aktuellen Situation sind, als sehr starke Lizenzthemen ein.

Herr Remus, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

Veröffentlichung des Interviews mit freundlicher Genehmigung der Fachhandelszeitschrift planet toys. Das komplette Interview ist in der nächsten Ausgabe N° 3-20 Mai/Juni zu lesen.


Dieser Artikel stellt die Meinung des Autors dar und stimmt nicht notwendigerweise mit der Meinung der Spielwarenmesse eG überein.

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Ulrich Texter

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