Spielwarenmesse: Interview mit Marcel Pasternak, BionicToys: Lernen von Mutter Natur

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Interview mit Marcel Pasternak, BionicToys: Lernen von Mutter Natur

von Ulrich Texter

Das Konstruktionsspielzeug BionicToys will Kindern Naturgesetze auf spielerische Weise vermitteln. Auf der diesjährigen Spielwarenmesse® stellte das 2016 vom Produktdesigner Marcel Pasternak gegründete Startup seine ersten Education-Sets vor. Das soll aber noch nicht das Ende sein. In der Berliner Erfinderschmiede arbeitet man bereits an einem BionicToys-Humanoiden.


Herr Pasternak, warum ist die Natur uns immer einen Schritt voraus?

Foto von Marcel Pasternak

Marcel Pasternak: Die Natur gibt es schon seit Millionen von Jahren, lange vor dem Menschen. Sie hatte also genügend Zeit, um Prozesse zu optimieren und Probleme, mit denen wir heute zu tun haben, zu lösen. Wir müssen nur richtig hinschauen, dann findet man dort Antworten, nicht auf alles, aber auf einiges. Sei es bei der Frage nach erneuerbaren Energien oder effizienterer Strömungslehre.

Sie sind Produktdesigner. Was fasziniert Sie an Bionik, diesem Zwitter aus Biologie und Technik, dass Sie als Abschlussarbeit ein Konstruktionsspielzeug entwickelten, welches sich an der Natur orientiert? 

M. P.: In stressigen Phasen finde ich in der Natur Ruhe, speziell im Wald. Ich beobachte dort Wurzeln, Blattwerk, Moos und Formen, die nicht dem Quadrat, dem rechten Winkel oder dem Kreis gehorchen. Solche Formen gibt es in der Natur nämlich nicht. Es scheint, als gäbe es in diesen organischen Formen eine Ordnung, die wir Menschen mit unseren rationalen Verstand nicht verstehen. Davon geht eine große Faszination für mich aus.

Inwiefern?

M. P.: Nehmen Sie nur einen Baum. Wenn sie ins Detail gehen, merken sie, wie perfekt der ist. Im Gegensatz zu unseren Hochhäusern ist er nicht aus starrem Beton gegossen, sondern besteht aus einer Vielzahl flexibler Fasern, sodass er nicht gleich beim ersten Windstoß umkippt. Das war der Ausgangspunkt für weitere Recherchen und die Basis für meine Masterarbeit, bei der ich einen gummiartigen Konstruktionsbaustein entwickelt und patentiert habe.

Sie haben geschrieben, Konstruktionsspielzeug sei kein bloßer Zeitvertreib.

M. P.: Beim Spielen lernen wir, ohne es vor lauter Spaß und Neugierde zu bemerken. Spielen ist das Fundament, auf das unser Wissen gebaut wird. Meine ersten Erfahrungen mit Konstruktion, Statik und Hebelgesetzen habe ich mit Konstruktionsspielzeug gemacht. Erst später in der Schule lernte ich in Physik oder Mathematik alles genau zu berechnen, aber als Kind hat es einfach nur Spaß gemacht. Ich glaube, dass ist auch der Grund, warum ich überhaupt Produktdesigner geworden bin und die Konstruktionsbausteine entwickelt habe, denn in dieser Rolle als „Schaffender“ bin ich nicht nur Konsument, der mit fertigen Spielfiguren spielt, sondern ich kreiere meine eigene Welt. 

Ocean Animals Set

Ihre patentierten Flex-Bausteine nutzen den FIN Ray Effekt. Können Sie uns erklären, was sich dahinter verbirgt?

M. P.: Beim FIN Ray Effekt, entdeckt von den  Berliner Bioniker Leif Kniese und Rudolf Bannasch, reagiert die Schwanzflosse der Knochenfische atypisch auf seitlichen Druck. Sie drückt sich nicht weg, sondern zum Finger hin. Das nennt man den FIN Ray Effekt, der in verschiedenen Erfindungen, wie bei adaptiven Greifern, verwendet wird. Dieser Effekt lässt sich für eigene Konstruktionen mit den flexiblen Bausteinen von BionicToys nachbauen.

Aus welchem Material sind Ihre patentierten Flex-Bausteine?

M. P.: Baustein ist eigentlich nicht der richtige Begriff, wenn man sich den flexiblen Strang von BionicToys anschaut. Trotzdem musste ich diesen Begriff bei der Patentanmeldung verwenden. Allein das zeigt den großen Innnovationsbedarf, eine neue Begrifflichkeit zu kreieren. Die BionicToys sind aus TPU (Thermoplastisches Polyurethan) mit einer FC-Komponente hergestellt, also mit einer Foodcontact Certification. Man könnte sie sogar ohne Sorgen in den Mund nehmen. Ähnliches Material wird in Dichtungen von Frischhaltedosen verwendet.

Und die Stränge sind auch besonders langlebig? Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Spielwarenbranche zu einem großen Thema geworden!

M. P.: BionicToys sind keine Wegwerfprodukte, sondern qualitativ hochwertige Baustein-Sets, die mit ruhigem Gewissen an die nächste Generation weitervererbt werden können, genauso wie man es mit Lego macht. Aktuell arbeiten wir parallel an einem Projekt in Sri Lanka. Auf einer Delegationsreise der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) habe ich mir dort  die Naturkautschukproduktion angeschaut, die wir mit einem größeren Projekt fördern wollen. Die flexiblen Bausteine von BionicToys sollen ein Teil von diesem Projekt sein. Mehr will ich nicht verraten.

Bausteinsystem von BionicToys

Die Bausteine können mit Lego-Technic oder ähnlichen Bausteinsystemen kombiniert werden. Was kommt dabei raus?

M. P.: Früher war BionicToys ein Add-on zu bestehenden Bausteinsystemen. Inzwischen ist es zu einem eigenständigen System herangewachsen. Wir produzieren nun alle Bausteine, sowohl die flexiblen als auch die harten Lochbalken. Unser Thema ist die Natur, die Zoologie, die Botanik, das ist unser Fokus. Kinder lernen im ersten Schritt spielerisch, Formen aus der Natur nachzubauen, etwa einen Hai mit Fin RAY Effekt. Im zweiten Schritt lernen sie zu abstrahieren, wenn sie aus der Haifischflosse einen Greifer bauen.

Sie haben in diesem Jahr auf dem Gemeinschaftsstand Junge Innovative Unternehmen der Spielwarenmesse® Ihre neuen STEM-Sets vorgestellt. Wie war die Resonanz auf die Education-Sets?

M. P.: Die Produktveröffentlichung von BionicToys auf der Spielwarenmesse in Nürnberg hat unsere Erwartungen übertroffen. Das zeigen die vielen Vorbestellungen, auch international. Die Messe hat uns klargemacht, dass wir uns auch als junges und kleines Unternehmen international aufstellen sollten. Es war eine tolle Messe mit vielversprechenden Kontakten.

BionicToys hat sich bisher über Crowdfunding finanziert. Haben Sie jetzt mit Clementoni den richtigen Partner gefunden. Was hat den Ausschlag für die Italiener gegeben?

M. P.: BionicToys ist ab August 2020 im Einzelhandel präsent. In Europa vertreten durch unseren neuen Partner Clementoni, der BionicToys unter dem eigenen Produktnamen „Dynamix“ auf den Markt bringt. Wir haben mehrere Firmen kontaktiert, die in Frage kamen, und versucht, einen Lizenzvertrag abzuschließen. Am Ende haben wir uns für die Italiener entschieden, weil sie sehr fair und auf Augenhöhe mit uns verhandelt haben. Clementoni ist nun für den Retail-Markt unser exklusiver Lizenznehmer in Europa. Parallel sind wir damit beschäftigt, in den Bildungsmarkt einzusteigen. Für den Education-Markt ist die Lizenz noch verfügbar. Ebenfalls suchen wir Partner für den amerikanischen und asiatischen Raum.

Gripper Set von BionicToys

Woran arbeiten Sie aktuell?

M. P.: Bisher dienen die flexiblen Bausteine in unseren Konstruktionen als Muskeln, Sehnen und Bänder. Nun kommen elektronische Komponenten dazu, sprich Sensorik, welche die Muskelkontraktionen am eigenen Körper abgreifen und in Motorbewegungen übersetzen. Kinder lernen dabei, wie der Muskelapparat des menschlichen Arms aufgebaut ist und wie die jeweiligen Muskeln heißen. Sie können aus BionicToys eigene Greifprothesen bauen und in Echtzeit mit Handbewegungen steuern. Der Humanoid, die Menschmaschine-Verschmelzung, ist also gar nicht mehr so weit entfernt. 

Herr Pasternak, wir bedanken uns für das Gespräch. 


Dieser Artikel stellt die Meinung des Autors dar und stimmt nicht notwendigerweise mit der Meinung der Spielwarenmesse eG überein.

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Autor dieses Artikels:

Ulrich Texter

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