Spielwarenmesse: Ein Kind, das spielt, ist ein kleiner Künstler

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Nachziehtiere aus Holz
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Ein Kind, das spielt, ist ein kleiner Künstler

von Ulrich Texter

Lange Zeit waren es Architekten, die uns guten Geschmack lehrten und uns zahlreiche Klassiker der Produktgestaltung bescherten – bevor sich Mitte des vergangenen Jahr-hunderts das Berufsbild des Designers etablierte. Auch Wojtek Bajor, Firmengründer und Kopf von Bajo, ist Architekt, aber dennoch eine Ausnahme. Als einer der wenigen widmet er sich ausschließlich der Ästhetik von Spielzeug, dazu noch Holzspielzeug.


Spielwarenmesse®: Herr Bajor, es gibt kaum einen Architekten, der nicht irgendwann in seinem Leben sein Formverständnis in einem Objekt des Alltags zum Ausdruck bringen möchte. Mitunter entstehen daraus ikonische Produkte, Klassiker: Stühle, Leuchten, Möbel etc. Mit Spielzeug haben die meisten Architekten allerdings wenig am Hut. Was fasziniert Sie als Architekt an Spielzeug?

Wojtek Bajor
Wojtek Bajor, Architekt und Spielzeugdesigner, Gründer von Bajo

Wojtek Bajor: Wir Architekten reden oft über Bereiche, die vom Betrachter nicht bewusst wahrgenommen werden. Wir gestalten den Raum so, dass möglichst viele Bewusstseinsebenen angesprochen werden und sprechen so auch das Unterbewusstsein an. Bei der Entwicklung von Spielzeug müssen zwei Phänomene berücksichtigt werden: zum einen der Spielspaß und zum anderen die Persönlichkeit des Kindes.

Ein spielendes Kind ist erstmal eine Blackbox. Dazu kommt, dass, wenn man Spielsachen designt, man eigentlich für einen kleinen Künstler tätig wird, denn im Spiel erschafft jedes Kind seine eigene Welt und ist deswegen ein Künstler. Deswegen muss man die Formengestaltung so planen, dass sie den User anspricht. Und das ist eine sehr befriedigende Tätigkeit.

Und was war der konkrete Auslöser, dass Sie vor 25 Jahren sagten, jetzt wage ich den Sprung in das Toy Business statt Bauwerke hochzuziehen oder Bühnenbilder für Verdi- oder Mozart-Opern zu entwerfen?

W. B.: Das war eine soziale Notwendigkeit. In der schwierigen Übergangsphase, die Polen nach dem Ende des Sozialismus durchlief, war es in meinem kleinen Dorf in den Karpaten schwierig, Arbeit zu finden, und als mich jemand wegen ein paar Projekten mit Spielzeug ansprach, sagte ich natürlich zu. Ich musste alles selbständig machen, und so kam es dazu, dass ich ein Unternehmen gründete und viel Arbeit investierte, denn ich fing ja komplett bei null an. Damals wollte ich gar kein Unternehmer werden, sondern nur etwas Sinnvolles für die Gesellschaft tun. Paradoxerweise war es genau diese Einstellung, die dazu führte, dass ich ein nachhaltiges wirtschaftliches Fundament für die Firma Bajo legte.

Warum ist Holz das Material Ihrer Wahl geworden? Holz kann es zwar mit Stahl oder Aluminium aufnehmen, aber es setzt Designern engere Grenzen als etwa Kunststoff, der sich in jede beliebige Form spritzen lässt!

Kleinkindfahrzeug mit vier Rädern aus Holz
In der Bajo Fahrzeugserie gibt es neben dem Bajocycle auch einen Lauflernwagen und einen Puppenwagen.

W. B.: Am Anfang stand das Holz. Und zwar nicht irgendein Holz. Ich begann mein Geschäft in einer Zeit, in der das Holz von Obstbäumen wie z.B. Apfel-, Kirsch- oder Birnenbäumen nur als Brennstoff wichtig war. Die Farben, die Körnung, das weiche Gefühl beim Anfassen – das alles machte mir große Freude. Holz ist ein außergewöhnliches Material, es hat etwas Kosmisches, weil es mit der Natur verbunden ist.

In jedem Stück Holz hat sich die Zeit verewigt und der Ort konserviert, an dem der Baum gewachsen ist. Darum hat jedes unserer Spielzeuge einen Teil, der aus reinem naturbelassenem Holz gefertigt ist. Auf diese Weise bringen wir das metaphorische Potenzial des Materials zum Ausdruck, aus dem das Spielzeug gefertigt wurde. Ich denke, dass uns naturbelassenes Holz sogar mehr Möglichkeiten einräumt… nicht unbedingt bei der Formgebung, sondern eher bei der Interpretation der Formen.

Architekten neigen zur „Pädagogisierung“ und wollen mit ihren Arbeiten Botschaften ver­mitteln, um sie unverwechselbar und wiedererkennbar zu machen. Welche Botschaften stecken in Ihren Produkten?

W. B.: Meine Spielsachen sollen nicht unbedingt eine konkrete Botschaft vermitteln. Die Form soll dem Kind Freude machen und seine Fantasie anregen. Nicht ich, sondern das Kind, das mit meinen Kreationen spielt, hat Spaß damit. Nach fast 30 Jahren im Geschäft geht es mir nicht mehr darum, Kindern immer und überall etwas beizubringen. Spielwarenhändler sehen Spielsachen oft als Wundermittel, mit dem bewirkt werden soll, dass das Kind sich toll entwickelt, besser als andere Kinder ist und später als Erwachsener ein erfolgreiches Leben führt.

Ich glaube eher an die Kunst als an die Bildung. Nur durch die Kunst können wir die Gefühle der Kindheit ausdrücken und so ein kreatives Potenzial für das spätere Erwachsenenleben erschaffen. Meine Spielsachen sind ein Medium, das das Kind in unbekannte Welten entführt. Mit anderen Worten: ein glückliches Kind ist immer gut auf das Erwachsenenleben vorbereitet.

Der römische Architekturtheoretiker Vitruv glaubte, Architektur müsse einen Nutzwert, Dauerhaftigkeit und Schönheit aufweisen. Die Bajo-Firmenphilosophie basiert ebenfalls auf drei Säulen, die fast nach Rom klingen. Mehr als nur Zufall?

W. B.: Das Bedürfnis, in einem von Arbeitslosigkeit geprägten Umfeld einen Beitrag zu leisten und das Verlangen und die Bereitschaft, etwas Schönes und Dauerhaftes zu kreieren, das man verkaufen kann, gehören zusammen. Sie sind die Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, um der Aufgabenstellung gerecht zu werden. Was man heutzutage Unternehmensphilosophie nennt, ist in unserem Fall nur ein alter, bewährter Grundsatz, der wie folgt lautet: Wenn du etwas machst, dann mache es so gut wie du kannst.

In welchen Ländern werden Ihre Botschaften besonders gut verstanden, sieht man einmal von Polen ab? Spielt Asien inzwischen eine Rolle? Was macht Europa, zu dem Polen aktuell eher eine ambivalente Beziehung hat?

Holzkugelbahn mit drei Ebenen
Die Kugelbahn Tautropfen lässt sich wie ein Puzzle verschieden kombinieren.

W. B.: Wir haben tatsächlich den Eindruck, dass Japaner das, worum es uns geht, besonders gut verstehen. Unsere Zusammenarbeit ist ein steter Quell der Inspiration und verschafft uns Befriedigung. Die Fähigkeit der Asiaten, sich auf die Form eines Produktes zu konzentrieren, ist wirklich faszinierend. Für einen Designer lässt sich diese Zusammenarbeit nicht mit Geld aufwiegen. Neben unserer eigenen Marke Bajo ist der Claim „Made in Poland“ für uns ebenfalls sehr wichtig.

Bajo-Spielzeuge sind ein polnisches Produkt, das in Polen hergestellt wird. Wir sind sehr stolz, dass Kinder in allen europäischen Ländern mit Bajo-Spielsachen spielen. Wir wollen nicht, dass Polen bei den Eltern im Rest Europas ambivalente Gefühle hervorruft. Wir hoffen, dass die Kinder die Marke Bajo akzeptieren, denn sie steht für die guten Beziehungen zwischen Polen und Europa.

Interessanterweise fragen die Polen selbst häufig, ob Bajo ein polnisches Unternehmen ist. Das heißt nicht, dass wir Fremde im eigenen Land sind, sondern dass wir universelle Werte leben, die typisch für die europäische Gemeinschaft sind. In Polen steht man diesen Werten unvoreingenommen gegenüber, denn es sind auch unsere Werte.

Noch einmal zurück zur Rolle. Der Spielzeughandel befindet sich in einem extremen Umbruch. Einzelhändler und Ketten schließen oder werden verkauft. Welche Auswirkung hat das auf Ihre Arbeit?

W. B.: Manchmal kann einem die Marktsituation schon zu denken geben, aber wir versuchen, unseren Job zu machen. Mit unseren Nischenprodukten ist es einfacher. Auch die jetzige Kindergeneration spielt mit denselben Spielsachen wie die Generation vor ihr. Unsere Spielsachen haben sich nicht nur als sehr langlebig erwiesen, sondern sind aufgrund ihrer Formen auch als Designobjekte gefragt.

Die Formensprache und die Tatsache, dass das Material so schön altert, lassen unsere Produkte mit der Zeit immer besser aussehen und erhöhen so die Marktchancen. Unsere Produkte werden auch von umweltbewussten Konsumenten gekauft, die lieber weniger und dafür haltbarere Artikel erwerben – und die das auch gerne zeigen wollen. Diese Käuferschicht nimmt Spielzeug sehr ernst und lässt sich Zeit bei der Auswahl.

2013 stieg Bajo mit „Der Grüffelo“ ins Lizenz-Geschäft ein. In Deutschland zählt das Bilderbuch zu den Bestsellern, in Großbritannien laut einer Umfrage zu den 100 be­liebtesten Kinderbüchern aller Zeiten. Lizenzthemen entpuppen sich aber oft als schwierig bei Holzspielzeug, siehe „Der kleine Prinz“. Welche Erfahrungen haben Sie mit  „Der Grüffelo“ gemacht?

W. B.: Der „Grüffelo“ lässt sich überhaupt nicht mit dem „Kleinen Prinzen“ vergleichen. „Der Kleine Prinz“ ist metaphorische Lyrik in Reinkultur. Der „Grüffelo“ hat ausdrucksstarke Figuren und die Botschaft ergibt sich aus dem Zusammenspiel dieser Figuren. Damit lässt sich vortrefflich arbeiten.

Die gesamte Grüffelo-Geschichte hat uns sehr inspiriert. Unsere Vertriebsmitarbeiter haben sich sogar mit führenden polnischen Illustratoren zusammengetan und bieten jetzt Bilderbücher für Kinder an. Inzwischen arbeiten wir mit einigen Verlagen zusammen. Die Kinder können verborgene Geschichten in unseren Spielsachen entdecken, die sich über das Spiel für sie in Literatur verwandeln.

2013 legten Sie auch eine Serie unter den dem Namen „TOBE“ auf den Markt. Ist das ein Sprungbrett für Nachwuchsdesigner oder welche Ziele verfolgen Sie mit diesem Subbrand?

W. B.: Ich habe viele Jahre lang an der Fakultät für Architektur gelehrt. Ich habe den Studenten vermittelt, wie man einem Objekt eine Form gibt, aber vielmehr wird in Designschulen meistens nicht gelehrt. Und weil ich auch ein im Markt erfolgreiches Unternehmen betreibe, kann ich meine Lehrbestrebungen an den Praktikanten weiterführen, die uns von der Akademie der Bildenden Künste – Fakultät für Industriedesign in Krakau vermittelt werden. Diesen Studenten kann ich praktische Erfahrungen vermitteln, wie es die Schule nie kann. Es geht dabei um Marktwissen, produktionswirtschaftliche Fragen, Marketingaspekte und das Vertrauen in das eigene Produkt. Bajo ist ein Team, das durch junge Designer verstärkt wird. Ich bin froh, dass Bajo in TOBE einen würdigen Nachfolger bekommt.

Profitiert auch Bajo von dem seit Jahren anhaltenden Wachstum in Polen, in dem auch der private Konsum floriert?

W. B.: Es steht außer Frage, dass wir davon profitieren. Was offensichtlich ist, ist, dass die Nachfrage nach dieser Art von Spielsachen zurzeit größer ist. Es gibt neue Kunden, die vielleicht früher gedacht haben, dass Bajo keine Marke für sie ist. Diese gesteigerte Nachfrage verdanken wir zweifelsohne dem gestiegenen Konsum.

Herr Bajor, wir bedanken uns für das Gespräch.


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Ulrich Texter

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