Spielwarenmesse: Lust auf Grün! Interview mit Harald Käb

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Lust auf Grün! Interview mit Harald Käb
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Lust auf Grün! Interview mit Harald Käb

von Eva Stemmer und Jörg Meister

Vor bald zehn Jahren war "Toys go green" Trendthema auf der Spielwarenmesse® 2011. Dass es keine Modeerscheinung war, sondern eine kollektive Bewusstseinsänderung anstand, sich nachhaltiger zu verhalten, war damals schon klar. Und doch fehlte in großen Teilen noch der richtige Zugang zu diesem komplexen Thema. Seither hat sich viel verändert.

Umweltbewusstsein greift um sich

Technologisch ist die Industrie einen gehörigen Schritt weiter - es gibt sehr performative Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen und die Herstellungsprozesse sind der Laborphase entwachsen.

Gesellschaftlich ist der Druck stark gewachsen. Gerade unsere Zielgruppe legt Wert auf Transparenz und echte Nachhaltigkeit und trägt den Unmut über ökologische Missstände lautstark auf die Straße.

Gesetzgeberisch bringt das wiederum viel in Bewegung, sodass es wohl nur eine Frage der Zeit sein wird, dass regulatorisch weiter in ökologische Aspekte der Produktion eingegriffen wird.

Da geht noch mehr

Harald Käb, Gründer und Geschäftsführer von narocon InnovationConsulting, berät Unternehmen in Fragen der Nachhaltigkeit, und beschäftigt sich seit mehr als zwanzig Jahren mit nicht-fossilen Materialien und nachhaltigen Herstellungsprozessen. Im vergangenen Jahr war er Mitveranstalter der Fachkonferenz bio!TOY, die erstmals speziell für die Spielwarenindustrie stattfand, und eine gemeinsame Dialogbasis für Akteure bilden soll. Im Gespräch erläutert Käb, wie man als Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit am sinnvollsten angeht, welche Zukunft er biobasierten Kunststoffen in der Spielwarenindustrie gibt - und weshalb er findet, dass Nachhaltigkeit keine Frage der Lust sein darf.


Herr Käb, Nachhaltigkeit und biobasierte Materialien sind Ihr "Täglich Brot" seit vielen Jahren. Wie hat sich dieses Feld entwickelt in der Zeit, die Sie bisher mitbekamen? Und wie ist der Stand der Dinge heute?

Harald Käb

Harald Käb: Technologisch wurden große Leistungen erbracht, es gibt heute eine Vielzahl von biobasierten, funktionsstarken Polymeren und Werkstoffen. Sie haben die gleichen, oder neue Eigenschaften, sind aber nicht mehr aus Erdöl oder Erdgas. Wie im Energiebereich ist das Ziel „weg von fossilen, hin zu erneuerbaren Ressourcen!“ somit auch für weite Bereiche der Kunststoffwelt erreichbar. Doch im Markt ist viel zu wenig passiert, die Markteintrittsbarrieren sind weiter hoch. Das ließe sich ändern, doch dazu müssten die anwendenden Unternehmen und der gesetzgeberische Staat mehr tun. Mir erscheint es fast, als wollten die Unternehmen dies mehr als der Staat…

Sie organisierten gemeinsam mit Michael Thielen vom bioplastics magazine im Jahr 2019 die bio!TOY - Konferenz. Die Spielware ist ja ein "Plastikbusiness". Wie kam Ihr Vorstoß an?

H. K.: Wir haben im Vorfeld vielfache Kontakte geknüpft. Mit 80 Teilnehmern waren wir für den Auftakt sehr zufrieden, darunter führende Marken wie Geobra Brandstätter, Habermaass, Ravensburger, Lego, Zapf. Plattformen wie der DVSI und die Spielwarenmesse eG zeigen sich interessiert, das ist gut und wichtig.

Bleiben wir beim Kunststoff - da ist sowohl Vielfalt als auch Verwirrung groß. Es gibt zahllose „neue Kunststoffe“ - doch nicht einer ist so gut wie der andere… wo fängt man da an als Hersteller, wenn man etwas ändern möchte?

H. K.: Der erste Schritt ist immer der Aufbau interner Kompetenz. Dazu braucht man entsprechende Mitarbeiter mit Geld und Zeitbudget. Die Geschäftsleitung muss es als Ziel ausgeben und unterstützen. Die Projekte kommen dann von ganz alleine. Wer es ernst meint, holt sich als Sparringspartner fachliche Beratung – gibt’s auch für kleine Geldbeutel – das hilft frustrierende wie teure Fehler zu vermeiden und dient der Effizienz.

Biobasiert, biologisch abbaubar, Blend-Kunststoffe, Rezyklate – in der Werbung scheinen alle gleichermaßen perfekt und nachhaltig. Gibt es bei der Produktion wirkliche Nachhaltigkeit?

H. K.: Nachhaltigkeit ist immer mehr Prozess als Zustand – eine permanente Ambition. Es gilt sich zu verbessern, in Schritten um 10, 20 oder mehr Prozent gegenüber einem definierten IST-Stand. Wir raten dazu die CO2-Bilanz zum Leit-Maßstab zu machen, sich dazu Ziele für die Recyclingfähigkeit der Produkte und Verpackungen zu setzen, ohne Abstriche an (hoher!) Qualität zu machen. Angewandt auf Produktdesign und Materialwahl wird dann vieles klarer. Wichtig ist immer, dass man messen und beweisen kann (besser grob als gar nicht).

Seit Jahrzehnten fordern Wissenschaftler, den Umgang mit Rohstoffen und Energie – gerade im produzierenden Gewerbe – zu verändern. Mit "Fridays for Future" erhöhte sich der Druck. Nun kam Corona – wie und wer kann den Veränderungsdruck aufrechterhalten?

H. K.: Krisen erhöhen immer den Selektionsdruck. Wer nicht gut aufgestellt ist, sich nicht anpassen kann oder will, wird leichter Opfer. Wer vor dem Hintergrund des Klimawandels keine intelligente Anpassungsstrategie entwickelt, wird in 5-10 Jahren eine andere Welt vorfinden, die bevorzugt CO2-arme und nachhaltige Produkte wünscht. Der Staat (be)steuert, die Kinder erziehen ihre Eltern, denn sie müssen sonst unter heißeren und vermüllteren Bedingungen leben. Wehe es gelingt nicht!

Seit die Spielwarenmesse® 2011 "Toys go green" ausrief, ist viel geschehen – aber die große Revolution blieb aus. Wie nachhaltig entwickelt sich die Spielwarenindustrie in den kommenden zehn Jahren?

H. K.: Ich weiß es nicht. Aber folgendes würde ich mir wünschen: Das Thema ist bis dahin unterfüttert mit vielen unternehmerischen Initiativen und Branchen-Initiativen, die Flagge zeigen, Ziele vereinbaren, Wissenschaft fördern und Verantwortung übernehmen. Jeder Spielwarenhersteller und -händler, der etwas auf sich hält, bietet wie der Lebensmittelbereich eine "Ökoproduktlinie" an – mit Rezyklaten und biobasierten Werkstoffen. Außerdem wurde und wird das Produkt- und Verpackungsdesign kritisch durchleuchtet. Es ist auf Langlebigkeit, Recycling und Wiederverwendung ausgerichtet. Die Branche stellt sich auf eine Vorreiterrolle ein, und nutzt ihre Nähe zu Kindern und Familien, die das großartig finden.

Für alle, die nun "Lust auf Grün" haben – wohin wenden sie sich am besten? Und für alle anderen: Wie kann man die Lust wecken?

H. K.: Suchen sie sich kompetente Vorbilder und Macher, und stellen sie eine 24-jährige Umweltingenieurin als Projektleitung an, die in ihrer Freizeit demonstrieren geht. Erlauben Sie ihr, kreativ und unangenehm fordernd zu sein. Holen sie sich Studenten ins Boot mit Praktika und lassen sie dieses Team kreativ sein. Nehmen Sie sie ernst und lachen Sie viel mit denen. Bauen Sie auf interdisziplinäre Teams. Sparen sie an anderer Stelle. Seien Sie sich im Klaren: Es geht nicht um Lust, es geht um unser gemeinsames zukünftiges Leben in guten Bedingungen. Die Jungen müssen das anführen, die Erfahrenen unterstützen.

Herr Käb, wir danken Ihnen für das Gespräch.


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