Spielwarenmesse: Modellbahn-Hersteller werben um neue Kunden

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Modellbahn-Hersteller werben um neue Kunden

von Ulrich Texter

England ist die Insel eigenwilliger, mitunter exzentrischer Verwandter mit legendärem Humor und liebenswerten Traditionen. Humor beweist auch David Haarhaus, Geschäftsführer der Bachmann Europe Plc. mit Sitz im englischen Barwell. Haarhaus macht sich wenig Sorgen um Liliput nach dem Brexit Ende März 2019. Mit zusätzlichem Papierkram wird diese stolze Nation auch noch fertig, ist er überzeugt. Die eigentliche Herausforderung sieht er eher darin, neue Kunden für das Hobby Modellbahn zu gewinnen.


Spielwarenmesse®: Herr Haarhaus, ich hätte eine Frage, die auf den ersten Blick wenig mit Ihrem Portfolio zu tun hat, aber trotzdem Auswirkungen auf Ihr Geschäft haben könnte. Ende März 2019 wird England aus der EU austreten. Wie wird sich das auf die Bachmann Plc. und insbesondere auf Liliput, Ihre Marke für Kontinentaleuropa, auswirken?

David Haarhaus, Geschäftsführer der Bachmann Europe Plc

David Haarhaus: Wir bei Bachmann Europe haben keine Sorge, dass der Brexit unsere Geschäftsbeziehungen zu Kunden in anderen EU-Staaten oder sonst wo auf der Welt negativ beeinflussen könnte. Höchstwahrscheinlich müssen wir mehr Papierkram erledigen, um auch in Zukunft über die europäischen Grenzen hinweg Handel treiben zu können, aber das kriegen wir sicher hin.

Die Marke Liliput wird schon seit vielen Jahren von unserem Büro in Nürnberg betreut. Die Lieferungen kommen aus unseren Fertigungsbetrieben in Asien direkt nach Deutschland. Die ganze Handelstätigkeit läuft also ohne eine Beteiligung von Großbritannien ab und folglich wird auch der Brexit keine Auswirkungen auf das Geschäft von Liliput haben.

Tickt England auch bei Modellbahnen anders, nationaler? In Deutschland hören wir, dass der Nachwuchs fehlt und dass fast nur noch Silver Surfer Modelleisenbahnen als Hobby haben. Manche Hersteller sind mit Spielbahnen für ganz kleine Kinder in die Offensive gegangen. Ist die Welt zwischen Torquay und Inveress heiler als zwischen Flensburg und Konstanz?

D. H.: Wir sehen zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den Problemen auf dem deutschen und auf dem britischen Markt. Unsere Branche muss endlich begreifen, dass es nicht so ist, dass junge Leute sich nicht mehr für Modelleisenbahnen interessieren, sondern dass sie kaum Möglichkeiten haben, dieses Hobby für sich zu entdecken.

Das Internet ist gut, wenn man ein Produkt, das man sowieso haben will, zu einem guten Preis finden will. Aber es generiert keine neuen Kunden für unsere Branche. Das können nur echte Geschäfte mit echten Menschen. Die Modelleisenbahnbranche muss sich dafür stark machen, dass die Präsenz dieses Hobbys in der real existierenden Welt weiterhin gewährleistet ist.

Spielbahnen für Kinder sind eine gute Sache und Märklin scheint mit seiner Marke My World auch ganz erfolgreich zu sein. Aber das bringt alles nur wenig, wenn diese Kinder dann keine Gelegenheit haben, sich eingehender mit diesem Hobby auseinanderzusetzen, sich mit erfahrenen Modelleisenbahnern auszutauschen, sich sehnsüchtig die neuen Produkte anzuschauen und ihre Eltern dann so lange zu bearbeiten, bis sie ihnen diese zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken.

Wenn wir alles dem Internet überlassen, dann werden diese Kinder lieber mit der neuesten App spielen.

Hand aufs Herz - ist Ihre Branche nicht auch ein Gefangener ihrer selbst? Sie übertrifft sich selbst bei der Detailgenauigkeit und der technischen Ausstattung, verliert dabei aber die Kinder aus den Augen. Gibt es Entwicklungen in Großbritannien, die Jugendliche für Modelleisenbahnen begeistern könnten? Welche Strategie fährt Bachmann Plc.?

D. H.: Abgesehen von den traditionellen Modellbahnausstellungen, tut sich die Industrie gerade nicht leicht, mit der jungen potentiellen Zielgruppe in Berührung zu kommen. Wir arbeiten ständig hart daran. Bachmann nimmt unterm Jahr an vielen Messen und Dampfloktagen teil, wo Familien eine Chance bekommen, das Hobby selbst zu erleben. Hornby ist häufig unterwegs mit der Marke Airfix, um Kinder bei verschiedenen Modellbauveranstaltungen vom selber Basteln zu begeistern. Das ist zwar nicht direkt Modellbahnbau, aber immerhin Modellbau.

Dabei scheint das Hobby an der Wochenendveranstaltung zwar kurz zur Kenntnis genommen zu werden, aber bald wieder vergessen zu werden. Es gibt wenige Gelegenheiten die Modellbahnbegeisterung auf den Einkaufsstraßen zu befeuern.

Dennoch hatte die Industrie dieses Jahr einen großen Auftrieb. Mit Unterstützung von Bachmann strahlte ein Fernsehsender die TV-Serie 'Der große Modellbahn-Wettbewerb’ aus. Wir waren sehr nervös, als die Serie startete, und fragten uns, ob unser Hobby heutzutage so uncool und irrelevant sei, dass sich keiner die Sendung anschauen wird? Unsere Sorgen waren unbegründet. Die Serie war ein großer Erfolg und wird im nächsten Jahr fortgesetzt. Größer und auch besser. Menschen, Junge und Alte, haben großes Interesse an Modellwelten.

Wie schätzen Sie den Effekt ein, den die Eventisierung des Modelleisenbahn-Hobbys mit einer TV Show für junge Leute hat?

D. H.: Es ist zu früh, um diese Frage zu beantworten. Auf der National Model Rail Show in Birmingham hatten wir das Gewinnermodell an unserem Stand. Es zog die ganze Zeit viel Aufmerksamkeit auf sich. Es war eine Fantasielandschaft, die den Kindern sehr gut gefiel. Wir gewannen mehr Club-Mitglieder als sonst. Vielleicht sehen wir daran die Effekte bereits. Die TV Show wurde vor allem von der Altersgruppe der 16 -30-Jährigen angeschaut. Das ist wesentlich jünger als das traditionelle Bild eines Modelleisenbahners.

Wir arbeiten an Plänen und Strategien, dieses Interesse weiter zu erschließen und für unsere nächste Show zu nutzen. Wir sind auch dabei einen Generalplan auszuarbeiten, wie wir das Hobby für junge Leute ständig zugänglich machen, damit sie es auszuprobieren, kaufen und von den erfahrenen Modelleisenbahnern lernen können.

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Liliput Turmtriebwagen L136133

Auf der Spielwarenmesse war auf Ihrem Messestand zu erfahren, dass Liliput 2018 auf Neukonstruktionen verzichtet, um die im Jahr 2017 angekündigten Neuheiten ausliefern zu können. Wieviel Geduld braucht der Liliput-Fan noch?

D. H.: Wir verstehen, dass die Kunden frustriert sind. Zum Zeitpunkt der Messe werden die bereits angekündigten Neuheiten schon sehr weit fortgeschritten oder bereits in Produktion sein. Dadurch dass wir keine neuen Projekte angekündigt haben, waren wir in der Lage, unseren Rückstand aufzuholen.

Woher rühren die langen Lieferzeiten, die Ihnen doch das Geschäft verhageln müssen? Hat der europäische, speziell der deutsch-österreichische Markt, den Sie mit Ihrer Marke Liliput bedienen, bei der Muttergesellschaft Kader in Hong Kong nicht denselben Stellenwert wie etwa der amerikanische, der vom Volumen her sicherlich interessanter sein dürfte als Europa, weil dort nicht zig Lokomotiven unterwegs sind?

D. H.: Der europäische Markt und die Marke Liliput genießen bei Kader einen extrem hohen Stellenwert. Und im Konzern gibt es keine Bevorzugung einzelner Marken.

Die Marke Liliput zielt darauf ab, technisch anspruchsvollere Produkte zu liefern als die für den US-Markt bestimmten Marken, der eher ein Volumengeschäft ist. Manchmal führen diese technischen Herausforderungen dann eben zu unvorhersehbaren Verzögerungen. Das ist uns in der letzten Zeit leider bei einer Reihe von Projekten passiert und hat zu den bereits erwähnten Wartezeiten geführt.

Aber Kader hat trotzdem nie aufgegeben. Es wurde auch nie daran gedacht, die Erwartungen an den deutschen Markt herunterzuschrauben. Vielmehr wollten wir die Probleme eins nach dem anderen lösen, um den Ansprüchen der deutschen und österreichischen Modellbahnfans gerecht zu werden.

Die Marke Bachmann dürfte volumenmäßig die Nr. 1 unter den weltweiten Anbietern sein. Welche Stückzahlen erreicht die Marke heute? In Amerika sollen es ja mal über 1,3 Millionen Zugsets pro Jahr gewesen sein!

D. H.: Es stimmt, dass diese Zahlen in der Vergangenheit in den USA erreicht wurden. Aber auch dort hat die Nachfrage nachgelassen, genauso wie in Europa. Dennoch bleibt der Markt für uns nach wie vor interessant.

Natürlich kann ich keine konkreten Zahlen nennen, aber jeder weiß, dass die Volumina in der gesamten Branche rückläufig sind. Um diesem Trend Rechnung zu tragen, hat Kader verstärkt seine Fertigungsstätten an das geringere Marktvolumen angepasst. Solange es uns gelingt, neue Kunden zu akquirieren, kann Bachmann auch liefern.

Eine Überraschung war, dass Liliput erstmals Gebäude aus Resin präsentierte. Was gab den Ausschlag? Das Segment ist doch sehr gut besetzt oder wollen Sie das Knowhow von Woodland Scenics nutzen?

Liliput L132054 H0 Diesellok Henschel-BBC DE2500 "UmAn"

D. H.: Bachmann stellt schon seit mehr als zehn Jahren in Zusammenarbeit mit einem Exklusivpartner Anlagen aus Resin und Metall her, die in Großbritannien unter der Marke Scenecraft vertrieben werden.

Wir haben den deutschen Markt schon mehrfach mithilfe unseres Deutschland-Büros unter die Lupe genommen. Angesichts der zahlreichen Angebote im Modellbausegment schien aber nie der richtige Zeitpunkt zu sein, um in den deutschen Markt einzusteigen.

Wir haben vor einiger Zeit einige Bahnhöfe für den österreichischen Markt kreiert und waren überrascht, wie gut diese sich verkauft haben, obwohl die Konkurrenz groß ist. Das hat uns ermutigt, ein Produkt speziell für den deutschen Markt zu entwerfen, das diesen Monat ausgeliefert wird. Außerdem gibt es auch neue und interessante Angebote, die wir im Rahmen unseres wachsenden Sortiments auf der Messe vorstellen werden.

Vor acht Jahren sind Sie in die Spur N eingestiegen. Muss man, weil die Stückzahlen geringer werden, heute jede Spur bedienen? Die Spur 0 hat in den letzten Jahren hier in Deutschland eine kleine Renaissance erlebt, wenn uns nicht alles täuscht.

D. H.: Als Hersteller von sofort einsetzbaren Produkten, die nicht erst zusammengebaut werden müssen, bedienen wir diejenigen Spuren, die eine gewisse Masse aufweisen. In Großbritannien gab es auch durchaus Interesse an der Spur 0 und G, aber wir hatten den Eindruck, dass einfach nicht genug Leute wirklich diese Spuren verwenden, damit sich für uns der Aufwand für die Produktion lohnt. Aktuell konzentrieren wir uns deshalb auf HO und N.

Wir dürfen nicht immer kleiner werdenden Stückzahlen in verschiedenen Spuren hinterherlaufen, sondern müssen neue Kundenkreise ansprechen.

Die Branche muss dies in einer konzertierten Aktion machen. Wenn jemand entsprechende Ideen mit mir besprechen möchte – ich bin während der Messe die ganze Woche vor Ort auf unserem Stand in Halle 7A / F-58.

Vielen Dank für das Interview.


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Ulrich Texter

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