Spielwarenmesse: Sammelleiden­schaft: Auf der Jagd nach Eigenlob!

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Porsche Modellautos zum Sammeln
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Sammelleiden­schaft: Auf der Jagd nach Eigenlob!

von Ulrich Texter

Sammeln diente einst dem Überleben. Heute steht der Spaß im Vordergrund, denn wer sammelt, bringt nicht nur Ordnung in die Welt, sondern belohnt sich selbst. Zu den klassischen Sammelgebieten zählen nach wie vor Modellautos. Hier darf sogar der Mann noch Mann sein.

Sammeln ist der Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft, in der alles, was hergestellt wird, möglichst schnell aus dem Gebrauchskreislauf verschwinden soll. Sammeln schafft Dauer, lang anhaltende Beziehungen und „historische Zeugnisse“. Dabei spielt das Objekt der Begierde keine Rolle. Sammeln kann man so ziemlich alles, wie unlängst die Versteigerung des Rockefeller-Nachlasses im Mai 2018 bei Christie’s in New York zeigte. Das Spektrum, das unter den Hammer kam, reichte von Gemälden der klassischen Moderne über Meissner Porzellan bis zu einer Pferdekutsche(!) aus dem 19. Jahrhundert. „Der Sammler“, sagt Oliver Kaschel, Herpa Miniaturmodelle, „ruft die gute alte Zeit wieder auf und diese Zeit ist greifbar, verlässlich und zu bewältigen, während die Zukunft das genaue Gegenteil davon ist.“

Zwischen Rausch und Ratio

Brekina Modell
Brekina Busmodelle

Wer sammelt, bringt in einer postfaktischen Welt, in der alles nur noch eine Frage des Standpunktes, aber nicht mehr der Objektivität zu sein scheint, ein wenig Ordnung in das Chaos und die Komplexität der Gegenwart – wenigstens ein bisschen und auch nur im Privaten. Sammeln heißt genau beobachten, vergleichen, differenzieren, abwägen. Es verlangt Wissen, um „kleine Schätzchen“ ein wenig früher als die Konkurrenz zu entdecken – wenn man nur an den digitalen Flohmarkt Ebay denkt. Wer sammelt, fällt Urteile auf Basis von Zahlen, Daten, Fakten. Nicht zuletzt ist Sammeln ein kommunikativer Akt. Sammler sind neugierig, tauschen Objekte oder sich mit Gleichgesinnten aus. Nicht das, was sie haben, ist ihnen unbedingt wichtig, sondern das, was ihnen noch fehlt, treibt sie weiter an. „Ich habe drei Obsessionen: das Reisen, das Rauchen und das Sammeln”, sagte der große Aufklärer Siegmund Freud. Das sah Charles Darwin genauso. Der Mann sammelte Käfer. In der Welt der Leidenschaft zählt nur das Sammeln selbst. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Zu den eifrigsten Sammlern auf internationaler Bühne zählen die Deutschen. Kaum ein anderes Land zog in den letzten Jahrzehnten so viele Museen hoch. Das erklärt vielleicht auch, warum die kaum noch zu überschauende Zahl von Modellautoherstellern über so viele Jahre hinweg hier auf goldenem Boden traf. Die Sammelleidenschaft scheint sich jedenfalls besonders tief in das kollektive deutsche Unbewusste eingeschrieben zu haben. Die im Juli 2014 von der Steinbeiss Hochschule Berlin veröffentlichte Studie „Sammeln: Im Spannungsfeld zwischen Leidenschaft Executive Summary und Kapitalanlage“ kommt zu dem Ergebnis, dass „aktuell mehr als ein Drittel der über 18-jährigen Deutschen sammelt.“ 26 % sammeln zu Wertsteigerungszwecken; der Rest, weil es ihnen Spaß macht oder die Objekte eben „schön“ sind. Obwohl, wie die Autoren schreiben, der Zahn der Zeit an klassischen Sammelgebieten nagt, werden weiterhin „klassische Sammelobjekte wie Münzen und Modellautos gesammelt.“ Immerhin, zu den Hauptsammelgebieten der 18- bis 24-jährigen zählen Spielwaren, die auf Platz 4 landeten.

Wertewandel setzt dem Auto zu

„Das Auto ist nicht mehr das Goldene Kalb bei den Digital Natives“, sagt Peter Brunner, Schuco, „die haben oft nicht einmal mehr Lust, den Führerschein zu machen.“ Mit der Meinung steht er nicht alleine da. Die Mitte Juni 2018 erschienene Studie „Neue urbane Mobilität: Der Wandel erfolgt jetzt“ der Managementberatung Bain & Company kommt zu dem Ergebnis, dass 17 bis 34 Prozent der Autobesitzer bereit sind, auf ein eigenes Fahrzeug zu verzichten. Zunehmend würden Autofahrer auf Carsharing oder individualisierte Mitfahrgelegenheiten (Ride-Hailing) umsteigen. Und das heißt: Zählte früher der Besitz eines Autos zum Statussymbol, schlägt jetzt der Wertewandel bei der jüngeren Generation voll durch. Das Sein drückt sich nicht mehr in Hubraum, sondern im Zugang zu Mobilitätsangeboten aus.

Es ist nicht so, dass Autominiaturen nicht mehr ziehen. Wer das richtige Produkt zur richtigen Zeit bringt, ist immer noch gut dabei.

Oliver Kaschel, Herpa Miniaturmodelle

Ist das Auto also ein Auslaufmodell und wenn ja, welche Auswirkungen hat das für die Hersteller von Autominiaturen? Selbst wenn die goldenen Jahre vorbei zu sein scheinen, hat das „typische Männer-Hobby“ trotz der Fülle des Angebots eine Zukunft, zeigt sich Kaschel überzeugt. Die Zeiten, als Sammler allerdings alle Objekte einer Marke sammelten, sind auch für ihn vorbei. Hersteller müssen Nischen besetzen, neue Themen kreieren, wie es vor Jahren mit landwirtschaftlichen Modellen gelungen ist, Kleinserien auflegen oder kostengünstige Alternativen in der Herstellung suchen.

Minichamps BMW
BMW Modell von Minichamps
Minichamps Formel 1
Formel 1 Modell von Minichamps

Ein Beispiel liefert der Hersteller von hochwertigen Druckguss-Fahrzeugmodellen, Minichamps. Das 1990 als Pauls Model Art gegründete Unternehmen listet auf seiner Website 1.224 Modelle aus Resin auf; dem stehen 10.113 Modell aus Zinkdruckguss gegenüber – auch das ein Indiz für den Wandel und die Anpassung an den Markt. „Resin bietet den Vorteil“, sagt Karl Thomas Schmadalla vom chinesischen Hersteller AutoArt, „kurzfristig kleine Auflagen von Modellen zu realisieren, aber ich glaube, für den eingefleischten Sammler sind sie keine Alternative.“ AutoArt setzt auf Composite-Modelle, die die Stärken von Metall mit dem Potenzial von Kunststoff vereinen.

Konsens herrscht in der Branche darüber, dass die Stückzahlen pro Modell kleiner werden und dass es in einem Verdrängungswettbewerb mehr denn je darauf ankommt, „das richtige Modell zu richtigen Zeit in der richtigen Stückzahl auf den Markt zu bringen“, so Hartung, denn Mega-Trends würden fehlen. „Aus unserer Sicht gibt es aktuell keine Trends bei Autominiaturen“, glaubt Schmadalla, „aber eine Neigung, sich auf bestimmte Sammelgebiete zu konzentrieren.“ Wenn, dann ließe sich vielleicht vom veränderte Kaufverhalten als übergreifenden Trend sprechen. Bei AutoArt glaubt man, dass rund 70 Prozent des Umsatzes im Internet erzielt wird; bei Schuco taxiert man den Wert auf über 50 Prozent. „Unsere drei größten Kunden“, sagt Peter Brunner, „sind Internet-Versender.“ Diese Entwicklung scheint folgerichtig. Jährlich präsentiert die Branche zwischen 4.000 und 5.000 Neuheiten in Nürnberg, inklusive der Farb- und Bedruckungsvarianten.

In China spielen Klassiker oder Youngtimer kaum eine Rolle, sondern das, was aktuell auf der Straße fährt. Dort sammeln auch ganz junge Leute.

Karl Thomas Schmadalla, AutoArt

Aber vielleicht wollen die Sammler genau diese Vielfalt, weil die Individualisierung immer weiter voranschreitet. Von Resignation spürt man bei den Herstellern jedenfalls nichts. Im Gegenteil, man setzt auf den Export und den sich langsam entwickelnden chinesischen Markt, auf dem allerdings Modelle gefragt sind, die aktuell auf den Straßen von Peking oder Shanghai rollen. Auch in Deutschland gibt es nach wie vor eine Szene für das Hobby. „Es ist ja nicht so, dass nur noch Ältere sammeln, denn wenn ich sehe, wer sich alles in den einschlägigen Foren tummelt, dann interessieren sich auch 35-jährige für Autominiaturen.“ Sagt Karl Thomas Schmadalla und es klingt, als käme das Argument von Modellbahnern, die auf Wiedereinsteiger setzen. Vielleicht spielt den Herstellern noch ein anderer Grund in die Karten, sodass auch zukünftig in 1:12, 1:18, 1:43 oder 1:87, den klassischen Maßstäben, gesammelt wird. „Ich glaube“, sagt Peter Brunner, „98,5 % der Sammler sind Männer, aber wann wird der Mann über 40 gelobt? Er lobt sich selbst und erfüllt sich mit Automodellen Kindheitsträume.“


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Ulrich Texter

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