Spielwarenmesse: Sind Spiele die neuen Bücher?

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Sind Spiele die neuen Bücher?

von Ulrich Texter

Beeinflussen Gesellschaftsspiele die kulturelle Entwicklung ähnlich wie Bücher? Ulrich Texter, Chefredakteur des Fachmagazins planet toys, nimmt sich im ToyBlog dieser Frage an und entdeckt dabei einige Parallelen zwischen Spielen und Büchern.

Das Buch nimmt als Träger von Wissen und als profanes Wirtschaftsobjekt eine Sonderrolle in der Kulturgeschichte der Menschheit ein. Volle Bücherregale galten noch bis Ende des 20. Jahrhunderts als bildungsbürgerliche Statussymbole wie Tweedsakko und Cordhose. Wer den Brockhaus besaß, besaß augenscheinlich intellektuelles Format.

Und heute? Bücher stehen in Verdacht, antiquierte Trophäen aus längst untergegangenen Studientagen und reine Staubfänger für eine auf Flexibilität getrimmte Gesellschaft zu sein. Ballast beim Umzug. Und seien wir ehrlich. Wer liest schon einen Roman ein zweites Mal? Faktisch nehmen sie nur Platz weg, den wir für andere Dinge brauchen.

Bücher, Kultur und Werte

Dennoch kämpfen Verlage weiterhin wie Löwen um Urheberrechte und Preisbindung. Im vergangenen Jahr schlugen die Wellen hoch, als Deutschlands Justizminister die Novellierung des Urheberrechts ankündigte. Die sollte es Autoren zukünftig erlauben, nach fünf Jahren mit ihrem Werk zu einem anderen Verlag zu wechseln. Prompt kam die Rede von der „Zerstörung“ der deutschen Buchkultur auf.

Auch wenn die Kritik durchaus berechtigt war – wenn es ums Buch geht, geht es in Deutschland immer gleich ums große Ganze. Das Buch – ein Säulenheiliger.

Die Überhöhung des Buches verdankt sich der Gleichsetzung mit der Kulturtechnik des Lesens. Wer Bücher auftürmt, liest (vorgeblich) und wer liest, versteht die Welt und wer die Welt versteht, ist ein besserer Mensch. Das galt über Jahrhunderte und es ist der eigentliche Grund, warum die Buchbranche für sich so vehement das Wahre, Gute, Schöne reklamiert und eine „Stiftung Lesen“ aus Deutschland ein Leseland machen will (alles ehrenwerte Motive).

Dass aber auch Leser äußerst unangenehme Zeitgenossen und Nicht-Leser sehr sympathische Menschen sein können, kommt in dieser Gleichung oft nicht vor. Schließlich kann der Mensch seinen Geist auch anderweitig beweglich halten und damit andere Kompetenzen, z.B. soziale, erwerben.

Mehr Wertschätzung für Gesellschaftsspiele

Ein wunderbares geistiges Bewegungsmittel sind nämlich auch Kinder- und Familienspiele. Das heißt nicht, dass sie gleich in den Sammlungskatalog der Deutschen Nationalbibliothek gehören, wie es Spieleautoren und Spieleverlage Mitte vergangenen Jahres forderten.

Zuzustimmen ist der Spiele-Autoren-Zunft allerdings in einem Punkt. „Die Anerkennung des Kulturguts Spiel“, heißt es in der Präambel, „hinkt der Realität hinterher.“ Aber nicht, weil Spiele ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sind oder der Begriff „German Games“ international Karriere gemacht hat, sondern weil sie ebenso wie das Buch für eine besondere, eine wahrhaft menschliche Kultur stehen. Es fehlt an Wertschätzung für sie.

Das Spiel – und das hat es mit Büchern gemein – bedeutet „ein Heraustreten aus ihm in eine zeitweilige Sphäre von Aktivitäten mit einer eigenen Tendenz“, wie Johan Huizinga glaubte. Der Mann hat Recht. Wer spielt, lernt sich kennen und die Erforschung des eigenen Ichs kann ebenso aufreibend sein wie die Entdeckung der Welt da draußen, die Schriftsteller zwischen zwei Buchdeckel zu fassen suchen.

Über den Wert des Spielens

Durch Spielen werden wir ebenso wenig wie durch Bücher zu besseren Menschen. Aber beim Spielen gelingt es uns zeitweilig, uns wenigstens zu erträglicheren, wenn auch nicht unbedingt zu moralischeren zu verwandeln (wer hat nicht schon mal gerne geschummelt?). Spielen ist ohne Regeln kein Spielen. Das wäre Anarchie, das Gegenteil von Freiheit. Wer spielt, handelt also geistig, wie er geistig handelt, wenn er liest.

Freuen darf man sich deshalb, wenn der Spieleverlage e.V. anlässlich der Spielwarenmesse ein Plus von 10,3 Prozent bei Spielen und Puzzlen meldete. Nimmt man allein die Kinderspiele, die mit einem Plus von über 20 Prozent überproportional zulegten, könnte man sogar auf den Gedanken kommen, dass es mit dem angeblichen Werteverfall in Deutschland gar nicht so weit her ist.

 

Autor dieses Artikels:

Ulrich Texter

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