Spielwarenmesse: Alter Schwede, sieht das gut aus!

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Kind im Spielzimmer
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Alter Schwede, sieht das gut aus!

von Ulrich Texter

Seit dem Siegeszug eines unmöglichen Möbelhauses liebt die Welt es schlicht und funktional. Aber nicht nur beim Interieur ist skandinavisches Design eine „Weltmacht“. Dänische Noppensteine revolutionierten das kindliche Bauen; der norwegische Kinderstuhl Tripp Trapp das Sitzen am Esstisch und die ochsenblutrote Spielküche aus Schweden führte die Nouvelle Cuisine im Kinderzimmer ein. Über 60 Jahre nach Ei und Schwan und Tulpe ist skandinavisches Design gefragter denn je – auch bei Spielzeug.

Wer die Welt ändern will, muss bei den Kindern anfangen

Herd, Kaufladen und Werkbank für Kinder aus Holz
Küche, Kaufmannsladen und Werkbank von FLEXA

Wer es ins New Yorker MoMA schafft, kann zwar nicht sicher sein, es auch wirklich geschafft zu haben, hat aber sicherlich den öffentlichen Diskurs für eine Weile geprägt. So geschehen mit dem „Century of the Child“, eine MoMA-Ausstellung, die 2012 Design des 20. Jahrhunderts für Kinder präsentierte – unter anderem Spielzeug. Sie war 2017 abgewandelt in den Nordischen Botschaften in Berlin zu sehen, um einen Blick auf die Geschichte des nordischen Designs für Kinder zu werfen.  Nur wenig Monate zuvor hieß es an selber Stelle: „Much More Than One Good Chair“. Beide Ausstellungen zeigten, dass skandinavisches Design weit mehr ist als ikonische Stühle, Saab, Volvo, Bang & Olufsen, The Republic of Fritz Hansen und IKEA – eben auch Spielzeug.

Der Titel der Ausstellung „Century of the Child“ geht auf das 1900 erschienene Buch „Century of the Child“ der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key zurück. Sie stand mit ihren Vorschlägen zur Erziehung nicht alleine da. Man denke nur an Maria Montessori und Rudolf Steiner. Wer die Welt nachhaltig ändern will, so die Auffassung, muss eben schon bei den Kleinen anfangen und darauf achten, was sie in die Finger kriegen.

Spielzeug war Ende des 19. Jahrhunderts zur Massenware geworden. Als Reaktion wurden deshalb Forderungen nach einfachem, kindgerechtem Spielzeug laut. Das kommt einem mehr als 100 Jahre später und in Zeiten von Tech Toys durchaus vertraut vor. Es überrascht also nicht, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Kinder immer wieder im Fokus der Arbeiten von Architekten, Designern und Künstlern standen – man denke nur das Bauhaus mit Lyonnel Feininger (Holzeisenbahn), Paul Klee (Puppen) und Oskar Schlemmer (Puppen). Einige Arbeiten wurden zum 100sten Jubiläum wieder aufgelegt.

Design für eine bessere Gesellschaft 

Design spielte auch in den nordischen Ländern eine herausgehobene Rolle – und spielt es noch heute. Nirgends war und ist die Verbindung von Politik und Design so eng wie hier. Design hat bis heute in den vom World  Happiness Report stets als besonders glücklich ausgewiesenen Staaten eben auch sozialpolitische Aufgaben zu erfüllen und nicht nur schönen Schein zu produzieren. Es soll helfen, das Leben zu erleichtern, wenn die Winter schon lang und das Wetter so unberechenbar ist. Der Däne Børge Mogensen, einer der großen Vertreter des berühmten dänischen Designs, wollte deshalb nicht nur designen, sondern gleichsam „demokratische Möbelstücke“ schaffen. Es ist deshalb kein Zufall, dass die dänische Indexstiftung alle zwei Jahre unter dem Motto „Design to Improve Life“ den mit 500.000 € höchst dotierten Designpreis der Welt auslobt.

Puppenhaus
The Sebra doll™s house/ Sebra Interior ApS

Auch die Schwedin Eva Eliasson, Designerin und Inhaberin der Spielzeugfirma JaBaDaBaDo, glaubt, dass Design nach wie vor eine sozialpolitische Aufgabe hat. „Als Teil des politischen Konzepts ‚folkhemmet‘ der 50er Jahren in Schweden wurde das Wohnzimmer zum Herzstück jedes Hauses“, sagt sie. „Es war ein Raum für die ganze Familie, um Kontakte zu knüpfen, zu essen und zu spielen. Es war auch die Zeit, als Design Teil des Lebens jedes gewöhnlichen Menschen wurde und in dieser Zeit des sozialen Wandels begannen skandinavische Möbelunternehmen,  erschwingliche, funktionale und moderne Möbel zu entwerfen, um den neuen Bedürfnissen gerecht zu werden. Die Idee, dass Design für alle ist, lebt weiter und spielt eine Rolle im skandinavischen Design.“

Mia Dela, Designerin und Inhaberin von Sebra, sieht es ähnlich. Das 2004 gegründete Unternehmen aus Dänemark ist u.a. für gehäkeltes- und Holzspielzeug, Kindermöbel sowie Textilien bekannt. Design muss allein schon aus Eigennutz demokratisch sein. „Design sollte für jeden sein“, sagt sie. „Für einen Designer ist es doch viel befriedigender, möglichst viele Menschen zu erreichen als nur ein paar.“ Und wie Eva Eliasson sieht sie in der Natur einen wesentlichen Grund, warum die Nordeuropäer großen Wert auf Gestaltung legen. „Dänen verbringen viel Zeit in ihren Häusern, laden Freunde und Familie ein anstatt auszugehen“, sagt sie, „die Winter sind lang und dunkel. Wir brauchen einfach einen schönen Lebensraum für diese Art zu leben.“  

Die nordische Seele im Spielzeug

Schmusetiere
Cuddly toy Little bear / Klippan Yllefabrik AB

Und das heißt auch, die Art, wie man wohnt, sagt etwas über das Denken aus, auch hinsichtlich des Nachwuchses. „Wir bei Sebra lieben es, Dinge für Kinder zu machen, die wir gerne in unserem eigenen Wohnzimmer hätten“, sagt die Designerin. Genau diese Auffassung bestimmt auch die Arbeiten von Done by Deer. „Tolle Designs für Kinder sind funktional und sicher“, pflichtet Helene Hjorth bei, Designerin und Inhaberin des 2000 gegründeten Unternehmens, „aber auch ästhetisch für Eltern. Das Design, die Farben und Materialien sollten zur Sinneswahrnehmung und Entwicklung des Babys beitragen, gleichzeitig aber auch mit dem Rest des Hauses harmonieren - das ist unser Fokus und unser oberstes Ziel.“ Beim traditionsreichen schwedischen Familienunternehmen Klippan Yllefabrik dasselbe Bild. Das Unternehmen stellt seit ein paar Jahren auch kuscheliges Spielzeug her – und engagierte die renommierten schwedischen Designerinnen Sissi Edholm und Lisa Ullenius. Die Philosophie der Schweden lautet ziemlich schlicht: schwedisches Design mit der langen Tradition des textilen Wissens zu kombinieren.

Doch abseits aller politischen Ambitionen und Ideale, was zeichnet skandinavisches Design aus? Wie das Design der prägendsten Schule des 20. Jahrhunderts, das Bauhaus, ist es funktional, klar, stringent. Nichts wirkt übertrieben, schreiend, sondern alles zurückgenommen, geradlinig und zeitlos. Das spürt man besonders beim dänischen Design, das in den Fünfziger und Sechziger Jahren mit Egg Chair und Schwan (Arne Jacobsen), dem Y-Stuhl (Hans J. Wegener), der Pendelleuchte PH (Paul Hennigsen) und dem Tulpenstuhl (Poul Kjærholm) Weltruhm erlangte. Aufgrund der geografischen Lage des Landes ist der Einfluss Kontinentaleuropas zwar nicht zu leugnen, aber dänisches Design zeigt immer noch eine enge Verbundenheit mit Schweden, Norwegen und Finnland – eine Art „germanischer Funktionalismus light“.

Designed in Scandinavia – ein Qualitätssigel

Greiflinge für Säuglinge
Tiny Activity Toys / Done by Deer

Auffallend am skandinavischen Produktdesign ist zudem die Vorliebe für Materialien und dezenten Farben. Als  2018 Done by Deer für sein Aktivitätsspielzeugset Tiny Activity Toys mit dem Red Dot Award, einer der weltweit renommiertesten Designpreise ausgezeichnet wurde, begründete die Jury ihre Entscheidung auch damit, dass die Spielzeuge in „dezenten Farben“ gehalten und mit viel Liebe zum Detail gestaltet worden sind. Es war der fünfte Preis für die Dänen. Auch der Hang zu traditioneller Handarbeit ist oft spürbar, etwa beim Häkelspielzeug von natureZOO, den Produkten von Sebra oder in den ersten Jahren der klassischen Holzspielzeuglinie des Designers Kåre Tofte für Moover. Seine Entwürfe basieren auf Einfachheit, Qualität und Langlebigkeit und umfassen u.a. Lastwagen, Autos, und Puppenwagen. „Spielzeug aus Deutschland und Italien ist oft komplexer, mit mehr Funktionen und helleren Farben“, glaubt Eva Eliasson, „schwedische Spielzeuge sind oft einfacher in ihrer Gestaltung und Funktion und haben sanftere Farben.“

Nicht minder wichtig: die Tradition! So sieht sich die relativ junge dänische Firma muuto, bewusst in der Tradition skandinavischen Designs, um an die goldene Ära anzuknüpfen. Auch wenn es sich um eine Möbelmarke handelt, die Einstellung lässt sich auf Spielzeugdesign übertragen. „Wir sind uns der Tatsache bewusst“, sagt Vibike Bay, Designerin und Inhaberin von natureZOO, Kopenhagen, „dass unsere Herkunft ein wichtiger Teil der DNA unserer Marke ist. Es ist etwas Wertvolles und Respektiertes, dass unsere Produkte in Dänemark entworfen werden, und es ist ein wichtiger Verkaufsargument in der Welt.“

Hinzu kommt eine ausgesprochene Liebe zur Natur und eine gewisse Begeisterung für Naturmaterialien. Nachhaltigkeit war oben im Norden schon ein Thema, bevor es zum globalen Buzz-Word wurde. „Im nordischen Stil geht es mir um Reinheit, Einfachheit und natürliche Elemente, Ursprünglichkeit und Schlichtheit“, sagt Vibike Bay. „Es ist ein kühler, einfacher und natürlicher Stil, sehr einfach und ohne viel Dekoration. Wir möchten es einfach halten, und diese Haltung könnte in den nächsten Jahren als Gegenreaktion auf unsere zunehmend komplexe Welt sehr viel wichtiger werden.“ Skandinavien hat also auch jenseits seiner „Global Brands“ wie Lego, Brio, IKEA, Fritz Hansen, Artek und Iittala jede Menge guten Geschmack zu bieten.


Dieser Artikel stellt die Meinung des Autors dar und stimmt nicht notwendigerweise mit der Meinung der Spielwarenmesse eG überein.

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Ulrich Texter

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