Spielwarenmesse: „Am Messe­vorabend entstand die Idee für Spiel-des-Jahres“

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„Am Messe­vorabend entstand die Idee für Spiel-des-Jahres“

von Spielwarenmesse eG

Zur 70. Spielwarenmesse® ist Tom Werneck zum 50. Mal dabei. Der Spielekritiker, Managementtrainer und Autor war Mitgründer des renommierten Spiele-Preises Spiel des Jahres und baute das Bayerische Spiele-Archiv Haar e.V. auf. Er hat oft erlebt, wie durch Begegnungen rund um die Spielwarenmesse® neue Ideen entstanden, die für die Spielwarenbranche wegweisend wurden.


Spielwarenmesse®: Im Jahr 1970 waren Sie weder Spielehersteller noch Spielwarenhändler. Warum besuchten Sie die Spielwarenmesse?

Tom Werneck

Tom Werneck: Meine Spielidee schmetterte Ravensburger ab mit dem Kommentar, das Spiel gäbe es schon bei einem Wettbewerber. Da hatte sich doch jemand erfrecht, meine Idee vor mir zu haben...
Erwin Glonnegger, der kluge, tatkräftige Verlagsdirektor, merkte an, es gehöre nun mal zum Handwerkszeug eines Spieleerfinders, dass er wisse, was auf dem Markt sei. Ich begann Spiele zu kaufen, bis meine Frau meinte, auf die Dauer könnten wir uns das nicht leisten. Die Spielekolumne in der Zeit inspirierte mich dazu, als Spielerezensent die Spielwarenmesse zu besuchen. Die Spiele kamen – kistenweise. Das war 1970.

Nach drei Messen stellte ich mich den Nürnberger Nachrichten als der neue Spielerezensent des Wochenende-Journals vor. Mit den Worten “Schreiben Sie doch, was Sie wollen. Aber gehen Sie jetzt endlich“, wurde ich rausgeworfen. Doch am nächsten Wochenende erschien mein Text samt Bild. Ich schickte Nachschub von da an Woche für Woche. Es war der Beginn meiner Karriere als Spielekritiker. Andere Publikationen folgten und später besprach ich Spiele fünf Jahre lang für die Wochenzeitung Die Zeit.

Sie haben die Spielwarenmesse über Jahrzehnte besucht. Was hat sich verändert?

T.W.: Ich verfolge sehr aufmerksam die schrittweise Entwicklung von einfachen, aber mutigen Anfängen bis zur heutigen professionellen Leitmesse der gesamten Branche. Zu Beginn hatte die journalistische Arbeit im Messegeschehen noch geringe Bedeutung. Das hat sich grundlegend geändert und die Arbeitshilfen sind auf der Höhe der Zeit.

Der entscheidende Fortschritt war der Bau des Messegeländes in Langwasser. In der Folgezeit konnte man den ständigen Wettlauf zwischen Hase und Igel beobachten: Was auch immer an Erweiterungen ab den 80er Jahren gebaut wurde, kam mit der Nachfrage nicht mit.

Über welche Begegnungen auf der Spielwarenmesse freuen Sie sich besonders?

T.W.: Anfang der 70er Jahre ließ ich mir das 3M-Spiel Twixt aus den USA schicken. Ich beklagte mich nach anfänglicher Begeisterung bei der Düsseldorfer 3M-Niederlassung, dass ich immer gewann, wenn ich den ersten Zug machen konnte. Spiele nennt man determiniert, wenn ein Spieler einen ungerechten Vorteil hat, weil er die zugehörige Gewinnregel kennt und entweder den ersten oder den zweiten Zug machen darf. Michel Matschoss, der zuständige Manager, schlug vor, mit dem Autor Alex Randolph darüber zu reden, er werde zur nächsten Spielwarenmesse kommen.

Kaum hatte die Messe geöffnet, fand ich mich mit Randolph in einem engen Kabuff auf dem 3M-Stand wieder, in dem Mäntel hingen und sich Kartons stapelten. Das Spielbrett hing mehr schlecht als recht zwischen uns schräg auf den Knien. Randolph räumte mir den ersten Zug ein. Ich spielte einfach souverän. Bis ich die Partie verloren hatte. Also nochmal. Wieder verlor ich souverän. Nach mehreren Partien gab ich mich geschlagen. Mein Determinationsvorwurf hatte seinen Meister gefunden. Für mich war es eine peinliche Niederlage – und zugleich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

An welche konfliktreichen Begegnungen erinnern Sie sich auf der Spielwarenmesse?

T.W.: Parker hatte meinen Kollegen Bernward Thole und mich mit Standverbot belegt und von der Belieferung mit Rezensionsexemplaren ausgeschlossen. Der Zorn war über uns hereingebrochen, weil wir gut gehütete Firmengeheimnisse gelüftet hatten. Wo immer es möglich war, hatten wir nämlich Pseudonyme enthüllt oder akribisch nach den Autoren geforscht und deren Namen in unseren Artikeln veröffentlicht. Die meisten Spielehersteller hüteten in den frühen Siebzigerjahren die Namen ihrer Ideengeber wie Staatsgeheimnisse.

Was haben Sie und Bernward Thole mit der Mr. X-Jagd auf Spieleautoren bewirken wollen?

T.W.: Bei Büchern waren Autoren gegenwärtig. Sie waren vertraut, waren wichtig, waren trotz aller Distanz nahe. Dieses Erfolgsrezept der Buchbranche wollten wir auf die Welt des Spiels übertragen. Thole und ich begannen, in den von uns rezensierten Spielen die Namen von Autoren, Redakteuren und Grafikern zu erwähnen. Einige Spieleverlage nahmen das mehr oder weniger freudlos zur Kenntnis, andere protestierten und einige bedrohten uns, weil sie glaubten, ihr Geschäftsmodell sei gefährdet.

Wie so oft wirkte auf die Dauer der stete Tropfen. Heute ist es selbstverständlich, dass die kreative Gemeinschaftsleistung aufgelistet wird, die den ungeschliffenen Rohdiamanten einer Spielidee zu einem fertigen, attraktiven, erlebnisreichen Produkt schleift. Denn bei einem Spiel geht es ja nicht um den materiellen Wert von ein bisschen Pappe und Figürchen. Den Preis eines Spiels rechtfertigt der Wert eines Kulturguts, das aus dem Zusammenspiel von Ideen, Phantasie, Gestaltungsfreude, anregender Kommunikation und bisweilen auch aus querköpfigem Denken entsteht.

Messen bringen Menschen zusammen. Was entsteht daraus?

T.W.: Zu meinem „Messevorabend am Kamin“ in unserer Wohnung in Büchenbach bei Erlangen lud ich jedes Jahr einen kleinen, handverlesenen Kreis des Spielebranche ein. Jürgen Herz stellte in einer Gesprächspause des schon fortgeschrittenen Abends die Frage in den Raum, ob es nicht eine gute Idee wäre, ein „Spiel des Jahres“ zu wählen. Zunächst überraschtes Schweigen. Dann zeigte sich Alex Randolph spontan begeistert; Walter Luc Haas, Gilbert Obermair und Dieter Hasselblatt verhielten sich abwartend. Bernward Thole äußerte Bedenken, was wohl die Spieleindustrie dazu sagen würde? Rüdiger von der Linde, Chef des Spieleverlags ASS, sah jedoch kein Problem in dem Vorschlag. Und Jürgen Herz zerstreute selbst alle Einwände mit einer klaren Positionierung: „Wir sind Journalisten und damit Anwälte der Verbraucher. Wir sind lediglich unseren Lesern oder Zuhörern oder Zuschauern verantwortlich. Aber ganz sicher nicht den Spielverlagen!“

Die Idee, geboren zur Spielwarenmesse, ruhte aber zunächst, bis sie 1978 anlässlich der TippKick-WM der Firma Mieg für Journalisten zur Fußballweltmeisterschaft in Buenos Aires von Jürgen Herz erneut angestoßen wurde. Bernward Thole und ich entwickelten in der Folgezeit das Konzept und gründeten den Verein. Gerade wurde „Spiel des Jahres“ zum 40. Mal verliehen und hat sich zu einer international renommierten Auszeichnung entwickelt.

Was nehmen Sie von Ihren vielen Spielwarenmessebesuchen mit?

T.W.: In der langen Zeit sieht man viele Menschen und auch viele Unternehmen kommen – und gehen. Neue Menschen bedeuten neue Kontakte und oft auch neue Ideen. Und die, die gehen? Einigen wenigen weint man keine Träne nach. Doch andere hinterlassen ein Loch, weil dabei mehr entstanden ist, als ein beruflicher Kontakt. Denn einige wurden zu Weggefährten und Freunden.

Vielen Dank für Ihre vielen Geschichten rund um die Spielwarenmesse.

 

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