Spielwarenmesse: Spielzeug aus Nürnberg – Bedeutung als Wirtschaftsgut für Deutschland und die Welt

Sprache wählen

 

© Uwe Niklas
  Markt

Markt

Spielzeug aus Nürnberg – Bedeutung als Wirtschaftsgut für Deutschland und die Welt

von Peter Budig

Spielen und Spielzeug ist in Nürnberg tief verwurzelt. Diesen Trumpf spielen die Franken in ihrer aktuellen Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt N2025 aus. Im Oktober 2020 wollen sie den Zuschlag erhalten, um 2025 ganz Europa in ihre facettenreiche Stadt und Region voll Spielzeugtradition und Zukunft des Spielens einzuladen. „Es ist eine Geschichte, einmalig auf der Welt“, erklärt Dr. Helmut Schwarz, langjähriger Leiter des Spielzeugmuseums Nürnberg (1994-2014). Er hat die „600-jährige Geschichte der Spielestadt Nürnberg“ eingehend studiert, und legt dar, warum Nürnberg zum Weltzentrum der Spielzeugindustrie aufstieg und bis heute eine führende Position behauptet.

14. Jahrhundert: Kleine Tonpuppen aus Nürnberg gehandelt in ganz Europa

Stromer´sches Puppenhaus
Das berühmte Stromer’sche Puppenhaus aus dem 17. Jahrhundert. FOTO: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Ob die Dockenmacher in der Freien Reichsstadt Nürnberg um 1350 schon solche Höhenflüge im Sinn hatten? Zwei von ihnen, mittelalterliche Tonpuppenmacher, finden sich 1400 in den Steuerlisten der Stadt Nürnberg. Sie stehen am Anfang der Tradition, die von Nürnberg aus die Welt mit Spielzeug versorgte. Bald haben sich Drechsler, Schreiner, Weißmacher, Wismutmaler, Zinngießer, Schlosser, Kupferschmiede mit Spielzeugherstellung beschäftigt. Gewerkeübergreifend entstand eine frühe „Handwerksindustrie“. „Nürnberger Tand geht in alle Land“ hieß es – und Spielzeug wurde nachweislich in ganz Europa gehandelt. Doch nicht nur Kleinigkeiten, auch wahre Kunstwerke kamen aus der kaiserlichen Reichsstadt: im 17. Jahrhundert beispielsweise die reich ausgestatteten Puppenhäuser. Ein prachtvolles Beispiel, das „Stromersche Puppenhaus“ mit 15 Räumen und über 1.000 Gegenständen ist heute im Germanischen Nationalmuseum zu bewundern.

Louis XIV., der französische „Sonnenkönig“, bestellte eine Armee von Zinnsoldaten

Auch die Gold- und Silberschmiede profitierten vom Aufschwung der Spielwarennachfrage. „Herausragendes Beispiel ist eine Armee von mehreren hundert, etwa zehn Zentimeter hohen Soldaten, die über ein raffiniertes mechanisches Antriebssystem militärische Übungen vollführen konnten“, schreibt Helmut Schwarz in einem Aufsatz. Der Auftrag aus den 1660er Jahren stammte von keinem geringeren als Ludwig XIV. (1638-1715), dem französischen Sonnenkönig und Erbauer des Schlosses von Versailles als Geschenk für den Thronfolger. Für die Produktion von Zinnfiguren kam es zu handwerksübergreifenden „Joint Ventures“, denn Zinngießer, Illustratoren, Kupfer- und Stahlstecher stellten ihre Dienste zur Verfügung. Der Nürnberger Kaufmann Georg Hieronimus Bestelmeier sah seine Chance, er gab bereits 1795 einen bebilderten Katalog heraus, das „Magazin der auserlesensten und nützlichsten Spiel-Sachen“ und versandte ihn im ganzen Reich. Es war der erste Versandkatalog des Spielwarenhandels.

In der Industrialisierung kam es zu „explosionsartigem Wachstum“ – Blech kam in Mode

Im Zuge der Industrialisierung gewann die Massenproduktion an Bedeutung. In den 1860er Jahren waren etwa 400 Personen in der Nürnberger Spielwarenfertigung tätig. Nach der Einführung der völligen Gewerbefreiheit 1869 begann mit der Entwicklung der Fabrikproduktion ein „explosionsartiges Wachstum“ (Schwarz). 1895 waren in den zahlreichen Betrieben der Nürnberger Spielwarenindustrie bereits 1366 Personen beschäftigt, etwa zehn Jahre später sollen es bis zu 8000 gewesen sein. 1914 waren 243 unterschiedliche Spielwarenbetriebe registriert. Neben den veränderten Produktionsweise war das mehrheitlich verwendete Material nicht mehr Holz oder Papier sondern Metall. Die Spielzeuge spiegelten die neue Zeit: Eisenbahnen, Dampfmaschinen, bewegliche Figuren – eine ganze „Welt aus Blech“ entstand.

Auf- und Abschwung der Spielzeugproduktion in und um Nürnberg

Die Spielwarenbranche ist dabei nur ein Beispiel eines beispiellosen Aufschwungs, Nürnberg wird um 1900 „industrielles Herz“ von Bayern. Allein die „Nürnberger Metallwarenfabrik Gebrüder Bing AG“ beschäftigte 2.700, später 4.000 Menschen. Ihre Waren wurden in alle Welt exportiert.

„Insgesamt gesehen waren im Deutschen Kaiserreich 1903 etwa 50.000 Personen in der Spielwarenindustrie beschäftigt. Rund drei Viertel der gesamten Produktion gingen in den Export und etwa 90 Prozent aller deutschen Spielwaren wurden in den Regionen um Nürnberg und Sonneberg, (dem Zentrum der Holzspielzeugproduktion) hergestellt“ (Urs Latus, S. 31). „Der erste Weltkrieg beendete die ‚Goldene Zeit‘ der Nürnberger Spielwarenindustrie … Die Umstellung auf Rüstungsproduktion … ließ … die Nürnberger Spielwarenproduktion faktisch zum Erliegen kommen“ (Schwarz). In den zwanziger Jahren kam es zu einem Aufschwung, für den die Blechspielmarke „Schuco“ (Firma Schreyer & Co) steht. Den nächsten schmerzlichen Einschnitt bedeutete die Weltwirtschaftskrise, der weltweit größte Spielzeughersteller – die Nürnberger Bing-Werke – musste 1932 Konkurs anmelden. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden viele jüdische Spielwaren-Unternehmer enteignet, ermordet oder vertrieben. Nach dem Krieg war die Hälfte aller Spielzeugfabriken in Franken zerstört.

Nürnberg wird zum Treffpunkt der internationalen Spielwarenwelt

Bobby Car von BIG, Simba Dickie Group
Bobby Car der Firma BIG aus Fürth FOTO: Simba Dickie Group

Angesichts dieser Katastrophe gelang die Erholung in den „Wirtschaftswunderjahren“ erstaunlich rasch. Von 1948 bis 1953 stieg der Wert der Spielwarenausfuhr von acht auf 100 Millionen Mark. Schuco (800 Mitarbeiter) avancierte zum größten Spielzeugproduzenten Europas. In den frühen Nachkriegsjahren gelang Nürnberger Fabrikanten außerdem ein Coup, der die Branche bis heute beflügelt: Die ehemals in der Leipzig Frühjahrsmesse ausstellenden Spielzeughersteller entschieden sich im Herbst 1949 eine eigene Spielwarenmesse® in Nürnberg zu gründen. „Zur ersten Ausstellung im Wieseler Haus beim Stadtpark 1950 kamen 351 Aussteller. Heute ist die Spielewarenmesse Nürnberg die weltweit führende Leitmesse für Spielwaren, Hobby und Freizeit mit ca. 2.800 Ausstellern und mehr als 65.000 Fachbesuchern aus über 130 Nationen“, resümiert Ernst Kick, der seit 2002 als Vorstandsvorsitzender der Spielwarenmesse eG Verantwortung trägt. Doch nicht nur als Messeplatz ist die Nürnberger Metropolregion top. Bekannte Spielwarenhersteller sind ansässig, wie Playmobil in Zirndorf bei Nürnberg und in der Nachbarstadt Fürth die Unternehmen Bruder und die Simba Dickie Group. Aber was heißt Hersteller? „Unsere Produktionsstätten liegen u.a. in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, UK, Thailand, Tschechien“, erläutert Simba Dickie Group-Pressesprecherin Isabel Weishar. Und nicht selten enthält ein Spiel Teile von nahezu allen Produktionsstandorten. Auch das ist Internationalisierung im Spielzeug-Geschäft! 

Spieleregion Nürnberg bleibt Magnet für die Branche

DVSI auf der Spielwarenmesse 2020

Den Erfolgen der Spielzeugfirmen der Region Nürnberg trug auch der führende deutsche Verband der Spielwarenhersteller DVSI mit 230 Mitgliedern Rechnung, der zum 1.1.2015 seinen Sitz von Stuttgart nach Nürnberg verlegte: „Wir haben diskutiert, ob Berlin oder Nürnberg, so DVSI-Geschäftsführer Ulrich Brobeil, doch am Ende machte Franken mit der Spielwarenmesse®, dem Sitz der Fachhandelsorganisation VEDES und dem größten deutschen Spielzeughersteller das Rennen.“

Über den Autor

Peter Budig hat Evangelische Theologie, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Er war als Journalist selbstständig, hat über zehn Jahre die Redaktion eines großen Anzeigenblattes in Nürnberg geleitet und war Redakteur der wunderbaren Nürnberger Abendzeitung. Seit 2014 ist er wieder selbstständig als Journalist, Buchautor und Texter. Storytelling ist in allen Belangen seine liebste Form.


Dieser Artikel stellt die Meinung des Autors dar und stimmt nicht notwendigerweise mit der Meinung der Spielwarenmesse eG überein.

Expertenwissen, die neuesten Trends und aktuelle Entwicklungen der Branche. Bleiben Sie mit dem monatlichen Besuchernewsletter der Spielwarenmesse® top informiert: Jetzt abonnieren

 

Autor dieses Artikels:

Peter Budig

Newsletter

Bleiben Sie immer bestens informiert über Trends und Entwicklungen der Spielwarenbranche. Abonnieren Sie einen Newsletter der Spielwarenmesse®.

 

Newsletter

Bleiben Sie immer bestens informiert über Trends und Entwicklungen der Spielwarenbranche. Abonnieren Sie einen Newsletter der Spielwarenmesse®.