Nachhaltigkeit

Nachhaltige Materialien

Ein Kommentar von Dr. Harald Käb
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Folgen der exzessive Materialnutzung

Menschen nutzen Materialien so exzessiv, dass wir heute mit bedrohlichen Entwicklungen konfrontiert werden: Von etlichen Arten gibt es womöglich bald nicht mehr genug. Sie werden teuer oder sind zeitweise gar nicht verfügbar. Materialien sind zudem für knapp die Hälfte der Klimagasemissionen verantwortlich. Die andere Hälfte resultiert aus dem Energieverbrauch. Gegen das zu oft praktizierte, resourcenverschwenderische „Ex-und-hopp!“ werden nachhaltigere Lösungen intensiv gesucht. Wie sehen diese aus? Im Grunde lässt sich das einfach zusammenfassen.

Kreisläufe und Reduktion als Schlüssel

Die beste Lösung ist die Vermeidung. In der Umweltgesetzgebung hat dies oberste Priorität. Weniger Verbrauch ist gut - also Gewichtseinsparung, kleiner, mehr Luft statt Materie. In diesem Kontext zählt aber auch die Langlebigkeit eines Produktes: Je länger etwas in Gebrauch bleibt, je stabiler es ist, desto weniger wahrscheinlich ist, dass es Abfall und damit zu einem Problem wird. Wir alle kennen Spielzeug, mit dem Generationen von Kindern gespielt haben. Sie konnten und können es tun, weil die verwendeten Materialien es zuließen. Holz und Glas schaffen das. Metallische oder mineralische Werkstoffe ebenfalls. Aber auch Puppen oder Spielsteine aus Kunststoff können 50 Jahre oder länger in Gebrauch bleiben. Voraussetzung dafür sind ein entsprechendes Produktdesign und die Verwendung dafür geeigneter Werkstoffe. Wenn das deutlich mehr kostet und die Preise (oder Margen!) wesentlich höher sind, kann der Konsument sich sagen: Ist kein Problem, dafür spare ich viele Neukäufe und handele zudem nachhaltig! Hersteller müssen nicht billig und viel produzieren – es ist ihre freie Entscheidung.

Viele Konsumenten wollen aber ständig etwas Neues. Wenn sie trotzdem die Umwelt und das Klima schützen wollen – und wer will das heute nicht – dann gibt es nur wenige Wege zur Umsetzung. Die Materialien müssen sich kreislaufwirtschaftlich eingliedern lassen, das heißt sie müssen am Lebensende in einem vorhandenem Abfallbehandlungssystem so verwertet werden können, dass mit den daraus entstehenden Sekundärstoffen (Rezyklaten) Neuware ersetzt werden kann. Recyclingfähige Materialien sind demnach die Voraussetzung für Kreislaufwirtschaft. Daraus folgt ebenfalls, dass homogene oder zumindest möglichst gut trennbare Materialien einzusetzen sind. Geschlossen ist der Kreislauf aber nur dann, wenn tatsächlich recycelt wird und die recycelten Materialien auch wieder hochwertig eingesetzt werden. Für Glas, Metall oder Holz ist das eher kein Problem, wohl aber für Kunststoffe. 

Recycelte Kunststoffe als Spielmaterial

In einer UNEP Studie, des Umweltprogramms der UN, des Jahres 2014 wird die Spielwarenindustrie als die „Kunststoff-intensivste“ Branche im Vergleich mit anderen (Auto, Textilien, Verpackung etc.) beschrieben. Sie setzt bevorzugt Kunststoffe für ihre Produkte ein, und verpackt sie auch oft damit. Verpackungen machen am gesamten Verbrauch von Kunststoffen in der Spielwarenindustrie nur einen kleinen Bruchteil aus, doch aufgrund ihrer großen Gesamtmenge zielen Recyclingsysteme für Kunststoffabfälle stark auf sie ab. Wer heute als Spielwarenhersteller Rezyklat einsetzen will, wird deshalb primär auf Quellen stoßen, die vom Verpackungsrecycling gespeist werden. 

Der Gebrauch von Rezyklaten ist nicht direkt geregelt. Die Gesetzgebung fordert jedoch im Rahmen der Herstellerverantwortung und Produktsicherheit, dass Spielwaren unbedingt sicher sein müssen. Beim Einsatz recycelter Kunststoffe besteht – aus heutiger Sicht –ein höheres Risiko des Einschleppens von gefährlichen Störstoffen und Kontaminationen. Um solche Risiken auszuschließen, sind Maßnahmen wichtig: Die Quelle des Kunststoffes sollte immer gleich, die Qualität möglichst hoch und exakt definiert sein. Gesammelte und verwertete industrielle Kunststoffabfälle können dies eher leisten als solche aus meist relativ stark vermischten und verunreinigten Konsumentenabfällen. Trotzdem sollte jede Charge auf unzulässige Kontaminanten hin analysiert und davon frei sein. Das Bewerben des Rezyklateinsatzes darf sich nicht auf die eigenen Abfälle aus dem Herstellungsprozess beziehen, das wäre unerlaubtes Greenwashing. Gleiches gilt für den Einsatz von Recyclingware für die Verpackung, wenn die Werbeaussage sich missverständlich auf die ganze Spielware beziehen könnte.

Die bisher im Spielwarenbereich verwendeten Recyclingkunststoffe stammen heute zum Großteil aus der PET-Flaschenaufbereitung. Dieser Mengenstrom ist groß und die Gefahr der Kontamination – insbesondere bei der Pfandsammlung – relativ gering. PET Flaschen lassen sich zu recycelten PET-Thermoplasten und -Fasern verarbeiten. Transport- und Lebensmittelverpackungen sind weitere potenzielle Quellen. Recycelt werden außer dem dominanten PET auch PE und PP, in kleinen Mengen auch PS, ABS oder PVC.

Für Spielwaren bieten sich Zukunft wohl eher das chemische Recycling statt des zuvor beschriebenen mechanischen Kunststoffrecyclings an. Diese Technologie befindet sich noch in Entwicklung, doch aus den wenigen kleinen Anlagen sollten in diesem Jahrzehnt weitaus mehr und Größere hervorgehen. Da bei der chemischen Aufbereitung mittels komplexer Prozesse praktisch neuwertige Kunststoffe entstehen, sind deren Risiken wie die von Neuware einzuschätzen. Daher dürfte dem chemischen Recycling die Zukunft für anspruchsvolle Produkte wie Spielwaren gehören. 

Recycelte Materialien haben normalerweise einen sehr viel geringeren CO2-Fußabdruck als Neuware. Spielwarenhersteller, die recycelte Kunststoffe einsetzen wollen, sollten sich unbedingt ins Thema vertiefen und eigenen kritischen Sachverstand entwickeln.

Materialien aus erneuerbaren Rohstoffen

Holz und daraus hergestellte Papiere und Pappen, Naturkautschuk oder Naturfasern wie Wolle sind traditionelle Werkstoffe für Spielzeug. Sie alle eint, dass der sie bildende Kohlenstoff aus dem CO2 der Atmosphäre und nicht aus fossilen Quellen stammt. Damit ist ihr materieller CO2-Fußabdruck per Definition Null. Wird zu ihrer Herstellung nur erneuerbare Energie eingesetzt, sind sie 100 % klimaneutral. Gemeinsam mit den Rezyklaten gehören sie somit in die Klasse der Materialien, die starke Beiträge zum Klimaschutz leisten. Seit einigen Jahren gibt es auch Kunststoffe, die entweder teilweise oder vollständig aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Die höchste Verbreitung hat biobasiertes PE („Bio-PE“) im Spielwarenmarkt erreicht. Für fast alle im Sektor verwendeten Polymere gibt es heute 1:1 Ersatz, sogenannte Drop-In Biokunststoffe. Allerdings ist ihre Produktion noch sehr gering, und teilweise wird wie beim Öko-Strom aus dem Netzstrommix nur ein bio-attribuierter Anteil kalkulatorisch ermittelt. Weiterhin gibt es neuartige biobasierte Kunststoffe wie den Polyester PLA, mit neuen, interessanten Werkstoffeigenschaften, die jedoch – in der Regel – eine technische Anpassung der Produktion notwendig machen. Auch ihnen gehört die Zukunft. Sie wird umso schneller einkehren, je höher die Nachfrage ist, und je klarer Rahmenbedingungen den Klimaschutz unterstützen. Dass die Preise der fossilen Werkstoffe die Zerstörung der Natur und des Klimas nicht beinhalten, wird sich bald ändern.

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