Spielen als Lehrprinzip für Studierende aus aller Welt

PETaL Master-Studiengang verändert die Unterrichtskultur

Von Peter Budig 

Sie sind fasziniert vom Spielen. Und sie wissen genau, wie Spielen dem Lernen auf die Sprünge hilft.

Das wollen die Universitätslehrerinnen aus Portugal, Spanien und der Türkei ihren Studierenden mit auf den Weg geben. Sie riefen den Erasmus Mundus-Masterstudiengang ins Leben, der sich PETaL abkürzt und von „Play, Education, Toys and Languages Program“ kommt. Damit erarbeiten sich angehende Lehrkräfte und Kita-Fachkräfte wissenschaftlich fundiertes Handwerkszeug für die Praxis. Aber auch kreative Köpfe, die beim Spielzeugdesign ihren Fokus auf Lernspielzeug legen wollen, absolvieren das Master-Programm. In Spielwarenunternehmen können sie in den Designabteilungen mit einem ganz neuen Berufsprofil agieren.

Wer PETal ins Leben rief

Die fünf ausgewiesenen Expertinnen lehren wie Spiel und Spielzeug die Vermittlung von frühkindlicher Bildung und den Spracherwerb fördern:

Fünf visionäre Frauen öffnen die Schatzkammer des Spiels. Foto: Peter Budig

Sie schufen 2011 die viersemestrige Ausbildung für Postgraduierte, also für Studierende mit einem Bachelor-Abschluss. Die Europäische Union fördert das Erasmus-Programm, bei dem Mobilität zum Ausbildungsprinzip gehört: Das erste Semester findet in Cordoba (Spanien) statt, das zweite in Lissabon (Portugal) das dritte in Istanbul (Türkei). Für das Abschlusssemester dürfen die Studierenden ihren Studienort aus den dreien auswählen.

Wie PETal mit Hilfe mutiger Frauen einen Schatz hebt

Die Konzepte der PETal-Gründerinnen erinnern an eine Fortschreibung der Thesen „vom Ursprung der Kultur im Spiel“ in die Lehrpraxis hinein. Die Thesen verfasste der begnadete niederländische Kulturhistorikers Johan Huizinga (1872-1945). So setzt der „Homo Ludens“ nun an, die „Zaubermacht des Wissens“ in einem internationalen Lehrprogramm zu entfalten: mit Gelehrten aus aller Welt, für Studierenden von allen Kontinenten. Was für ein Vorhaben! „We are girls, we are brave“, sagt lächelnd die Spanierin Prof. Elena Gomez Parra. Sie räumt ein, dass der Prozess der Etablierung dieses Lehrprogramms, das „einzige dieser Art in der Welt“, gewagt war. Der Weg dahin war steinig. Jetzt ist er weltweit etabliert.

We are girls, we are brave!

Prof. Elena Gomez Parra

Wohin das führt: Spiele für Familien, die den menschlichen Geist befreien

Die Saat geht auf. Die Idee, spielend zu lernen und dabei die Jüngsten und gleich mit ihnen die Familien zu erreichen, ließ drei Absolventinnen des ersten PETal-Jahrganges nicht los. Bereits während ihres PETal Semesters in Istanbul taten sie sich zusammen: Macarena Macaya, Sofia Salas, Ginika Nwobodo aus Mexiko, Chile und Nigeria. Sie haben nach dem Studium weiter an ihre Idee geglaubt und daran gearbeitet. Sie entwickelten Spiele, die „Kreativität, interkulturelles Verständnis und Teamwork stimulieren, die den menschlichen Geist befreien, neu zu denken“. Als Spieleautorinnen und -Designerinnen sind sie mit Puercomonte unternehmerisch tätig. Mit selbst entwickelten und entworfenen Spielen denken sie den Unterricht für die Jüngsten neu und beleben ihn in der Praxis.

Was PETal bewirkt: Von der Wissenschaft auf den Würfeltisch

Sie haben im Masterstudiengang Konzepte gelernt, wie man durch Spiele besser lernen kann. Mit selbst entwickelten und entworfenen Spielen denken sie den Unterricht für die Jüngsten neu und beleben ihn in der Praxis. Besonderen Wert legen sie auf emotionales Lernen und Empathie. Die dazu eigens entwickelten Spiele können in Schulen oder beim Coaching hilfreich eingesetzt werden. In Mexiko ist es gelungen, daraus ein erfolgreiches Startup zu etablieren. Sie stellten ihr Label „Puercomonte“ mit den „cultural awareness games“ auch in Nürnberg vor. Am 3. Februar 2023 präsentierten sie sich und ihre Spiele an einem Tisch als erstmals die Spieleerfindermesse parallel zur Spielwarenmesse stattfand. Drei hoffnungsvolle Spieleautorinnen in einer Gruppe von über 140 Spieleerfinderinnen und Spielerfindern aus rund 20 Ländern, die ihre Arbeiten den Talente-Scouts der Verlage präsentierten.

Was die Welt im Innersten zusammenhält: Kultur durch Spiel erfahrbar machen

Das hätte sich Goethes Gelehrter Heinrich Faust nicht träumen lassen, dass man die quälende Aufgabe, „erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“ ganz ohne Teufelspakt bereits den Jüngsten vermitteln kann – im Spiel! „Human beings in the beginning of mind“, so formulieren es die PETaL-Dozentinnen; „wir wollen Vorschulkinder aufwecken, wenn ihr Geist noch frisch und ungeprägt ist, Kultur durch Spiel erfahrbar machen.“ So gelangt des Pudels Kern aus seiner unseren Sinnen verborgenen, geheimnisvollen Welt in die bewusste Wirklichkeit. Weltverständnis kann entstehen, aus der Unschuld des Spiels, nicht durch Denken, nicht durch Reden.

Von diesem Samenkorn ist die Rede. Es bringt durch sein geschicktes, durch die Erasmus-Förderung gehegtes Wachstum auf den europäischen Pflanzungen in Cordoba, Lissabon und Istanbul seine Ernte aus. Und es verteilt seine Spielpotenzial entfesselnden und gleichzeitig kulturverbindenden neuen Saaten über die ganze Welt. Nicht nur für die Lehrkräfte für Vorschulkinder, auch für kommende NGOs, Spielzeugdesignabteilungen, Sozialarbeiter, Universitätsgelehrte und nicht zuletzt für all die Menschen, die Unternehmen leiten … Der Homo Ludens hat einmal mehr die Lehre und die Menschen erobert und zeigt erneut, dass „menschliche Kultur sich im Spiel, als Spiel entfaltet“ (Johan Huizinga).

Die nächste PETal Generation ist im September 2023 durchgestartet. Die Absolventen der Kohorte 2021-2023 haben die Ernte eingefahren, um nun den Arbeitsmarkt weltweit zu beackern. Und sie werden ein Leben lang von den weltumspannenden Kontakten profitieren, die sie während des Master-Programms geknüpft haben.

PETaL-Wissenschaftlerinnen in der Spielzeugstadt Nürnberg

Sunay Akın, der Gründer des Istanbuler Spielzeugmuseums, lud das PETaL-Team zur Eröffnung der Ausstellung Spielzeug aus der Türkei in Nürnberg ein. Foto: © Peter Budig

Das gilt auch für das Netzwerk der PETal-Dozentinnen und Dozenten. Das PETal Team traf sich in zur Ausstellungseröffnung im Spielzeugmuseum Nürnberg, der Schatzkammer des Spiels. Bis zum 28. April 2024 zeigt es die Sonderausstellung „Spielzeug der Türkei“. Der türkische Dichter, Denker und Gründer des Istanbuler Spielzeugmuseums Sunay Akın hat seine Schätze dafür zur Verfügung gestellt. Da er auch Dozent des internationalen Masterstudiengangs ist, das dem Spielen zum wissenschaftlichen Durchbruch verhilft, lud er die Dozentinnen des Erasmus-Programms PETaL zur Eröffnung ein.

Studienbeschreibung

PETaL Erasmus Mundus Joint Master Degree (EMJMD) ist ein innovativer und einzigartiger Studiengang, der die Attraktivität des Europäischen Hochschulraums erhöhen wird. Spiel, Spielzeug und Spiele, interkulturelle Bildung, Zweitspracherwerb und frühkindliche Bildung sind die Kernthemen von PETaL, die bisher nur isoliert angeboten wurden.

PETaL EMJMD Curriculum / Vorlesungsorte

1. Semester: Einführung und allgemeine Konzepte/ Universität Córdoba (Spanien)

2. Semester: Spiel und Pädagogik/ Politechnisches Institut Lissabon (Portugal)

3. Semester: Spiel und Gesellschaft / Marmara Universität (Türkei)

4. Semester: Masterarbeit / Eine beliebige Hochschule des Konsortiums

Unterrichtssprache: English

Erasmus Mundus Masterstudiengang:

Erasmus Mundus- Masterstudiengänge (Erasmus Mundus Joint Master) sind internationale Exzellenzstudiengänge, die von mindestens drei Hochschulen aus europäischen und ggf. nicht-europäischen Ländern gemeinsam angeboten werden.

Erasmus Mundus Association: www.em-a.eu

Der Bericht einer Studentin über PETal: Klick A Thifahs Tagebuch: Ein Jahr mit PETaLitos

Studentenleben: Ein Ausflug zu AIJU

PETaL-Wissenschaftlerinnen in der Spielzeugstadt Nürnberg

Nürnberg ist Spielzeugstadt. Erfindergeist, wirtschaftlicher Aufschwung seit dem Beginn der Neuzeit sind geschichtliche Komponenten; das deutsche Spielearchiv mit 40.000 Gesellschaftsspielen, die weltgrößte Spielwarenmesse liefern Zeugnisse dieser Historie in der Gegenwart. Und natürlich der Treffpunkt, das Haus mit dem Gockelreiter vor der Tür in der Karlsstraße – es ist die Schatzkammer des Spiels. Hier im Spielzeugmuseum wird bis 28. April 2024 die Sonderausstellung „Spielzeug der Türkei“ gezeigt. Der türkische Dichter, Denker und Gründer des Istanbuler Spielzeugmuseums Sunay Akın hat seine Schätze dafür zur Verfügung gestellt. Da er auch Dozent des internationalen Masterstudiengangs ist, das dem Spielen zum wissenschaftlichen Durchbruch verhilft, hat er die Dozentinnen des Erasmus-Programms PETaL zur Eröffnung eingeladen.

Über den Autor:

Peter Budig hat Evangelische Theologie, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Er war als Journalist selbstständig, hat über zehn Jahre die Redaktion eines großen Anzeigenblattes in Nürnberg geleitet und war Redakteur der wunderbaren Nürnberger Abendzeitung. Seit 2014 ist er wieder selbstständig als Journalist, Buchautor und Texter. Storytelling ist in allen Belangen seine liebste Form.

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