
Womit Nürnberg in der Welt punktet
Ein Gespräch mit Tourismus-Managerin Yvonne Coulin

Von Peter Budig
Wenn Yvonne Coulin an ihrem Schreibtisch sitzt, lächelt das Nürnberger Messezentrum zu ihr herab. Es ist kein Zufall, dass das Foto der Messe über ihrem Arbeitsplatz hängt. Denn die Geschäftsführerin der Congress- und TourismusZentrale Nürnberg (CTZ) hat zur Messe und Nürnberg eine klare Position: „Mit der Spielwarenmesse begann nach dem Krieg der Tourismus in Nürnberg wieder. Das ganze Hotelwesen hat sich aus diesen Anfängen entwickelt“, erläutert die gebürtige Heidelbergerin.
Wie weckt Nürnberg Reiselust?
Für Yvonne Coulin steht beruflich eine Frage im Vordergrund: Warum sollten private Menschen nach Nürnberg kommen? Im Gespräch fächert sie die Herausforderungen noch einmal auf: „Wie bleibt die Stadt attraktiv für Besucher? Welche Attraktionen machen neugierig und locken allgemein Menschen an? Wie gelingt es also neue Zielgruppen zu erschließen?“ Womit also kann Nürnberg punkten?

Dazu fällt Yvonne Coulin eine Menge ein, Dinge, die dem Hiesigen, dem Stadtbewohner so gar nicht auffallen: „Gehen Sie mal vom Hauptbahnhof in die Stadt: Beobachten Sie einmal, wie aufgeräumt, überschaubar, klar die City ist. Nach wenigen Schritten sehen Sie die Burg in der Ferne. Man findet sich gut zurecht, sieht Geschäfte und attraktive Lokale. Gleich links kommen Attraktionen wie das Neue Museum“. Natürlich weiß Coulin, dass moderne Kunst nicht unbedingt für Besuchermassen sorgt. Doch hier geht es um etwas anderes: „Man braucht Leuchttürme und man braucht vor allem Neues, Überraschendes. Die neue Oper am Reichsparteitagsgelände, inmitten eines historischen Denkmals: Das wird Freunde des Musiktheaters neugierig machen. Da kommen neue Leute zu uns“, prophezeit sie. „Neugier ist eine entscheidende Triebfeder, um Menschen in Dein Haus zu locken“.
Die Spielwarenmesse gab den Startschuss zu einer Entwicklung

70 Prozent der Übernachtungen in Nürnberg gehen auf das Konto von Geschäftsreisenden. Nürnberg besitzt inzwischen mehr als 140 Hotels, über 20.000 Betten. Im ersten Quartal eines jeden Jahres folgt eine Messe auf die andere. Messen sorgen dafür, dass die Hoteliers jubeln, Nürnberg ist ausgebucht. Erst im Sommer kommen Privatgäste. „Das Messejahr beginnt mit der Spielwarenmesse. Sie war überhaupt der Impulsgeber in den 50er Jahren, dass wieder Hotels in großem Stil gebaut wurden. Als ich hier anfing, haben wir noch Privatzimmer an Gäste vermittelt, während der Messezeit.“ Auch die Tradition spielt eine bedeutende Rolle: „Die Spielwarenmesse passt zu Nürnberg. Es ist nicht nur ein freundliches Produkt, mit dem jeder etwas anfangen kann, sondern eines mit Tradition und Wurzeln die weit in die Geschichte der Stadt zurückreichen.“ Die Spielzeugindustrie, Manufakturen, das alles war seit jeher in Nürnberg daheim. Als moderner Pluspunkt käme noch die Nähe der Messe zur Innenstadt und zum Hauptbahnhof dazu. „12 Minuten vom Flughafen zum Hotel in der Innenstadt, noch einmal zehn Minuten zur Messe, das sind Argumente, die besonders bei Businessreisenden zählen“.
Tradition der Höflichkeit
Mit dem Blick von außen fällt Coulin manches auf, das die Nürnberger selbst gar nicht so einschätzen: „Seit dem Mittelalter war Nürnberg eine Weltstadt des Handels. Die Fremden kamen von überall her. Sie brachten Tücher und Gewürze und die Nürnberger lernten, daraus Mehrwert zu erzielen. Auf diese Weise erworben die Heimischen eine unschätzbare Tugend: Höflichkeit und Freundlichkeit gegenüber Fremden. Ich weiß, die Franken sehen sich anders. Aber Nürnberg besitzt eine freundliche, hilfsbereite, entgegenkommende Stimmung.“ Aus diesen Grundzutaten, so sieht es Coulin, entstünde weiteres: „Viele Gäste kommen, also werden gute, moderne Hotels gebaut. Es existiert traditionell in Nürnberg eine gute Esskultur, es wurde immer gut gespeist und getrunken. Daraus ergibt sich eine ansprechende Restaurantstruktur bis hin zu der Sterneküche. Das zieht immer mehr gute Köche an – sie kommen und bleiben. So entsteht ein guter Ruf.“ Das alles wiederum ziehe Food-Blogger an, die Nürnbergs Lebenskultur überall in der Welt bekannt machen.
Immer neue Überraschungen schaffen

Trotz all dieser Vorteile, so Coulin, dürfe man sich nie auf dem Erreichten ausruhen. „Man muss immer weiter nachdenken, auch mal ins Risiko gehen, Neues schaffen. Das macht Leute neugierig und diese Neugierigen reisen und wählen uns als Touristenziel.“ Deshalb sei es wichtig, die Museen weiter zu fördern und so auszustatten, das neue Ausstellungsideen umgesetzt werden. In einem längeren Interview im Frühsommer mit der Tageszeitung Nürnberger Nachrichten hat sie sich dafür stark gemacht, Nürnbergs Ruf als Musikmetropole weiter auszubauen, auch hier neben dem Bewährten Neues zu kreieren. „Vielfalt ist entscheidend um Junge und Ältere, Familien und Paare, Klassikfans und Jazzliebhaber anzusprechen“, verschiedene Stilrichtungen verpackt in spannende Formate. Das sorgt für Zugkraft und immer neue Besucher. Die Tourismuszentrale arbeitet hier eng mit der Stadt und der Kulturszene zusammen.
Und was gefällt der Managerin privat am besten an ihrer Wahlheimat? „Für mich persönlich kommt immer an erster Stelle das Kulturangebot: Spannende Museen, Kunstausstellungen, Konzerte, Theater… Das ist meine Welt. Waren Sie schon in der neuen Ausstellung im Neuen Museum ‚Grand Hotel Parr‘? Da müssen Sie hin, die ist einzigartig.“
Die Reise von Touristik-Chefin Yvonne Coulin
Heidelberg: geboren 1962
Studium der Romanistik, Anglistik und Kunstgeschichte.
Freudenstadt im Schwarzwald: Kurgeschäftsführerin
Dresden: Chefin der Touristik GmbH
Nürnberg: Seit 2010 Geschäftsführerin der Congress- und Tourismuszentrale.
Über den Autor
Peter Budig hat Evangelische Theologie, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Er war als Journalist selbstständig, hat über zehn Jahre die Redaktion eines großen Anzeigenblattes in Nürnberg geleitet und war Redakteur der wunderbaren Nürnberger Abendzeitung. Seit 2014 ist er wieder selbstständig als Journalist, Buchautor und Texter. Storytelling ist in allen Belangen seine liebste Form.


