Mittelstandsstudie: Was das Herz der Wirtschaft am Schlagen hält
Die mittelständische Wirtschaft stellt rund 60 Prozent aller Arbeitsplätze, erwirtschaftet mehr als die Hälfte des Bruttosozialprodukts und schafft über 80 Prozent der Ausbildungsplätze. Welchen Herausforderungen diese Unternehmen, die das Herzstück der deutschen Wirtschaft bilden, gegenüberstehen, ist Gegenstand des Wirtschaftsreports 2026 der Management-Community United Interim (www.unitedinterim.com). Die Studie wurde von 15 erfahrenen Spezialisten für Interim Management erstellt.
"Interim Manager gelten als Seismographen der Wirtschaft, weil sie als Führungskräfte auf Zeit mehr unterschiedliche Herausforderungen in mehr Unternehmen über alle Branchen hinweg bewältigen als festangestellte Manager", erklärt Dr. Harald Schönfeld, Geschäftsführer von United Interim und Herausgeber der Studie. Dem Report liegt eine Umfrage unter 550 Interim Managern zugrunde, die von den 15 Autoren des Reports ausgewertet und analysiert wurde.
Überbürokratie und China-Wettbewerb
Nach Einschätzung von 82 Prozent der befragten Führungskräfte auf Zeit ist die Überbürokratisierung das größte Übel für den Mittelstand. 76 Prozent beklagen in diesem Zusammenhang vor allem zähe Genehmigungsverfahren. "Die Überregulierung im Bauwesen steht exemplarisch für das Dilemma", sagt der Bau- und Immobilienfachmann Klaus-Peter Stöppler. Er erhält Zustimmung von mehr als zwei Dritteln (69 Prozent) der Befragten.
Den zunehmenden Wettbewerbsdruck aus Asien, insbesondere aus China, stufen 71 Prozent als wachsende Herausforderung für die mittelständische Wirtschaft in Deutschland ein. 41 Prozent halten China-Importe für eine der größten Gefahren für deutsche Firmen. Bemerkenswert: Die Konkurrenz aus den USA wird nur von 34 Prozent als Problem eingestuft, obwohl praktisch alle digitalen Services von dort kommen und insbesondere bei Künstlicher Intelligenz ein steigender US-Innovationsdruck aufgebaut wird.
Frust über mutlose Wirtschaftspolitik
58 Prozent der Befragten stufen die mangelnde öffentliche digitale Infrastruktur in Deutschland als Hemmschuh ein. Laut Statistik des Instituts der Deutschen Wirtschaft bieten rund 40 Prozent aller Gewerbegebiete kein gigabitfähiges Breitband und mehr als 60 Prozent der Firmen sehen sich dadurch beeinträchtigt. Ebenfalls 58 Prozent der für den United Interim Wirtschaftsreport befragten Führungskräfte halten die Belastung mit hohen und volatilen Energiekosten für eine Problemzone. Ebensoviele beklagen die wirtschaftsunfreundliche Politik als Belastung für Deutschland. Ein Viertel testiert der Merz-Regierung zwar diesbezüglich eine Verbesserung gegenüber der zuvor regierenden Ampel, aber nach über einem Jahr im Amt überwiegt der Frust über die mutlose Wirtschaftspolitik der Bundesregierung, wie aus der Studie hervorgeht.
Hohe Unternehmenssteuern und Abgaben belasten den Mittelstand weiterhin, sagen 58 Prozent der Befragten. 61 Prozent stufen die steigenden Lohn- und Lohnnebenkosten als Wachstumsbremse ein. 62 Prozent verweisen auf andere Wachstumshemmnisse, etwa durch einen mangelhaften Zugang zum Kapitalmarkt für die Mittelständler durch unverhältnismäßig hohe Anforderungen der Finanzinstitute aufgrund regulatorischer Vorgaben. Jane Enny van Lambalgen wird deutlich: "Die zunehmend komplexe EU-Finanzregulatorik zwingt Banken zu immer strengeren Eigenkapital-, Dokumentations- und Berichtspflichten, wodurch Kredite für mittelständische Unternehmen aufwendiger, teurer und risikobehafteter werden. Viele Institute ziehen sich aus der klassischen Unternehmensfinanzierung zurück oder vergeben Kredite nur noch unter sehr restriktiven Bedingungen, was die Investitionen und das Wachstum im deutschen Mittelstand spürbar bremst."
Angesichts der anhaltenden Debatte um Erbschaftssteuern bricht Ulf Camehn eine Lanze für die davon besonders betroffenen Familienunternehmen: "Sie sind das Herzstück des Mittelstands und damit das Rückgrat des deutschen Wohlstands. Sie stellen beinahe 60 Prozent aller Arbeitsplätze in der Wirtschaft und erbringen mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung unseres Landes. Damit sichern sie die wirtschaftliche Existenz von rund 35 Millionen Menschen, wenn man die Familien der Beschäftigten mitzählt. Wie auch immer die Erbschaftssteuer am Ende gestaltet wird, darf der Generationenübergang von Familienunternehmen dadurch nicht gefährdet werden, sonst gerät der Wirtschaftsstandort Deutschland noch weiter in Gefahr."
Potenziale: Business Development und Kundenpflege
"Über allen echten und vermeintlichen Schwierigkeiten vernachlässigen viele Unternehmen das wichtigste, nämlich die Kunden", haben die beiden Interim Manager Christian Florschütz und Eckhart Hilgenstock bei Projekteinsätzen im Mittelstand festgestellt. "Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz sowohl für das Business Development als auch für den Kundenservice birgt enorme Potenziale, die noch viel zu wenig genutzt werden", geben die beiden Praxisprofis ein konkretes Beispiel zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in der mittelständischen Wirtschaft.
Asien-Experte Friedhelm Best nennt einen weiteren Weg: "Der asiatisch-pazifische Raum bietet nach wie vor viel Potenzial zur Expansion. In der öffentlichen Darstellung wird überwiegend nur von der Gefahr gesprochen, dass vor allem chinesische Waren Europa überschwemmen. Aber wer in Asien unterwegs ist, erlebt, dass dort die Nachfrage insbesondere nach 'Made in Germany' weiterhin hoch ist. Diese Chance nutzen noch zu wenige Mittelständler, in erster Linie aus Angst vor Kulturunterschieden. Aber mit der richtigen Expertise sind diese ohne weiteres überwindbar und der asiatische Markt wächst beständig."
Potenzial von GenZ und Ü60 besser nutzen
"Die traditionelle Fokussierung auf formale Abschlüsse als Voraussetzung für eine Anstellung sollte aufgegeben und stattdessen das tatsächliche Leistungsvermögen im Betrieb zum Maßstab genommen werden", empfiehlt der Personalexperte Paul Stricker dem Mittelstand. Sein Kollege Jan Beutnagel ergänzt: "Wir reden über Fachkräftemangel, aber das eigentliche Problem ist ein anderes: Unternehmen lassen ihr erfahrenes Know-how systematisch in Rente gehen, ohne eine Übergabestrategie. Das ist kein Schicksal - das ist ein Managementfehler. Die Aktivrente ist dabei nur ein Baustein. Wer in der produzierenden Industrie wettbewerbsfähig bleiben will, muss den demografischen Wandel wie eine Restrukturierungsaufgabe behandeln: mit Klarheit, Konsequenz und einem konkreten Plan."