Prognose 2026: KI geht künftig für uns auf Shopping-Tour
Auf Verbraucherinnen und Verbraucher kommt im Online-Handel 2026 eine grössere Neuerung zu: Die Einführung von KI-Agenten, die weitgehend selbstständig Einkaufsaufträge, Urlaubsbuchungen und dergleichen erledigen können. “Wir werden nächstes Jahr den ersten Piloten sehen”, sagt Pascal Beij, Chief Commercial Officer beim Zahlungsdienstleiter Unzer. Vorbereitungen treffen unter anderem KI-Anbieter, grosse US-Technologiekonzerne, Kreditkartenunternehmen, aber auch Reise- und sonstige Online-Portale.
KI-Agenten können nahezu autonom einkaufen
KI-Einkaufsagenten werden auch bestellen und bezahlen können, einschliesslich zeitraubender Aufgaben. Ein Beispiel: die Planung eines Familienurlaubs mit Buchung von Flügen, Hotels und Zugfahrkarten. “Technisch wird das so funktionieren, dass der Nutzer seine Zahlungsdaten bei dem jeweiligen Unternehmen hinterlegen, aber immer das letzte 'Go' für die Freigabe der Zahlung geben muss”, sagt Beij.
Agentische KI könnte im Online-Handel demnach in drei bis fünf Jahren bereits einen Marktanteil von 20 bis 30 Prozent haben. “Ob und wer am Ende dominant wird, ist völlig unklar”, meint Beij. Ein Unternehmen, das seine Vorbereitungen abgeschlossen hat, ist eine internationale Grossmacht in der Zahlungstechnologie: der vor allem als Herausgeber von Kreditkarten bekannte US-Konzern Visa. “In den USA haben wir bereits hunderte Transaktionen durchgeführt. In Deutschland und Europa wird das im Laufe des nächsten Jahres kommen”, sagt Deutschlandchef Tobias Czekalla.
Die Kundschaft ist skeptisch
In Umfragen sind viele Verbraucherinnen und Verbraucher jedoch bislang mehr als nur skeptisch. So sagten in einer Umfrage des Handelsforschungsinstituts IFH zwar 60 Prozent der Befragten, dass sie sich beim Einkaufen Unterstützung durch einen KI-Shoppingagenten vorstellen könnten. Nur neun Prozent würden der KI jedoch die komplette Kaufabwicklung inklusive Bezahlung überlassen.
Vorbeugung gegen Manipulation
Dementsprechend treffen Visa und andere Anbieter umfangreiche sicherheitstechnische Vorkehrungen. Sowohl Verbraucher als auch Händler wollen überzeugt werden, dass die KI keinen Schindluder treibt. Visa etwa überprüft jeden KI-Agenten, wie Czekalla sagt. Und die Betreiber von Onlineshops und -portalen wollen sichergehen, dass hinter dem einkaufenden KI-Agenten wirklich ein Mensch steckt. "Durch den Austausch kryptografischer Schlüssel stellen wir sicher, dass keine bösartigen Bots am Werk sind."
Der Einsatz agentischer KI wird naturgemäss nicht auf Einzelhandel oder Tourismus beschränkt bleiben. “Das eignet sich natürlich nicht nur für Privatkunden, sondern auch für das B2B-Geschäft von Unternehmen”, sagt Czekalla. In der IT-Fachwelt gilt als ausgemacht, dass KI-Agenten in Zukunft eine Fülle von Aufgaben auch in ganz anderen Branchen übernehmen werden, von der Produktionsplanung einer Fabrik bis zum Wertpapierhandel.
Eine Chance für den Mittelstand
Im Einzelhandel werden von der Entwicklung nach Einschätzung des Zahlungsdienstleisters Unzer keineswegs nur Grosskonzerne profitieren. “Der Einsatz von Agentic KI bietet Mittelständlern die grosse Chance, ohne riesiges Werbebudget im Online-Handel gesehen zu werden”, sagt Beij. “Dafür muss aber die Webseite für AI-getriebene Suchmaschinen optimiert werden: Die Produktbeschreibungen sollten sehr genau und detailliert sein. Je besser die Produktbeschreibung, desto leichter wird man gefunden.” Auch die Bewertungen und die Beiträge auf Diskussionsforen wie Reddit flössen ein. “Objektivität wird eine grössere Rolle spielen. KI kann damit im Einkauf wie eine Art Trust Pilot funktionieren.”
Zögerliche Händler könnten unter die Räder kommen
Die Entwicklung werde sowohl die Kunden- als auch die Handelsseite verändern, meint Bernd Ohlmann, Sprecher des Handelsverbands Bayern in München. “KI ist eine mega Chance, und zwar für kleine und auch grosse Unternehmen.” Allerdings handelt es sich nach Ohlmanns Einschätzung um eine Chance, die besser nicht verpasst werden sollte: “Wer nicht auf den Zug aufspringt, der kann schnell unter die Räder kommen und Kunden und damit Umsätze verlieren.”