Studie zu Mediennutzung Jugendlicher aufgelegt
Viele Politiker fordern ein Mindestalter für Social Media. Doch wie beurteilen Jugendliche selbst ihre Mediennutzung? Eine Studie zeigt die Ambivalenz sozialer Medien.
In der Debatte über ein Mindestalter für die Nutzung sozialer Medien sprechen sich viele Jugendliche in Deutschland für eine Altersgrenze aus. Das geht aus der JIMplus-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) hervor. Demnach geht zwar gut die Hälfte der befragten Jugendlichen davon aus, dass eventuelle Verbote leicht zu umgehen wären. Dennoch stimmen 43 Prozent der Aussage zu, dass der Zugang zu Social Media für alle unter einem bestimmten Alter verboten sein soll
Ein Großteil der Jugendlichen empfiehlt für Plattformen wie TikTok, Instagram oder Snapchat ein Einstiegsalter, das über dem Alter liegt, in dem sie die jeweiligen Plattformen selbst zu nutzen begannen. Die Hälfte aller Befragten hatte ab einem Alter von zehn oder elf Jahren ein Smartphone, weitere 16 Prozent sogar schon zuvor. Zugang zu TikTok hatte fast die Hälfte (47 Prozent) der Jugendlichen ab einem Alter von zwölf oder 13 Jahren. Weitere 17 Prozent nutzten TikTok bereits ab einem Alter von zehn oder elf Jahren, zwei Prozent sogar schon zuvor. Zur Nutzungsdauer gaben 13 Prozent der Jugendlichen an, täglich mehr als drei Stunden auf TikTok zu verbringen, ein Viertel zwischen einer und drei Stunden.
Konfrontation mit belastenden Inhalten
In der Studie wurden auch die Auswirkungen von Social-Media-Nutzung sowie die Konfrontation mit problematischen Inhalten abgefragt. Demnach sind 71 Prozent der Jugendlichen auf Onlineplattformen bereits mit Fake News in Kontakt gekommen, 43 Prozent mit extremen politischen oder religiösen Inhalten, 40 mit Hassrede. Auch sexistische Inhalte und Gewaltdarstellungen (jeweils rund ein Drittel) sowie Mobbing (rund 30 Prozent) wurden häufig genannt.
Viele dieser Inhalte werden als belastend oder sehr belastend wahrgenommen – insbesondere das ungewollte Erhalten von Nacktbildern, die Verharmlosung von Essstörungen, Mobbing, Gewaltinhalte sowie Verharmlosungen oder Aufrufe zu selbstverletzendem Verhalten. Jugendliche, die bereits Kontakt mit bestimmten problematischen Inhalten hatten, weisen tendenziell niedrigere Werte beim persönlichen Wohlbefinden auf. Danach gefragt, auf welcher Plattform man üblicherweise mit bestimmten Inhalten rechnen kann, wird TikTok für zehn der 13 abgefragten Arten von problematischen Inhalten am häufigsten genannt.
Laut der Studie stellen 40 Prozent der Jugendlichen fest, dass Social Media ihre Konzentration beeinträchtigt. Mehr als ein Viertel wird unruhig oder genervt, wenn das Handy gerade nicht genutzt werden kann. Ein Fünftel gibt an, sich nach der Nutzung von Social Media »leer oder motivationslos« zu fühlen, 16 Prozent berichten von Schlafproblemen.
Die Befragung macht auch deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede sichtbar: Mädchen nutzen soziale Netzwerke der Erhebung zufolge häufiger als Jungen, berichten zugleich aber auch häufiger von Vergleichsdruck und geben deutlich öfter an, sich im eigenen Körper unwohl zu fühlen.
Ambivalente Einstellung zu Social Media
Dennoch ist die Einstellung der Jugendlichen zu sozialen Medien nicht primär negativ. So sind einerseits 72 Prozent der Meinung, dass Social Media sie von Dingen ablenkt, die sie eigentlich tun sollten. 64 Prozent fällt es schwer, das Smartphone wegzulegen, und mehr als die Hälfte hat das Gefühl, auf Social Media ihre Zeit zu verschwenden. Fast die Hälfte der Befragten gab an, Generationen zu beneiden, die ohne Social Media aufgewachsen sind. Andererseits geben 68 Prozent an, dass Onlinenetzwerke sie von Problemen oder Stress ablenken und 47 Prozent, dass Social Media ihnen hilft, wenn es ihnen schlecht geht.
Diese Ambivalenz zeigt sich auch bei anderen Themen: Während 82 Prozent der Meinung sind, dass sie über soziale Medien den Zugang zu Themen und Wissen haben, den sie ansonsten nicht hätten, geben zwei Drittel an, sich beim Nutzen von Social Media mit anderen zu vergleichen. Und während viele Jugendliche es über Social Media leichter als auf anderem Wege finden, Gleichgesinnte zu finden (63 Prozent) oder mit anderen Menschen in Kontakt zu sein (59 Prozent), gibt fast die Hälfte an, ohne soziale Medien das Gefühl zu haben, nicht dazuzugehören. 43 Prozent haben Angst, etwas zu verpassen, wenn sie nicht online sind.
Der MPFS ist eine Kooperation der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg, der Medienanstalt Rheinland-Pfalz und des SWR. Für die nun veröffentlichte repräsentative Studie wurden 800 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren befragt.