Menu

Warum der Handel unternehmerisch neu denken muss

Der Handel befindet sich nicht vor einem Wendepunkt – er steht bereits mitten darin. Ein Geschäftsmodell, das sich allein auf den Verkauf von Ware in stationären Verkaufsflächen stützt, ist nicht mehr tragfähig. Steigende Kosten, sinkende Margen, bestens informierte und wechselbereite Kunden sowie eine neue Konsumentengeneration mit veränderten Erwartungen setzen den klassischen Handel massiv unter Druck. Die Konsequenz ist eindeutig: Händler müssen ihr Selbstverständnis verändern. Gefragt sind keine optimierten Verkäufer, sondern Unternehmer, die Mehrwert schaffen.

Vom Point of Sale zum Point of Emotion

Ein Blick auf die Marktdaten im Handelsszenario 2030+ verdeutlicht die Dringlichkeit dieses Wandels. Zwar konnte der Einzelhandel in den vergangenen Jahren nominal wachsen, real blieb die Entwicklung jedoch schwach. Gleichzeitig hat sich die Handelslandschaft deutlich ausgedünnt, und heute werden nur noch rund zwei Drittel der Umsätze über den klassischen Warenverkauf in stationären Verkaufsräumen erzielt. Wachstum entsteht zunehmend außerhalb des reinen Produktgeschäfts.

Zukunftsfähige Händler reagieren darauf, indem sie ihr Angebot konsequent an den Bedürfnissen ihrer Zielgruppen ausrichten. Im Mittelpunkt stehen drei zentrale Dimensionen: Convenience, Erlebnisqualität und Nachhaltigkeit. Sie bestimmen maßgeblich die wahrgenommene Wertigkeit eines Angebots – und damit die Zahlungsbereitschaft der Kunden. Insbesondere jüngere Konsumenten entscheiden längst nicht mehr allein auf Basis des Produkts. Ausschlaggebend sind Nutzen, Sinnhaftigkeit und das Gesamterlebnis rund um den Kauf. Damit verschiebt sich der zentrale Umsatzhebel: weg vom klassischen Point of Sale, hin zum Point of Emotion.

Inspiration und Interaktion statt Informationsvermittlung 

An die Stelle reiner Informationsvermittlung treten Inspiration und Interaktion – online ebenso wie auf der Fläche. Erfolgreiche Händler inszenieren gezielt Erlebnisse, die Neugier wecken, Beteiligung ermöglichen und emotional im Gedächtnis bleiben. Sie erklären weniger und begeistern mehr. Statt Einbahnstraßen-Kommunikation setzen sie auf Dialogformate, persönliche Beratung und aktive Einbindung.

Wie sich Emotion in wirtschaftlichen Erfolg übersetzen lässt, zeigen neue Konzepte: Wissensformate wie kurze Coachings oder Micro-Insights schaffen Relevanz und Vertrauen. Erlebnisorientierte Dienstleistungen – etwa thematische Events wie Ranzenpartys oder temporäre Erlebnisformate auf der Verkaufsfläche – verbinden Beratung, Storytelling und konkreten Kaufanlass. Auch bewusst inszenierte Exklusivität, etwa durch überraschende oder limitierte Formate, steigert die Begehrlichkeit. Die Effekte sind messbar: längere Verweildauer, stärkere Kundenbindung und höhere Abschlussquoten.

Dienstleistungen als eigenständiges Geschäft

Erlebnis allein genügt jedoch nicht. Entscheidend ist, dass diese Mehrwerte in tragfähige Erlösmodelle überführt werden. Dafür braucht es einen weiteren Perspektivwechsel: Services sind kein kostenloses Beiwerk mehr, sondern eigenständige Geschäftsmodelle. Reparatur- und Pflegeangebote, Montage- und Installationsleistungen, Miet- und Leihmodelle, Expresslieferungen, Workshops, Events oder Community-Mitgliedschaften sind produktnah, skalierbar und klar bepreisbar. Wer Dienstleistungen verschenkt, erzeugt Kosten. Wer sie professionalisiert, schafft planbare Erlöse – und vertieft zugleich die Kundenbeziehung.

Die 5 I’s als Fundament moderner Kundenbindung

Damit diese Beziehung langfristig trägt, braucht sie Struktur. Preisaktionen allein erzeugen keine Loyalität mehr. Orientierung bietet das Modell der fünf I’s: Information, Inspiration, Interaktion, Involvement und Identifikation.
Ausgangspunkt ist relevante Information, die echten Nutzen stiftet, statt zu werben. Daraus entsteht Inspiration – Impulse, die über den unmittelbaren Kauf hinausgehen. Interaktion ersetzt Einwegkommunikation durch Dialog und persönliche Begegnung, digital wie stationär. Involvement macht Kunden zu Mitgestaltenden, etwa über Community-Formate oder partizipative Angebote. Identifikation schließlich sorgt dafür, dass Werte, Haltung und Wiedererkennbarkeit emotionale Nähe und Vertrauen aufbauen.

Neue Rollen, neue Verantwortung

Der Weg zum Mehrwert-Unternehmertum markiert einen tiefgreifenden Rollenwechsel. Händler entwickeln sich von passiven Absatzstellen zu strategischen Plattformen für Leistungen, Erlebnisse und Beziehungen. Nicht Produkte stehen im Zentrum, sondern Lösungen, Services und Haltung. Wer diesen Schritt geht, entzieht sich dem reinen Preiskampf, steigert Profitabilität und schafft ein Geschäftsmodell, das auch in volatilen Zeiten tragfähig bleibt.

Mehr erfahren

Die Szenarien der Studie „Handelsszenario 2030+“ zeigen: Selbst im Mehrwertszenario sind keine großen Wachstumssprünge zu erwarten. Der Onlinehandel wächst weiter, während die Zahl stationärer Verkaufsstellen sinkt. Entscheidend wird sein, wie sich die Balance zwischen Preisorientierung und Mehrwertgestaltung entwickelt – und wie stark Mehrwertfaktoren den Konsum stimulieren können. 

Weitere Informationen