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Learning by viewing – Erkenntnisse aus dem Babylab

Spielwarenhersteller integrieren Forschungsergebnisse in ihre Produktentwicklung

Wie nehmen Babys die Welt wahr? Was denken Babys über die Welt? Wie machen sie sich diese Welt zu eigen? Und wie erforscht man den Verstand und das Denken eines kleinen menschlichen Wesens, das nicht sprechen kann und nicht in der Lage ist, Anweisungen zu befolgen? 

Das Gehirn von Babys wächst und entwickelt sich in einem atemberaubenden Tempo. Einer der Ersten, der sich dieser Erkenntnis widmete, war der Schweizer Psychologe Jean Piaget. Er entwickelte die Theorie, dass Babys das Rüstzeug dazu besitzen, sich aktiv Wissen anzueignen. Die wissenschaftliche Forschung an Kleinkindern brachte der amerikanische Entwicklungspsychologe Robert Fantz in den frühen 1960er Jahren ein weiteres Stück voran. Er untersuchte, wie lange Babys auf etwas schauten und wie viel Aufmerksamkeit sie dem betrachteten Gegenstand widmeten. Ein zwei Monate altes Baby beispielsweise blickt doppelt so lang auf die Zeichnung eines menschlichen Gesichts als auf eine Zielscheibe. 

Professor Dr. Gert Westermann hat eine Professur für Entwicklungspsychologie an der Lancaster University, UK. Seine Forschungsschwerpunkte sind das auf Neugier basierte Lernen, das Erlernen von Objekten und Worten und wie die neuronale und kognitive Entwicklung von Babys zusammenhängen.

Solche Erkenntnisse gehören inzwischen zum Standardrepertoire der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die weltweit in sogenannten Babylabs daran arbeiten, mit modernsten Untersuchungsmethoden den bislang besten Blick ins sich entwickelnde Gehirn zu werfen. Einer davon ist der Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Gert Westermann. Er lehrt an der Lancaster University, UK. Sein Forschungsschwerpunkt: Das auf Neugier basierte Lernen. 

Nachgefragt

Herr Prof. Dr. Westermann, eine Ihrer wichtigsten Erkenntnisse ist, dass Babys vor allem getrieben durch Neugier lernen. Unterscheidet sich dieser Ansatz von früheren Forschungsergebnissen?

Jean Piaget zeigte Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie kleine Kinder aus eigenem Antrieb ihr eigenes Wissen konstruieren. Heute haben wir Methoden, um genau zu untersuchen, wie Neugier das Lernverhalten beeinflusst, was Neugier erzeugt und wie genau Babys ihre Welt erforschen. In der Babyforschung wird viel damit gearbeitet, dass den Kindern Reize vorgegeben werden, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst auszuwählen. Dieser Ansatz ist gut und hat uns viele wichtige Erkenntnisse gebracht – aber eben nicht darüber, wie Babys selbst wählen, womit sie sich beschäftigen wollen und wie sie ihr eigenes Lernen aktiv steuern.

Auch das sogenannte multimodale Lernen steht im Fokus Ihrer Forschung. Was versteht man darunter und wie kann man diese Art des Lernens aktiv fördern? 

Darunter versteht man, dass das Kind Informationen durch verschiedene sensorische Kanäle aufnimmt – sehen, hören, fühlen, aber auch soziale Reize. Das kann das Lernen durchaus leichter machen, weil die Information in all diesen Kanälen zusammenhängt. Wenn man Babys viel erzählt und sich gemeinsam mit ihnen mit Dingen wie Spielzeug beschäftigt, ist das eine gute Förderung.

Ihre Erkenntnisse sind für Unternehmen, die Spielzeuge für Babys entwickeln, immens wichtig. Die Firma Ravensburger beispielsweise hat sich im Rahmen der Entwicklung der Babylinie Play+ auf Ihre Forschung gestützt. Wie intensiv waren Sie in den Entwicklungsprozess eingebunden? 

Das war nun nicht speziell meine Forschung, sondern allgemein die Erkenntnisse, die wir über Babys, ihre Vorlieben und Lernen gewonnen haben. Ich bin einer von Vielen, die zu dieser Forschung einen Beitrag leisten. Bei der größten Konferenz der Babyforscher (ICIS – International Congress of Infant Studies - The origins) kommen alle zwei Jahre so etwa 1.000 Wissenschaftler auf allen Karrierestufen zusammen, um neueste Erkenntnisse auszutauschen. Ich habe einige Male mit den Produktdesignern von Ravensburger neue Konzepte besprochen, war aber an der Entwicklung von Play+ nicht direkt beteiligt. Allerdings war ich beeindruckt, wie gut durchdacht das ganze Konzept ist und was für tolle Spielzeuge das sind. Das Unternehmen hat sich hier wirklich Gedanken gemacht und aktuelle Forschungsergebnisse in die Entwicklung einfließen lassen. 

International Congress of Infant Studies

ICIS engagiert sich dafür, das Verständnis von kindlichem Lernen und Entwicklung weltweit durch die Schaffung, Verbreitung und Förderung zukunftsweisender wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verbessern. Die Vision ist eine Welt, in der Politik und Praktiken, die Säuglinge betreffen, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Lernen und die Entwicklung von Säuglingen basieren, damit alle Säuglinge in einem förderlichen Umfeld optimal gedeihen können.

Der nächste Kongress findet vom 6. – 9. Juli 2026 in Panama City statt

Zur Webseite ICIS 2026

Werden Sie als Experte häufig angefragt, weil Unternehmen mehr darauf bedacht sind, wirklich gute Spielwaren für dieses sehr junge Alter anzubieten?

Ich glaube, dass Unternehmen heute wirklich mehr Wert darauflegen, zu verstehen, was Babys wollen. Aber dazu müssen sie wissen, was Babys in bestimmten Altersstufen schon können. Zum Beispiel wäre ein Spielzeug für sechsmonatige Kinder, das feinmotorische Fähigkeiten voraussetzt, eher nicht so gut für diese Altersgruppe geeignet.

Früher, so scheint mir, sollte Babyspielzeug vor allem bespaßen. Rasseln, dudeln, quietschen und das Baby für eine gewisse Zeit ruhigstellen. Jetzt muss es mehr können. Wie sollte man den Spaß- und den Lernfaktor bei der Entwicklung von (Baby)Spielwaren gewichten?   

Na ja, Spaß ist ja nichts Schlimmes. Und solche Spielzeuge fördern dann ja auch das multimodale Lernen. Das kann natürlich auch zu viel werden und zur Reizüberflutung führen, und dann wird das Baby grantig. Bildschirme werden ja zum Beispiel auch leider häufig genutzt, um das Baby ruhigzustellen, aber das ist der Konzentration und dem Lernen weniger zuträglich. Ich würde sagen: ein hochdidaktisches Spielzeug, an dem das Kind keinen Spaß hat, wird nicht zum Lieblingsspielzeug werden. Bei uns zu Hause waren die Lieblingsspielzeuge die Holzeisenbahn und die Kugelbahn zum selbst bauen. Beide haben jahrelang für Spaß und Kreativität gesorgt. 

Für Baby-Spielzeugdesigner ist die Farbgebung extrem wichtig. Eltern greifen gerne zu zarten Pastellfarben oder den aktuellen Nude-Tönen. Welche Farben würden Babys wählen, wenn sie könnten und warum?   

Das ist ein guter Punkt: Babys sind anders als Eltern und haben andere Vorlieben. Nun würde ich sagen, dass es dem Baby nicht schadet, Pastellfarben zu sehen – aber da Babys besonders gut kontrastreiche Farben wahrnehmen, würden sie wohl eher zu Primärfarben wie knallrot und quietschgelb greifen. 

Sie leben in Lancaster, UK. Nehmen Sie merkbare Unterschiede in den Kaufentscheidungen junger Eltern im Vergleich zu Deutschland oder – im globalen Vergleich – mit anderen Ländern wahr?

Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede, sogar innerhalb der Kulturen. Einige Spielzeuggeschäfte haben noch die rosa Mädchenabteilung und die blaue Jungenabteilung – und der Preis, den Eltern bereit sind, für gutes Spielzeug zu zahlen, ist auch individuell verschieden. Ich kenne bildungsorientierte Eltern, die ihre Babys mit Flashcards traktieren und dann behaupten, das Kind könne mit zwei Jahren schon lesen. Dazu sage ich: Man kann auch Tauben trainieren, dass sie Wörter erkennen (Studie der University of Otago, Dunedin, Neuseeland), aber mit Lesen hat das nichts zu tun. Kinder wachsen am besten auf, wenn ihre Eltern ihnen liebevoll zugewandt sind, der Rest ist eher zweitrangig. 

Über die Studie “Orthographic Processing in Pigeons” 

Woran forschen und arbeiten Sie gerade? Wird es neue, überraschende Erkenntnisse im frühkindlichen Bereich geben? 

Mit den ‚überraschenden‘ Erkenntnissen ist es oft so eine Sache, die stellen sich nicht selten im Nachhinein als falsch heraus. In meinem Team erforschen wir gerade, ob sich die Mechanismen des Wissensdurstes und aktiven Wissenserwerbs in den ersten Lebensjahren verändern. Zum Beispiel, ob Kinder, je älter sie werden, immer gezielter nach Informationen suchen und welchen Einfluss die Hirnentwicklung hierbei hat. Außerdem bin ich an einem großen multinationalen Projekt beteiligt, ManyBabys. Wir wollen Methoden entwickeln, um Neugier bei Kleinkindern besser zu messen und zu verstehen. Zum Beispiel fragen wir, welche Rollen Neuheit, Überraschung, Unvorhersagbarkeit und Unsicherheit – alle subtil verschieden – als Ursache von Neugier spielen. Und wir untersuchen interkulturell mit Teams in Japan, China und anderen Ländern, ob es Unterschiede darin gibt, wie positiv Eltern das ‚neugierige‘ Verhalten ihrer Kleinkinder beurteilen.

ManyBabys ist ein groß angelegtes, globales Kooperationsprojekt in der Entwicklungsforschung, das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt zusammenbringt. Ziel ist es, einige der grundlegendsten theoretischen und methodologischen Fragen anzugehen, die die Grundlage für einen Großteil der Entwicklungsforschung bilden. 

ManyBabys - Kooperationsprojekt in der Entwicklungsforschung

Spielzeug ist ein Kulturgut. Es spiegelt technische und gesellschaftliche Entwicklungen. In welchen Bereichen gab es die gravierendsten Veränderungen?  

Man hört ja manchmal, “Früher haben wir mit Stöcken und Steinen gespielt, da brauchten wir das ganze Plastik nicht.” Natürlich kann man mit Stöcken und Steinen tolle Sachen machen, aber gut durchdachtes modernes Spielzeug hat auch viele Vorteile. Fantasie, Kreativität und Lernen kann ja ganz verschiedene Formen annehmen. Ich würde sagen, die gravierendsten Veränderungen haben sich durch Kunststoff – mit seiner besseren Formbarkeit und Farbigkeit –, Elektronik – mit der Möglichkeit, auf verschiedene Weisen auf das Kind zu reagieren (z.B. ein Lied, wenn ein Knopf gedrückt wird), und Komplexität – z.B. Bausätze ergeben. Aber viele Spielzeuge wie Plüschtiere und Spielfiguren sind auch zeitlos. 

Ich frage Sie abschließend nicht als Wissenschaftler, sondern als Vater zweier Kinder: Wie wichtig ist einem als Elternteil der Aspekt des Lernens generell und speziell in diesem frühen Alter? 

Der ist natürlich schon wichtig – man will seinen Kindern ja die Möglichkeit bieten, sich zu entfalten. Meine Kinder sind inzwischen 13 und 15 Jahre alt, und rückblickend fallen mir zwei Erkenntnisse ein: Erstens, manchmal schenkt man Spielzeug zu früh, das heißt, bevor das Kind richtig etwas damit anfangen kann. Wenn das Kind dann zwei oder drei Jahre später so weit ist, ist das Spielzeug veraltet. Also im Zweifelsfall lieber ein bisschen warten. Und zweitens: jedes Kind ist anders, und man sollte vom Kind ausgehen und nicht von sich selbst. Es kann gut sein, dass mein Kind ein Spielzeug oder Buch doof findet, das früher mein Lieblingsspielzeug oder -buch war. So ist es halt. Und umgekehrt. Meine Tochter hat sich gerade zu Hause ein Nagelstudio eingerichtet. Meine Frau und ich hatten früher beide mit dekorierten Fingernägeln nichts am Hut, aber zu sehen, mit welcher Begeisterung und Konzentration meine Tochter sich den Nageldesigns widmet, sich Expertenwissen aneignet und künstlerische Muster kreiert ist schon toll. Also, die Kinder lernen nicht nur von uns, sondern wir auch von ihnen. Und wie ich schon sagte: die liebevolle und respektvolle Zuwendung zu unseren Kindern ist das Wichtigste, das Lernen kommt dann oft ganz von selbst – und nicht immer in den Bereichen, wo man es erwartet hätte. 

Vielen Dank für die faszinierenden Einblicke in Ihre Forschung, Herr Prof. Dr. Westermann. 

 

Wissen, wie gespielt wird

Die Spielwarenindustrie investiert zunehmend in Untersuchungen, Tests und Forschung, um qualitativ hochwertiges, sicheres und pädagogisch wertvolles Spielzeug zu entwickeln. Dies geschieht vor dem Hintergrund strenger Sicherheitsvorschriften, des wachsenden Bewusstseins für Schadstoffe und des Anspruchs, die kindliche Entwicklung optimal zu fördern. Und es geschieht immer häufiger Seite an Seite mit namhaften Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Entwicklungspsychologen und Spielzeugforschern.

Produktgruppe Baby- und Kleinkindartikel auf der Spielwarenmesse 2027

Der Markt für Baby- und Kleinkindartikel lebt von Vertrauen, Sicherheit und dem Gespür für neue Trends. Denn Eltern suchen heute mehr denn je nach Spielzeug, das fördert und gleichzeitig Qualität bietet. Als international größter Treffpunkt der Spielwarenwelt bietet die Spielwarenmesse in Nürnberg ihnen die Möglichkeit, ihre Vision einer modernen Kindheit einem weltweiten Fachpublikum vorzustellen. Werden Sie Teil der Spielwarenmesse 2027 und präsentieren Ihre Marke dort, wo die Trends von morgen geschaffen werden. 

Weitere Informationen zur Produktgruppe Baby- und Kleinkindartikeln auf der Spielwarenmesse

Über die Autorin

Sibylle Dorndorf schreibt seit fast 30 Jahren über die Spielwarenbranche, zuletzt war die Journalistin Chefredakteurin der TOYS-Magazinfamilie im Göller Verlag, Baden-Baden. Ihre Passion: Unternehmen, die sich neu erfinden, Marken, die sich glaubwürdig positionieren, Menschen, die etwas zu sagen haben und Produkte mit Zukunft. 

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