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Games-Geschichten aus dem Museum

Ausstellung im Spielzeugmuseum zeigt enge Beziehung der Spielesphären analog und digital

Brettspiele und Computerspiele nehmen seit jeher Geschichten aus der Wirklichkeit auf, „Games-Geschichte(n)“ erzählen dagegen Stories von analogen und digitalen Spielen, die sie miteinander verbinden. Das verspricht die Sonderausstellung aus dem Nürnberger Spielzeugmuseum, die noch bis 13. September zu sehen ist. Die Schau zeigt die enge Verflechtung von elektronischer und analoger Spielelust und Spielidee. Sie „ist klug und raffiniert. Sie räumt mit dem Gegensatz von Analog und Digital auf, beides gehört zusammen“, sagte Thomas Eser, Leiter der Museen der Stadt, bei der Eröffnung.

Ein wahrer Krimi: Wie der Außerirdische E.T. als PC-Spiel versagte

Gerade ein Museum will spannende Geschichten erzählen. Da kommt als Zündfunke eine Pleite und ihre Folgen gerade recht, die den Vorreiter der Unterhaltungselektronik, das amerikanische Unternehmen Atari, bis heute schmerzt. 1982 kam der Blockbuster E.T. von Steven Spielberg in die Kinos. Atari folgte dem Impuls und ließ, schnell, schnell, vor dem Weihnachtsgeschäft, in fünf Wochen das Konsolenspiel dazu produzieren: Es entstand ein Spielmodul namens „E.T. the Extra-Terrestrial“. Außerirdisch war vor allem der Misserfolg des Schnellschusses, die Firma blieb auf Tausenden unverkauften Geräten sitzen. Die Schande ließ man heimlich in New Mexico auf einer Wüsten-Schutthalde vergraben, 1.200 Exemplare der Spiele lagen dort begraben. Das Nürnberger Spielzeugmuseum hat solch ein Exemplar als Leihgabe des Deutschen Filminstituts & Filmmuseums Frankfurt ergattert. Schonungslos wird in einem eigenen Schaukasten die Pleite nacherzählt. Am Spiel klebt noch Sand aus New Mexico. 

Pentomino und Tetris

Das Pentomino-Puzzle inspirierte den Programmierer Alexei Paschitnow 1984 zu Tetris. (Foto: © Peter Budig)

Eigentlich aber ist die Verbindung Brettspiel-Computerspiel eine umfassende Erfolgsgeschichte. Die größte davon hat mit dem amerikanischen Mathematiker Solomon W. Golomb zu tun, der das Wort Pentomino für ein bestimmtes Polygon aus fünf gleich großen Quadraten, erfand. Daraus entstand ein Geduldspiel gleichen Namens, auch Pentomino-Puzzle genannt. Brettspielfans schätzen es, doch das Computerspiel, das der russische Programmierer Alexei Paschitnow 1984 auf den Markt brachte, kennt bis heute jedes Kind: Tetris, das Reaktionsspiel mit den herabfallenden Tetrominos, hat früh gezeigt, welch grandiose Suchtgefahr hinter der Gaming-Leidenschaft lauern kann. In der Vitrine ist auch der Nintendo-Gameboy zu sehen: die mobile Spielkonsole, die Tetris weltberühmt machte.

Dr. Manuel Seitenbecher leitet das Spielzeugmuseum Nürnberg seit 1. März 2026. (Foto: © Peter Budig)

Dr. Manuel Seitenbecher, neuer Leiter des Spielzeugmuseums, verweist auf einen Großbildschirm am Eingang der Sonderschau, auf dem das Funkhaus Orchester des WDR zu sehen ist. Hört man genau hin, merkt man, dass Spiele wirklich alle Sinne berühren. Der Tetris-Song, der das Gameboy-Spiel begleitet, wird hier vom Klassik-Orchester interpretiert. Er basiert auf dem alten russischen Volkslied „Korobeiniki“ und wurde von Hirokazu Tanaka komponiert. Jeder kennt den Sound, kann ihn aber nicht gleich zuordnen.

Hin und her: analog und digital wechseln die Fronten

„Die elf größeren und kleineren Vitrinen der Ausstellung erzählen Geschichten aus der Welt der Computer- und Gesellschaftsspiele. Es geht um Kulturgeschichten der globalen Zirkulation von Spielelementen und um Erfolgsgeschichten von Firmen und Spielfiguren“, so führt uns Sebastian Pfaller vom Haus des Spiels in die spannende Sonderausstellung ein. 

Foto: © Peter Budig

Früh hat „female empowerment“ in der Spieleszene spielerisch Einzug gehalten, auch das zeigen Schaustücke der Ausstellung: Eine Spielekonsole in Pink, weibliche Kickerinnen beim Tischfußball, gendern beim Scrabble, die Tomb-Raider-Serie mit ihrer Hedin Lara Croft  (sie zählt zu den meistverkauften Spieleserien der Welt) ... Noch verblüffender ist aber vor allem das hin und her, wie sich die Spielesphären gegenseitig befruchtet haben: Ein Schaukasten zeigt die Welten, in denen Super Mario klempnert und Gegner besiegt. Eine kleine Game Studies-Bibliothek offenbart, dass über Spiele und Spielen viel nachgedacht und geschrieben wird. Spielen bildet – auch dazu finden sich Belege. Und weil immer der Spaß, ob am Tisch oder am Endgerät, die größten Wellen schlägt, ist in der Ausstellung ein wohnzimmergemütlicher Spielebereich aufgebaut.

Games folgen Brettspielen, Brettspiel-Erfinder nutzen Videospiel- und Kinofilmlizenzen

„Video Killed the Radio Star“ heißt ein Song der britischen New-Wave-Band The Buggles. Er wurde 1979 veröffentlicht. Er ist weltberühmt als das erste Musikvideo, das am 1. August 1981 auf dem US-Sender MTV gespielt wurde. Der Song erzählt von der ewigen Angst, dass Maschinen das Menschliche und Warme in der Kunst ersetzen könnten. Textzeilen wie „rewritten by machine on new technology“ bringen diese Furcht auf den Punkt. Die Erzählung, dass Computerspiele das Brettspiel ersetzen, vertreiben, killen könnten, hat sich längst als grundfalsch erwiesen. Vielmehr gehen beide Hand in Hand. Nach wie vor sitzen die Menschen begeistert analog an Tischen zusammen um gemeinsam oder im Wettbewerb um Spieleaufgaben zu ringen. 

Eine Familie aus München taucht im Spielzeugmuseum ins analog-digitale Spielvergnügen. (Foto: © Peter Budig)

Das jüngste Beispiel für erfolgreiche Zusammenarbeit: Das Entwicklerduo „Apex Ideenschmiede“, das Brettspiele entwickelt, die unter der Lizenz von erfolgreichen Videogames und Kinofilmen laufen und damit bereits eine große Fangemeinde besitzt. Mit „Cyberpunk: Edgerunners – Hunted“ kommt im September ein Brettspiel auf den Markt, das auf der Lizenz der erfolgreichen Netflixserie beruht. Martina Dobrindt vom APEX-Entwicklerteam : „Sowohl unser Brettspiel als auch die Serie sind in der Welt des erfolgreichen Videospiels Cyberpunk 2077 von CD Projekt Red angesiedelt. Das Videospiel dient als Hintergrundwelt für die Serie, ist jedoch zeitlich und von der Handlung unabhängig, da die Serie chronologisch gesehen vor dem Videospiel spielt (auch wenn die Serie später erschienen ist)“. Kooperation, wohin man blickt!

Die Ausstellung Games-Geschichte(n) zeigt Objekte, die überraschend analog und physisch sind. Sie greift die großen Erzählungen der Games-Geschichte auf. Die Objekte stammen aus der Sammlung des Deutschen Spielearchivs Nürnberg und Leihgaben aus verschiedenen medienkulturellen Sammlungen wie dem Computerspielemuseum Berlin, dem Deutschen Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt und dem Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe
Die Ausstellung wurde kuratiert vom Institut für Medienkultur und Theater der Universität zu Köln in Kooperation mit dem Deutschen Spielearchiv Nürnberg. Aus Nürnberg haben Stefanie Kuschill und Sebastian Pfaller mitgewirkt.

Dauer: 20. Februar bis 13.September 2026 ‚
Ort: Spielzeugmuseum Nürnberg, Karlstrasse 13-15, 90403 Nürnberg
Tipp: Sonderführungen:jeweils um 15 Uhr an folgenden Tagen:
 

Samstag, 30. Mai 2026
Freitag, 12. Juni 2026
Freitag, 3. Juli 2026
Freitag, 11. September 2026
 

Bitte um Anmeldung für die Führungen unter haus-des-spiels@stadt.nuernberg.de
Die Führung ist im Eintrittspreis enthalten. Zum Spielzeugmuseum Nürnberg Service

Autorenprofil

Peter Budig hat Evangelische Theologie, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Er war als Journalist selbstständig, hat aber auch über zehn Jahre die Redaktion eines großen Anzeigenblattes in Nürnberg geleitet und war Redakteur der Nürnberger Abendzeitung. Seit 2014 ist er wieder selbstständig als Journalist, Buchautor, Texter und als Trauerredner. Storytelling ist in allen Belangen seine bevorzugte Form.

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