Kugelbahnen: Mit Schwung in neue Spieldimensionen

Zur Mechanik gesellen sich elektronische Elemente

Von Peter Thomas

Einmal anstoßen, dann sausen Murmel, Metallkugel oder Modellauto von der Schwerkraft angetrieben über Schienen und Bahnen. Die rollenden Spielelemente überwinden Loopings und Hindernisse, sie setzen dabei verschiedene Mechanismen von der Wippe bis zur Startvorrichtung weiterer Komponenten in Gang. Dieses fast schon magische Ineinandergreifen verschiedener Abläufe macht die Faszination von Kugelbahnen aus. Wobei der Begriff für das Spielgenre weit zu fassen ist. Denn neben den klassischen Varianten mit Kugeln aus verschiedenen Materialien gibt es auch Bahnen nach ähnlichen Prinzipien mit Fahrzeugen. Das reicht bis zur Hot-Wheels-Bahn für Spielzeugautos von Mattel. Ein ähnliches System hatte früher Modellbauhersteller Faller im Programm (Hit-Car).

Selbst in der internationalen Kunstszene gibt es Parallelen zu den Abläufen von Kugelbahnen, wenn in einer kreativen Kettenreaktion immer wieder der Bewegungsimpuls eines Elements die jeweils nächste Attraktion auslöst. Das wohl berühmteste Beispiel dafür ist die Installation „Der Lauf der Dinge“ von Fischli und Weiss aus dem Jahr 1987. Ähnlich bunt und vielfältig ist der Parcours, den Konstrukteure aller Altersstufen mit dem 2023 vorgestellten Baukasten „Crazy Reactions“ von Fischertechnik bauen können. Gestartet wird mit einer besonders leichten Kugel: einem Tischtennisball.

Cuboro Junior Foto: © cuboro

Ein besonders beliebtes Material für den Bau von Kugelbahnen ist Holz. Der Werkstoff kommt beim Klassiker Cuboro aus der Schweiz ebenso zum Einsatz wie bei den Bahnen von Ugears, die aus lasergeschnittenen Komponenten zu filigranen Skelettkonstruktionen zusammengesteckt werden. Bunt bedrucktes Holz ist auch die Basis der Welt von „Kullerbü“, den Spielbahnen von Haba. Das System kam 2015 auf den Markt und wird seither kontinuierlich ausgebaut. In diesem Jahr hatte unter anderem der Spielbahn-Bausatz „Kullerhausen“ Premiere. Das Set verbindet die typischen Bahnelemente (dank Klickverbindung auch für kleine Kinder gut nutzbar) und ein Spielhaus samt Bewohnern. Ein besonderer Kniff bei Kullerbü: Die Figuren haben eine Kugelform (Durchmesser 4,6 Zentimeter). So können sie entweder direkt auf der Bahn oder im Auto eingesetzt werden – durch einen mechanischen Dreheffekt bewegen sie sich auch dann. Mit weiteren Antriebstechniken (Schwungradmotor und Batterieelektrik) ist der Fuhrpark mittlerweile erweitert worden.

Kullerhausen. Foto: © Haba

Was macht den besonderen Reiz aus beim Bauen und Spielen mit Kugelbahnen und vergleichbaren Systemen? Nachgefragt bei Wiebke Waburg, Prodekanin für Forschung der Universität Koblenz und Pädagogikprofessorin mit einem Schwerpunkt zur Spiel- und Spielzeugforschung. Sie sagt: „Für den Aufbau einer Kugelbahn muss wie bei allen Konstruktionsspielen ein Plan im Kopf erstellt werden, wie die Bahn aussehen soll. Wird dieser Plan umgesetzt und funktioniert die Kugelbahn, löst das Glücksgefühle aus. Kinder und Erwachsene erleben sich selbstwirksam. Je komplizierter die Bahn, umso größer die Chance zu scheitern – das ist das frustrierend, spornt aber auch an, sich einen alternativen Aufbau zu überlegen, damit der nächste Versuch funktioniert. Man könnte von einer Sogwirkung sprechen.“

Gecko Run. Foto © Kosmos

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Vielfalt der Materialien und Spielmöglichkeiten, betont die Erziehungswissenschaftlerin: „Je nachdem, wie das Material für die Kugelbahnen gestaltet ist, kann es auch ein Ansporn sein, nicht nur tolle Effekte einzubauen, sondern auch eine schöne, ästhetisch ansprechende Bahn zu bauen. An dieser Stelle kann auch positives Feedback, also Anerkennung, ein Rolle spielen. Der hohe Spielreiz und Spielspaß wird noch dadurch gesteigert, dass es meistens viele unterschiedliche Gestaltungs- und Baumaterialien gibt – je nach Spielmaterial. Das ist auch schulpädagogisch ein wichtiges Qualitätsmerkmal.“

Zu dieser Vielseitigkeit gehört auch, das Kugelbahnen sich neue Räume erobern. Das kann beispielsweise geschehen, indem sich der Aufbau von der klassischen Konstruktion auf Tisch und Fußboden löst. Dafür steht das System „Gecko Run“ von Kosmos, dessen Elemente mit Saugnäpfen an glatten vertikalen Oberflächen haften können. So werden zum Beispiel Schranktüren plötzlich zur Spiellandschaft.

Gravitrax. Foto © Ravensburger

Kugelbahnen haben aber auch die Grenze zwischen analog-mechanischem Spiel und elektronischer Welt längst überschritten. Dafür steht beispielsweise das System Gravitrax von Ravensburger. Grundlegend arbeitet die Kugelbahn mit Magnetismus, Bewegung (Kinetik) und Schwerkraft (Gravitation). Die ersten Sets kamen im Herbst 2017 auf den Markt und waren prompt Weihnachten schon ausverkauft. Die Linie Gravitrax POWER erweitert diese Spielwelt um Licht, Sound und die Möglichkeit zur Programmierung über eine App und den digitalen Austausch. Auf der anderen Seite gibt es seit 2023 die neue Linie Gravitrax Junior für Kinder ab drei Jahren. Mit einem besonderen Adapter-Set soll ab 2024 die Verbindung zum bestehenden Bahnsystem möglich sein.

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Zur Produktgruppe Technisches Spielzeug, edukatives Spielzeug, Aktionsspielwaren
 

Über den Autor:

Geschichten über Technik und Menschen erzählen: Das fasziniert den Journalisten, Autor, Kulturwissenschaftler und Dozenten seit mehr als 30 Jahren. Technisches Spielzeug steht dabei immer wieder im Fokus, vom Baukasten bis zu interaktiven digitalen Lernspielzeugen. Nach Studium und Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität schreibt Peter Thomas für Tageszeitungen, Magazine und Unternehmenspublikationen im deutschen und englischen Sprachraum. Seine Schwerpunkte neben der Welt des Spiels sind Mobilitäts-, Sicherheits-, Energie- und Medizintechnik.

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