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FTO Symposium: Spielsachen fair machen

Balanceakt zwischen Recht, Kontrollen und kritischen Konsumenten

Von Peter Budig

Spielzeug fair machen. Hinter diesen drei Worten verbirgt sich eine Initiative, die Großes vorhat. Denn die Fair Toys Organisation e.V. (FTO) hat sich eine Mammutaufgabe zu eigen gemacht. Sie setzt sich dafür ein, dass bei der Produktion von Spielwaren folgende Aspekte mehr Beachtung finden: 

  • soziale Verantwortung gegenüber den beteiligten Menschen
  • ökologische Nachhaltigkeit der verwendeten und hergestellten Produkte
  • transparente und faire gestaltete Lieferketten 

Selbstverpflichtend, verantwortungsvoll, international gültig. 

Ende September 2026 fand im „Schönen Saal“ des Nürnberger Rathauses ein Symposium statt, das den Stand der Dinge skizzierte. 

FTO-Symposium im Nürnberger Rathaus

Grußworte von Marcus König, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg. Foto: Rudi Ott/ FTO.

Die Stadt Nürnberg ist hier mehr als ein freundlicher Gastgeber. Als Ort der Spielzeugproduktion in Geschichte und Gegenwart, als Standort der größten Leitmesse der Branche ist man mittendrin, im Thema und in der Mitverantwortung. Das machte Oberbürgermeister Marcus König bei seiner Begrüßung klar. Er fand ein schönes Beispiel, wie man als Mitglied der FTO im Kleinen das Große beachten kann: Die Stadt hat als Gastgeschenk den Dürer Hasen produzieren lassen: Der Kuschelhase Albrecht wurde von der oberfränkischen Plüschtierfirma Heunec aus Neustadt bei Coburg fair nach FTO-Richtlinien produziert. Er dient als offizielles Gastgeschenk und ist in zahlreichen Shops und der Tourist Information für 19,90 zu erwerben.

Keynote: Aktuelle Rechtsentwicklungen

Keynote von Professor Dr. Markus Krajewski, FAU Erlangen. Foto: Rudi Ott/ FTO.

Für völkerrechtliche Fragen in Wirtschaft und zu Menschenrechten ist der Erlanger Jurist Professor Dr. Markus Krajewski ein Experte. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht und Völkerrecht an der FAU Erlangen. Für das Anliegen der FTO, so Krajewski, gebe es durchaus einen weltweit abgesteckten juristischen Raum, etwa in den Leitprinzipien der UN für Wirtschaft und Menschenrechte. „Das Lieferkettensorgfaltsgesetz“ sei „geltendes Recht“, der Fokus läge dabei vor allem auf den Menschenrechten. Doch die weltweiten Verwerfungen, China beispielsweise „verbietet regelrecht diese EU-Regeln“ und die Abneigung der US-Regierung gegen internationale Regulierungen erschweren verbindliches Verhalten. Soweit der Status quo, und wenn auch der rechtliche Rahmen beruhigen mag, so lässt sich doch der Eindruck nicht vermeiden, dass eher Eigenverantwortung als sanktionierbare Regeln die Gegenwart bestimmen. Nicht zufällig bezeichnet sich die FTO als Multi-Stakeholder-Initiative (MSI), per Definition ein freiwilliger Zusammenschluss gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Gruppen, die gemeinsam an der Lösung komplexer Probleme arbeiten.

Fair Toys Organisation

Die Fair Toys Organisation wurde 2020 in Nürnberg gegründet. Die FTO ist ein Zusammenschluss von Mitgliedern der Spielwarenbranche und der Zivilgesellschaft, die sich für „Faires Spielzeug“ einsetzen. Dafür gehen Unternehmen eine Selbstverpflichtung ein, bei der Herstellung des Spielzeugs ökologische Standards zu verankern und soziale Rechte zu wahren. Das gilt auch und besonders für die Arbeitsbedingungen, wie Arbeitszeiten, Kündigungsschutz, gesetzliche Mindestlöhne, Arbeitsschutzbestimmungen, in den Spielzeugfabriken in aller Welt. 

Zur FTO Webseite

Diskussionen auf dem Podium: Reichen die Instrumente aus?

Podiumsdiskussion mit Prof. Frank Ebinger der TH Nürnberg, Helga Ridel vom Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg und Axel Gottstein von sigikid. Foto: Rudi Ott/ FTO.

 „Es ist ein Kontrollproblem“. So lapidar kann man es zusammenfassen, mit den Worten von Professor Frank Ebinger, der sich forschend mit Nachhaltigkeit an der TH Nürnberg beschäftigt. Er unterstreicht die Wichtigkeit des digitalen Produktpasses für Spielwaren, der bis 2030 eingeführt wird. Auch der Mann aus der Praxis, Axel Gottstein, Chef von sigikid, wird deutlich: „Wir brauchen weltweit gültige, einheitliche Mindeststandards“. Und am Ende können die sich dann durchsetzen, „wenn der Verbraucher Qualität einfordert“, macht FTO-Vorständin Helga Riedl klar. Die Stadt Nürnberg, bei der Riedl im Menschenrechtsbüro arbeitet, steht zu ihrem Fair Trade Grundsatz: „Die Stadt ist bemüht, Spielzeug aus fairer Produktion anzuschaffen.“ Das gelingt jedoch nicht immer. Helga Riedl, die im Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg arbeitet, setzt sich im Rahmen ihres Engagements für den Fairen Handel dafür ein, dass „soziale und ökologische Standards bei der Spielzeugbeschaffung stärker berücksichtigt werden.“ Wer als Kunde beim Einkauf nur aufs billigste Produkt schaut, nähme in Kauf, dass der neue Schatz des Kindes weder fair noch öko ist. Am Rande stellte sigikid-Chef Gottstein eine Frage ins Publikum: „Wissen Sie, wer in Deutschland die meisten Plüschtiere verkauft?“ 

Wissen Sie es? Es ist IKEA.

Experten Diskussion 1: Wie kommt nachhaltiges Spielzeug ins Regal?

Wie kann man Kunden für Faires Spielzeug gewinnen? „Leute, die das kaufen, sind nicht der Mainstream“, macht Josephine Dransfeld klar. Die Juniorchefin des Familien-Unternehmens Heunec ist gleichwohl eine Überzeugungstäterin, jedes Plüschtier aus ihrem Haus ist nach den Anforderungen der FTO-Richtlinien überwacht. Das ändert nichts daran, dass auch ihre Plüsch-Hochlandrinder, -Mäuse, -Ameisen oder eben der Dürer Hase fast ausschließlich in China hergestellt werden. Für Frank Braun, CaWeLa Cadolzburg ist die Selbstverpflichtung einfacher. Er beliefert die 800 Weltläden in Deutschland, „ein kleines, aber sehr kritisches Publikum“. Jan Bussiek liefert einen ungewöhnlichen Beitrag zum Thema: Der ESG-Score, den er entwickelt hat, ist eine genormte, Kategorie übergreifende Kennzeichnung, die es ermöglicht, Produkte im Onlinehandel nach Nachhaltigkeit zu sortieren. Auch hier ist wieder der mündige Kunde gefragt, doch diesem wird es nun leichter gemacht: Er kann bei seiner Auswahl an Computer-Tastaturen, Bürostühlen oder eben Spielzeug sein persönliches Angebot sortieren: Die Fairen zuerst.

Experten Diskussion 2: „Value of Play ist eine Bildungschance“

Experten-Panel mit Sebastian Pfaller vom Haus des Spiels, Markus Utomo als Spiele-Designer, und Prof. Jens Junge vom Institut für Ludologie (v.l.n.r.). Foto: Rudi Ott/ FTO.

Schon lange wird diskutiert, dass Brett-/Spiele im Unterricht die Leistungen und Lernbereitschaft von Schülern verbessern könnten. Professor Jens Junge ist einer der rührigsten Protagonisten des Spiels und des Spielens in Deutschland. Er leitet das Institut für Ludologie in Berlin und hat ein schönes Motto parat: „Spiel ist Dialog mit der Welt“. Er fügt an: „Kinder brauchen haptisches Spielzeug“. Da kommt man den FTO-Richtlinien näher, wer will schon billig riechende, unschön zu greifende Dinge an sich nehmen? Markus Utomo, Nürnberger Spiele-Designer, bricht ebenfalls eine Lanze für „Spiele, die Lernen vermitteln“, verbunden mit dem inneren Auftrag „am Ende muss man immer Motivation erzeugen“. Das Haus des Spiels im Pellerhaus mit dem Deutschen Spielearchiv ist ein Ort der Spielkultur, an dem gespielt, geforscht und bewahrt wird. „Das älteste Spiel unserer Sammlung ist von 1650.“ Sebastian Pfaller, der dort beschäftigt ist, ergänzt: „Wir haben maßgeschneiderte Brettspielangebote, beispielsweise für Schulklassen“. Dort jedoch, wo man am meisten Nutzen kreieren könnte, an den Schulen, „gibt es für diese Weiterbildung kein Geld“, beklagt nicht nur Markus Utomo.

Die Bayerische Staatsregierung ist am Zug: Initiative Spielzeugland.Bayern

Tobias Gotthardt, Staatssekretär Wirtschaft Bayern, leitet die Initiative Spielzeugland.bayern Foto: Rudi Ott/ FTO.

An dieser Stelle wird es ohne staatliche Überzeugungstäter mit Budget nicht weitergehen. Gut also, dass am Ende Staatssekretär Tobias Gotthardt in Nürnberg zu Wort kommt: Er ist in Aiwangers Wirtschaftsministerium tätig und war zuvor schon stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Bildung und Kultus im bayerischen Landtag gewesen. Ein Mann der Brücken schlagen könnte, zwischen Kultur, Schulwesen und Wirtschaft. Gotthardt hat lobende Worte im Gepäck, für die Belange der FTO, doch gekommen ist er, um die von ihm gegründete Initiative „Spielzeugland.Bayern“ – das Netzwerk der bayerischen Spielebranche, vorzustellen. 1.500 Betriebe gäbe es in Bayern, mit 4.000 Arbeitsplätzen, 850 Millionen Euro Umsatz im Jahr kreieren sie, hat er ausgerechnet. Auch er weiß, dass die Produktion nicht mehr in Bayern geschieht, auch er appelliert daran, „ein Bewusstsein zu schaffen, für Leute, die auf diese fairen Kriterien achten“. Doch von 1.000 Produkten, die probeweise bei temu.com, der chinesischen Billigplattform bestellt wurden, hat keines Sicherheitsansprüchen genügt. Von Fairem Handel weit entfernt.

Ein Aufruf für Fairness

Dr. Jürgen Bergmann von der Mission Eine Welt und Maik Pflaum der Romero Initiative (CIR) sind zwei von acht Mitgliedern des FTO-Vorstands. Foto: Rudi Ott/ FTO.

Ausblick und „Call to Action“ heißt der letzte Tagesordnungspunkt. Die beste Action wäre wohl, wenn viel mehr Hersteller, Händler, Städte, Organisationen der FTO beiträten. Nürnberg, Fürth, das Spielzeugmuseum, die Spielwarenmesse und etliche Hersteller sind schon dabei. Doch draußen in der Welt sind die Aufrufe für Fair und Selbstverantwortung gerade nicht en Vogue. Ein Wort von Jens Junge passt hier, der sich dafür stark macht „nicht nur die finanzielle, sondern auch die soziale Rendite zu beachten“. Dafür, das ist unbestritten, steht die FTO.

FTO-Siegel

Das Fair Toys Siegel ist ein Unternehmenssiegel und zeichnet Hersteller aus, die in hohem Maße die Anforderungen und Kriterien des Fair Performance Checks erfüllen. Hierbei wird betrachtet, inwiefern das Unternehmen glaubhaft soziale und ökologische Verantwortung für seine Lieferkette übernimmt. Nur Unternehmen, welche die sechs Mindestanforderungen des Fair Performance Checks erfüllen sowie mindestens 75 % der zu erreichenden Punkte erhalten, dürfen das Fair Toys Siegel nutzen.

Weitere Informationen zum Überprüfungsprozess und zum Siegel enthalten das FPC-Manual (PDF) und das FTO-Strategiepapier (PDF).

Vom 2. – 6. Februar 2027 stellt die Fair Toys Organisation auf der Spielwarenmesse aus. 

Messezentrum Nürnberg, NCC West | 06 

Über den Autor

Peter Budig hat Evangelische Theologie, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Er war als Journalist selbstständig, hat aber auch über zehn Jahre die Redaktion eines großen Anzeigenblattes in Nürnberg geleitet und war Redakteur der Nürnberger Abendzeitung. Seit 2014 ist er wieder selbstständig als Journalist, Buchautor, Texter und als Trauerredner. Storytelling ist in allen Belangen seine bevorzugte Form.

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