
Let’s play Mittelalter
Sonderausstellung als Spiel im Europäischen Hansemuseum Lübeck
Von Peter Budig
In der Welt des Spielens haben die analogen Brettspiele und die digitalen Games längst die Vorzüge des jeweils anderen entdeckt. Es gibt eine Verschränkung, eine gegenseitige Inspiration der Spielideen und -welten. In den Museen wiederum sind Kuratorinnen und Kuratoren davon abgekommen, Sammelstücke in Glasvitrinen zu packen, um sie dort mit einem kurzen Erklärtext für sich sprechen zu lassen. Das Lübecker Hansemuseum ist so ein Ort, wo Geschichte erfahrbar wird, indem Geschichten erzählt werden. Das macht es sehr unterhaltsam und besucherfreundlich.

Die Lübecker Historikerin und Ausstellungsmacherin Franziska Evers kann als kreative Vorreiterin gelten. Das mag auch daran liegen, dass ihr Stammhaus, das Europäische Hansemuseum Lübeck – 2015 eröffnet – über kaum nennenswerte Sammlungen verfügt. Gleichzeitig gilt es eine komplexe mittelalterliche Geschichtserzählung zu leisten: Aufstieg und Fall der europäischen Hanse. Im Museum wird der Erfolg des Handels, werden endlose Schiffsreisen, geschicktes Taktieren, notfalls Einsatz kriegerischer Mittel erzählt. Die europäische Hanse war viel mehr als ein Städtebündnis. Es sind vor allem Männergeschichten, erfolgreiche Kaufleute, die ihre Stadtgesellschaften dominierten und sich mit anderen verbündeten. 2020 hat Evers solche eine Männergeschichte eigens erzählt: „Störtebeker und Konsorten“ über „die Piraten der Hansezeit“. Jetzt geht die Historikerin mit ihrem Team ein neues Wagnis ein: Warum nicht eine Sonderausstellung als Spiel inszenieren? Folglich heißt die Sonderausstellung, die am 9. Oktober 2026 startet: Let’s play Mittelalter. Wie Games Geschichte erzählen.
Das Mittelalter im Spiel
Das europäische Mittelalter definiert sich als Epoche etwa von 500 und 1500 nach Christus. Unsere Bilder davon, Kirchengeschichten, Ritter, Pestepidemie, Burgen, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, sind alle unvollständig, bruchstückhaft, oft mehr geprägt von der Legendenbildung als von historischer Echtheit. Der Historiker Dr. Lukas Boch gehört zum Team Evers. Er ist einer der Gründungsmitglieder des Projekts Boardgame Historian und ist mitverantwortlich für das Projekt „Mittelalter Digital“. In seiner Dissertation hat er untersucht, wie das Mittelalter in Spielen erzählt wird. Boch hat uns eine Liste von Spielen zusammengestellt, die in der Lübecker Mittelalter-Ausstellung Relevanz besitzen: Kingdome Come: Deliverance, Anno 1404, The Witcher und Manor Lords, Inkulinati – allesamt digitale Spiele; sowie analog Brettspiele wie Siedler von Catan, Carcassonne, Zombicide, Black Plague, Castle Combo und Glory: a Game of Knights. Darüber hinaus kann die Ausstellung mit Breaking News aufwarten. Spieleautor Klaus-Jürgen Wrede und der Hans im Glück Verlag haben exklusiv eine neue Erweiterung zu Carcassonne angekündigt. Suprise, surprise: Es geht um die Hanse!
Der authentische Ort
Das ganze Hansemuseum ist eine großartige Sache! Es befindet sich an einem exponierten historischen Ort, direkt am Ufer der Trave. Der Fluss umringt die Lübecker Altstadt, er legt sich wie der Rand einer Höhle um den historischen Kern und an der Spitze, wo sich der Ring schließt und für den Flusslauf Richtung Ostsee wieder öffnet – genau da befindet sich ein steiler Burghügel. Oben thront das Burgkloster, 1229 gegründet, mit Klosterhof und dem historisch bedeutsamen Beichthaus. Viele Jahre war es ein Dominikanerkloster (und das Beichtangebot war deren lukrativstes Angebot an die Lübecker Sünder), im Nationalsozialismus wurde es als Gerichtssaal und Gefängnis genutzt. Einige der Zellen kann man noch besichtigen.

Heute ist es Teil der Museumsfläche und der Ort, wo „Let’s play Mittelalter“ stattfinden wird. Das ganze Museumsareal reicht von der Kuppe des Burghügels bis hinunter zur Straße ‚An der Untertrave‘. Es umfasst etwa 7.400 Quadratmeter. Das Museum mit der Dauerausstellung, die sich der Geschichte der Hanse widmet, ist von außen gar nicht zu erkennen. Eine Treppe führt von der Ringstraße hoch zum Klosterhof und auf halber Höhe, unverhofft, kann man in den Kassenraum und Souvenirshop des Museums abbiegen. Vom Foyer aus geht es bergab, praktisch hinein in den Berg, dort wo die Geschichten wohnen. „Die Architektur des Gebäudes leitet sich von den historischen Gegebenheiten des Grundstücks und seiner Umgebung ab. Ein wesentliches Leitmotiv für den Entwurf ist die mittelalterliche Stadtmauer, die am Fuße des Burghügels verlief. Die Kubatur des Gebäudes zitiert diese Mauer“ so Andreas Heller Architects & Designers. Das allein ist unbedingt eine Reise wert – 100.000 Menschen haben im Jahr 2025 das Europäische Hansemuseum besucht.
Museum als Spiel
Am Anfang stellten die Ausstellungsmacher sich diese Aufgabe: Wie wird das Mittelalter in Brettspielen und e-Games erzählt, wie vermittelt? Welche Bilder werden gezeigt und erzeugt? „Geschichtsbilder sind häufig Popkultur, nicht das Ergebnis wissenschaftlicher Forschung“, sagt Evers, die in Lübeck geboren ist und in Kiel beim Hanse-Papst Rolf Hammel-Kiesow studiert hat. Jetzt, dessen ist sie sich mit ihrem Team bewusst, wagen sie ein „Experiment“. Im Text zur Ausstellung ist das so beschrieben: „Die Besucher:innen erstellen ihren eigenen Avatar, lösen Aufgaben und entscheiden selbst, welchen Weg sie in der mittelalterlichen Welt einschlagen. Nicht Texte führen durch die Ausstellung, sondern das Spiel: ein Turnierplatz, ein festliches Bankett im Grünen, eine geheimnisvolle Drachenhöhle und weitere immersive Settings. Jede Station steht für ein Kapitel im Spiel und fordert eine eigene Entscheidung ein, bevor es weitergeht. Informationen werden nicht vermittelt, sondern erspielt.“ Auf Erklärtexte wird dabei fast völlig verzichtet, Vermittlung findet über Kopfhörer statt.
Let’s play Mittelalter

Wie ein roter Faden durchzieht diese Entscheidung eines jeden Besuchers das Spiel: Bin ich ein Anhänger des hellen oder des dunklen Mittelalters? Denke ich an „Der Name der Rose“ oder an „Game of Thrones“. Das beeinflusst, wie ich meinen Avatar gestalte, der als Chip in meinem Armband lebt, das am Spielende ausgewertet wird. Die Zielgruppe für die Ausstellung, die in den Räumen des Burgkloster aufgebaut wird, „sind Menschen, die mit Spielen sozialisiert sind“, so Boch. Doch auch alle Geschichtsinteressierten sind eingeladen, das Mittelalter und ihr Bild davon spielerisch zu erkunden. Am Ende erhalten Besucher ihren entwickelten Charakter als digitales Element auf einer Karte. Über die Erlebnisse kann man dann noch einmal reflektieren – in der Taverne, einem extra Raum. Die mittelalterlich-neuzeitlich ausgestattete Kneipe bietet Bildschirme mit interaktiven Interviews von bekannten Spielemachern und Content Creators wie Hand of Blood aka Max Knabe.
Botschaften als Erlebnis
Auf der Homepage der Augsburger Werbeagentur Liquid, deren Motto es ist, Botschaften verpackt in Geschichten zu vermitteln, wird Leonardo da Vinci zitiert: „Lernen ohne Begierde verdirbt die Erinnerung, und es behält nichts, was es aufnimmt.“ Die Agentur Liquid hat die Umsetzung der Geschichtenerzählung in zahlreichen Museen verantwortet, so auch bei Let’s play Mittelalter. „Let’s play Mittelalter sollte nicht nur eine Ausstellung über die Darstellung von Mittelalter in Games sein, sondern sich auch der Mechanismen des Gamings bedienen“, erläutert Nikola Schlichtherle von der Agentur Liquid.So sei daraus eine spielbare Ausstellung geworden, mit der besonderen Herausforderung, die zu vermittelnde Inhalte in eine Story einzubetten und daraus ein Erlebnis werden zu lassen. Um Erzählstrang, Spielidee und Inhalte ineinander zu verweben, waren in der Entwicklung viel Austausch und schrittweises Ausloten enorm wichtig, so Schlichtherle.
Spielerisch Sichtweisen hinterfragen
Heraus kam eine Ausstellung, die anregt, tradierte Bilder zu hinterfragen und für manch eine oder einen vielleicht den Zugang in die Welt des Gamings schafft. Wer sich traut, der schreitet als Besucher, oder besser als sein eigener Avatar, durch Räume und Flächen, die Themeninseln des Mittelalters wie Ritter, Religion, Handel (Hanse) symbolisieren. Sie heißen „Weltenbaum der Wikinger“, „Kathedrale der Frömmigkeit“ oder „Höhle des Drachen“. So erwirbt der Spielende, durch das Lösen von Aufgaben, seinen speziellen Charakter. Ob die eigene Vorstellung vom Mittelalter eher von Romantik oder von Grauen geprägt wird, das lässt sich am Ende auf einer digitalen Spielkarte auslesen, die auch mit nach Hause genommen werden kann.
Hier wird das Mittelalter nicht in Vitrinen gepackt, sondern spielerisch erlebbar. Ab dem 9. Oktober 2026 verwandelt sich ein Teil des Lübecker Burgklosters in eine Ausstellung, die eine begehbare mittelalterliche Gaming-Welt ist.
Die Ausstellung Let’s Play Mittelalter
Über den Autor
Peter Budig hat Evangelische Theologie, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Er war als Journalist selbstständig, hat aber auch über zehn Jahre die Redaktion eines großen Anzeigenblattes in Nürnberg geleitet und war Redakteur der Nürnberger Abendzeitung. Seit 2014 ist er wieder selbstständig als Journalist, Buchautor, Texter und als Trauerredner. Storytelling ist in allen Belangen seine bevorzugte Form.


