
Spielzeugregion Nürnberg
Toy History: Die Wirtschaftsgeschichte der deutschen Spielwarenbranche
Vorwort der Redaktion
Anlässlich des 75. Jubiläums der Spielwarenmesse erweitern wir das Spirit of Play Online-Magazin um die Rubrik Toy History. Zum Auftakt blicken wir auf die historischen Voraussetzungen zurück, die Nürnberg zum Standort der Weltleitmesse für Spielwaren machten. Die Recherchen stammen vom Wirtschaftshistoriker und ehemaligen Direktor des Spielzeugmuseums Nürnberg, Dr. Helmut Schwarz.
Von Dr. Helmut Schwarz (1952-2022)
Spielzeugherstellung und ‐handel können in Nürnberg auf eine über 600‐jährige Tradition zurückblicken. Die städtischen Steuerlisten erwähnen bereits im Jahr 1400 zwei „Tockenmacher“, die kleine Tonfiguren und gedrechselte Puppen fertigten. Anderes figürliches Spielzeug aus Alabaster, Wachs und Papiermaché folgte im Lauf der Zeit. Im 17. und 18. Jahrhundert stellten Nürnberger Handwerker bereits kunstvolle Puppenhäuser, mechanische Metallspielzeuge und andere technische Spielereien her.

Kaufleute vertrieben diese Produkte im In‐ und Ausland. Dank ihrer weitgespannten Handelsbeziehungen entwickelte sich die Stadt auch zum Umschlagplatz für Holzspielwaren aus anderen Spielzeugregionen. Diese bildeten zusammen mit den lokalen Erzeugnissen einen festen Bestandteil des sogenannten „Nürnberger Tands“. Einen guten Überblick über das vorindustrielle Spielzeugsortiment bieten die Kataloge des Nürnberger Versandhandelspioniers Bestelmeier, anhand derer ab 1793 Spielwaren sogar schon per Post bestellt werden konnten.
Zentrum der Metallspielwarenindustrie
Während der Industrialisierung wuchs das Nürnberger Spielzeuggewerbe gewaltig: 1914 gab es in der Stadt 243 Spielwarenbetriebe. Zahlreiche Blechspielzeugfabriken wie Hess, Issmayer, Carette, Plank, Günthermann und vor allem die Gebrüder Bing machten Nürnberg zum Zentrum der Metallspielwarenindustrie. Ihre Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Schiffe, Flugzeuge, Autos und mechanischen Figuren waren Ausdruck einer technikbestimmten Zivilisation.
Hochburg für Zinnfiguren, Holzspielzeug, Spiele, Modelleisenbahn
Daneben besaß Nürnberg aber auch berühmte Hersteller von Zinnfiguren (Heinrichsen, Haffner), Holzspielzeug (Baudenbacher, Hacker) und Spielen (Spear, Abel‐Klinger). Im Sog der Nürnberger Expansion bildete sich auch in den Nachbarstädten eine differenzierte Blechspielzeugindustrie aus. In zahlreichen Betrieben wurden Schlottern, Kindertrompeten, Kreisel und Spardosen sowie mechanische Tierfiguren und Fahrzeuge hergestellt. Bekannte Hersteller waren GAMA und Götz & Sohn in Fürth sowie die Zirndorfer Firmen Bolz, Rohrseitz, Seidel und Brandstätter. Über 100 Nürnberg‐Fürther Handelshäuser wie Bechmann & Ullmann, Bauer, Kohnstam, Dressel und Eisenmann sorgten für den weltweiten Export. Trotz der beiden Weltkriege, trotz Geldentwertung, Weltwirtschaftskrise und der Verfolgung jüdischer Spielwarenunternehmer in der NS‐Zeit: Die Nürnberg‐Fürther Spielzeugindustrie konnte sich bis in die 1960er Jahre hinein gut auf dem globalen Markt behaupten. Schuco avancierte zur größten Spielwarenfabrik Europas. Trix, Bub, Arnold, Fleischmann und Lehmann ließen Nürnberg zur Modellbahnstadt werden. Der Strukturwandel und die Globalisierung haben jedoch in den letzten vier Jahrzehnten tiefe Spuren hinterlassen: Die Blechspielzeugproduktion kam nahezu vollständig zum Erliegen.
Mittelfranken bleibt Zentrum der deutschen Spielwarenbranche

Erfolgreiche Unternehmen wie Playmobil, Bruder und Branchenführer Simba‐Dickie mit den fränkischen Traditionsmarken Schuco, BIG, Trix und Lehmann sorgen jedoch dafür, dass Mittelfranken das Zentrum der deutschen Spielwarenbranche geblieben ist. Zu dieser herausragenden Stellung trägt vor allem auch die internationale Spielwarenmesse als weltweit bedeutendste Messe der Branche bei. Zudem haben seit langem auch viele Verbände der deutschen Spielwarenindustrie und des Handels ihren Sitz in Nürnberg. Von besonderer Bedeutung ist die seit 1929 in Nürnberg ansässige VEDES, heute die größte Fachhandelsorganisation für Spiel und Freizeit in Europa.
[Manuskript vom Autor abgeschlossen im November 2017]
Georg Wenzel: Die Geschichte der Nürnberger Spielzeugindustrie. Diss. Nürnberg 1967.
Eckehard Wiest: Die Entwicklung des Nürnberger Gewerbes zwischen 1648 und 1806. Stuttgart 1968.
Heidi A. Müller: Ein Idealhaushalt im Miniaturformat. Die Nürnberger Puppenhäuser des 17. Jahrhunderts. Nürnberg 2006.
Thomas Stauss: Frühe Spielwelten. Zur Belehrung und Unterhaltung. Die Spielwarenkataloge von Peter Friedrich Catel (1747‐1791) und Georg Hieronimus Bestelmeier (1764‐1829). Hochwald 2015.
Spielzeugmuseum Nürnberg (Hrsg.): Paradestücke. Zinnfiguren aus Nürnberg und Fürth. Nürnberg 2000 ( = Schriften des Spielzeugmuseums Nürnberg, Band IV).
Marion Faber: Nürnberg – ein Platz für Spiele. In: Helmut Schwarz/ Marion Faber: Die Spielmacher.
J.W. Spear & Söhne: Geschichte einer Spielefabrik. Nürnberg 1997, S. 24‐43.
Marion Faber: Spielzeug für die Welt. Nürnberg und die deutsche Spielwarenindustrie 1900‐1914. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg. Bd. 100. Nürnberg 2013, S. 509‐543.
Helmut Schwarz/ Marion Faber: C. Baudenbacher. Erste Nürnberger Holzspielwarenfabrik. Firmengeschichte und kommentiertes Musterbuch, Nürnberg 2008 ( = Schriften des Spielzeugmuseums Nürnberg, Band VII).
Swantje Köhler: Christian Hacker. Holzspielwaren‐Fabrik in Nürnberg. München 2009.
Jürgen und Marianne Cieslik: Lexikon der deutschen Blechspielzeugindustrie. Jülich 2014.
Helmut Schwarz / Marion Faber: Bewegte Zeiten/ Moving Times. Ernst Paul Lehmann Patentwerk – Geschichte einer Spielwarenfabrik. Nürnberg 2003 ( = Schriften des Spielzeugmuseums Nürnberg, Band V).
Andreas A. Berse: Die Schuco‐Saga. 100 Jahre voller Wunderwerke. Bielefeld 2012.
Vedes (Hrsg.): 75 Jahre Vedes – 75 Jahre spielen. Nürnberg 1979.
Fritz Drescher: Die ersten 25 Jahre der Nürnberger Spielwarenmesse. Bamberg 1976.
Spielwarenmesse Nürnberg.
Zitiervorschlag
Schwarz, Helmut: Spielzeugregion Nürnberg, Manuskript vom Autor abgeschlossen im November 2017; posthum online veröffentlicht am 24. Juni 2026 in: Spirit of Play (Online-Magazin). Spielwarenmesse eG, Nürnberg. Online: https://www.spielwarenmesse.de/de/magazin/toyhistory/helmutschwarz-spielzeugregion-nuernberg (Zugriff: DD. Monat YYYY).
Spielwarenstandort Fürth Zirndorf
Die Nachbarschaft zur Spielzeugstadt Nürnberg begünstigte in Fürth und Zirndorf die Entstehung eines eigenen Spielwarengewerbes. Im Zuge der Industrialisierung entwickelte sich hier ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Spielwarenfabrikation. Parallel hierzu entstanden nach und nach zahlreiche Großhandels‐ und Exportfirmen wie Ullmann & Engelmann, Borgfeldt, Bierer, Eisenmann oder Kohnstam, die den regional erzeugten Spielsachen weltweiten Absatz verschafften.
Zinnfiguren aus Zirndorf
Die Herstellung von Zinnfiguren war einer der charakteristischen Fürther Produktionszweige. Die bekanntesten Firmen auf diesem Gebiet waren Allgeyer, Haffner, Heinrich, Rupprecht und Schildknecht. Bis zum Ersten Weltkrieg verließen Jahr für Jahr Millionen von zivilen Figuren und Zinnsoldaten die Fürther Werkstätten. Nach Kriegsende waren Zinnfiguren als Spielzeug jedoch nicht mehr gefragt, die meisten Offizine mussten schließen.

Blechdrückereien in Zirndorf und Fürth
Nachhaltiger war der Erfolg der zahlreichen Fabrikanten von Blechspielsachen: Von der Gründerzeit in den 1870er Jahren bis zum Niedergang dieser Spielwarengattung etwa 100 Jahre später dominierte in Fürth und Zirndorf die Spielzeugfertigung aus Metall. Dutzende von Blechdrückereien (im Dialekt „Blechbadscher“ genannt) stellten hier eine breite Palette einfacher Spielsachen her: Schlottern, Kreisel, Kindertrompeten, Säbel, Glöckchen, Sandformen, Kinderschmuck, Kochgeschirr. Zu den Zirndorfer Spezialitäten zählten Blech‐ und Brummkreisel, Musikdosen und Sparbüchsen. Die bedeutendsten Firmen waren hier Zimmermann, Bolz, Rohrseitz, Seidel, Fuchs, Wünnerlein und Brandstätter.
Kunststoffe lösen Blechspielzeug ab
Unter den Fürther Herstellern von mechanischem Blechspielzeug ragt das 1881 gegründete Unternehmen Georg Adam Mangold (GAMA) heraus. In der Wirtschaftswunderzeit stieg es mit großformatigen Limousinen und lenkbaren Nutzfahrzeugen zu einem der bedeutendsten deutschen Spielwarenproduzenten auf. Firmeninhaber Hans Mangold war 1949/50 maßgeblich an der Gründung der Nürnberger Spielwarenmesse beteiligt. Andere wichtige Hersteller aus Fürth waren Götz & Sohn (Sommerspielwaren, Puppenartikel, Fahrzeuge), Neuhierl (Rennwagen, Autos, Carrera‐Bahn), Höfler (Schienenbahnen, Autos) und Kleefeld (Spiele). Den Untergang der Blechspielzeugindustrie überlebten nur jene Firmen, die innovative und qualitätvolle Artikel aus Kunststoff herausbrachten. Höchst erfolgreiche Beispiele hierfür sind das BIG Bobby‐Car, die Spielfahrzeuge der Burgfarrnbacher Firma Bruder und vor allem die Playmobil‐Figuren der Zirndorfer Brandstätter‐Gruppe.
Erfolgsgeschichte der Simba-Dickie-Group
Eine weitere Erfolgsgeschichte schrieb in den letzten Jahrzehnten die Simba‐Dickie‐Group. Dieses Unternehmen geht zurück auf den aus dem Erzgebirge stammenden Spielwarenfabrikanten Fritz Sieber, der 1982 mit seinem Sohn Michael in Fürth Simba Toys gründete. Als einer der ersten deutschen Hersteller ließ Simba kostengünstig in Fernost produzieren. Durch zahlreiche Übernahmen (u.a. Dickie, BIG, Schuco, Noris‐Spiele, Eichhorn, Jada) entstand ein breit aufgestelltes Firmenimperium, das heute zu den fünf größten Spielwarenunternehmen Europas zählt. 2013 kaufte die von Michael Sieber und seinem Sohn Florian gegründete Firma Sieper & Sohn GmbH & Co. KG das Göppinger Traditionsunternehmen Märklin mit den dazugehörigen, ehemals Nürnberger Modellbahnmarken Trix und LGB.
[Manuskript vom Autor abgeschlossen im Dezember 2017]
Barbara Ohm: Fürth. Geschichte einer Stadt. Fürth 2007
Erhard Schraudolph: Vom Handwerkerort zur Industriemetropole. Industrialisierung in Fürthvor 1870. Ansbach 1993 ( = Diss. Bayreuth, 1992)
Karl Arnold: Fürther Spielwaren‐Produktion. Hammerer und Kühlwein, Josef Neuhierl, Robert
Rühl, GÖSO. In: Fürther Geschichtsblätter. Jg. 58, Heft 3 (2008), S. 71‐97
Ders.: Vom Blechspielzeug zum Bobby‐Car. Die Metallspielwarenfabrik Johann Höfler Fürth. In:Fürther Geschichtsblätter. Jg. 59, Heft 4 (2009), S. 103‐117
Walter Ley: Fürther Spielwarenhersteller im vergangenen Jahrhundert In: Fürther Geschichtsblätter.Jg. 59, Heft 4 (2009), S. 118‐133
Ulrich Schweizer: GAMA – die Spielzeuge von 1882 bis 1945. Mülheim 2010
Helmut Schwarz: Mut zum Handel(n). Moko – Geschichte des Exporthauses M. Kohnstam &Co. In: Pieter Kohnstam: Mut zum Leben. Eine Familie auf der Flucht in die Freiheit. Würzburg 2016 ( = Franconia Judaica. Bd. 10), S. 183‐262
Sabine Finweg/ Veronika Dorrer: Zirndorf und seine Blechspielzeug‐Industrie. Erfurt 2002
Irmtraud Eberhard: Die Spielwarenindustrie von Zirndorf. In: Mitteilungen der Fränkischen
Geographischen Gesellschaft. Bd. 33/34 (1986/87), S. 383‐402
Martin Schramm (Hrsg.): Spielzeugträume. Die Geschichte der Firma Bruder in Fürth. Eine Ausstellungim Stadtmuseum Fürth Ludwig Erhard. Fürth 2012
Felicitas Bachmann: 30 Jahre Playmobil. Königswinter 2004
Zitiervorschlag
Schwarz, Helmut: Spielzeugstadt Nürnberg, Manuskript vom Autor abgeschlossen im Januar 2017; posthum online veröffentlicht am 22. Juni 2026 in: Spirit of Play (Online-Magazin). Spielwarenmesse Group, Nürnberg. Online: https://www.spielwarenmesse.de/de/magazin/toyhistory/helmutschwarz-spielzeugregion-nuernberg (Zugriff: DD. Monat YYYY).
Über den Autor
Dr. Helmut Schwarz (5. September 1952 - 20. Februar 2022) war Wirtschaftshistoriker und leitete von 1994 bis 2014 das Spielzeugmuseum Nürnberg. Er modernisierte mit seinem Team das Haus, ergänzte den Kinderspielbereich, schuf den Museumsspielplatz mit Café und das virtuelle Depot. Außerdem setzte sich persönlich dafür ein, dass das Deutsche Spielearchiv aus Marburg in Nürnberg ein neues Zuhause fand. Zahlreiche Schriften zur Historie der Spielzeugindustrie entstammten seiner Feder.
Toy History – Die Anfänge der Spielwarenmesse
Toy History – Die Anfänge der Spielwarenmesse
Dr. Helmut Schwarz recherchierte ab 2016 im Auftrag der Spielwarenmesse eG zur Unternehmensgeschichte. Insbesondere arbeitete er die Voraussetzungen und Faktoren heraus, die zur Gründung der Fachmesse in Nürnberg führten. Die von ihm abgeschlossenen Manuskripte veröffentlicht das Messeteam 2026 im Online-Magazin Spirit of Play anlässlich des 75. Jubiläums der Spielwarenmesse und würdigt damit einen bedeutenden Wissensbewahrer der deutschen Spielwaren- und Wirtschaftsgeschichte.
ToyHistory - Reihe: Die Anfänge der Spielwarenmesse
Die Reihe wird aus acht Forschungsbeiträgen und ergänzenden Web-Kurztexten bestehen, die sich mit den Ursprüngen der Spielwarenmesse befassen.
ToyHistory 01: Die Spielzeugregion Nürnberg (siehe oben)
- Web-Kurzfassung: Spielzeugregion Nürnberg (November 2017)
- Web-Kurzfassung:Spielwarenstandort Fürth und Zirndorf (Dezember 2017)
- PDF-Forschungsbeitrag: Spielzeugstadt Nürnberg (Januar 2017)
Ankündigung für 6. Juli 2026: Toy History 02: Wege zum Käufer
Spielwarenhandel in Deutschland bis 1945


