
Spielzeugstädte in Deutschland
ToyHistory: Württemberg und Spielwaren aus Berlin und Brandenburg an der Havel
Vorwort der Redaktion
Anlässlich des 75. Jubiläums der Spielwarenmesse erweitern wir das Spirit of Play Online-Magazin um die Rubrik ToyHistory. Zum Auftakt blicken wir auf die historischen Voraussetzungen zurück, die Nürnberg zum Standort der Weltleitmesse für Spielwaren machten. Die Recherchen stammen vom Wirtschaftshistoriker und ehemaligen Direktor des Spielzeugmuseums Nürnberg, Dr. Helmut Schwarz.
Von Dr. Helmut Schwarz (1952–2022)
Die Württemberger Spielwarenindustrie unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von anderen deutschen Spielzeugregionen. Sie war nicht auf ein relativ kleinräumiges Gebiet konzentriert, Heimarbeit und Hausindustrie spielten hier kaum eine Rolle. Auch das Nebeneinander von Firmen, die – wie in Nürnberg oder Sonneberg – an einem Ort ähnliche Artikel produzieren, fand sich in diesem Teil Deutschlands nie. Stattdessen dominierten wenige, relativ große Unternehmen, die, über ganz Württemberg verteilt, zumeist in gewerbereichen Klein‐ und Mittelstädten angesiedelt waren. Sie produzierten eine breite Palette von Spielwaren aus Holz, Blech, Stoff, Pappe und Papier und sind vielfach noch bis heute aktiv.
Große Bedeutung erlangte im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Herstellung von handlackierten Blechspielwaren in Biberach (Rock & Graner, 1813‐1904), Ellwangen (Ludwig Lutz, 1857‐1891), Böblingen (Kindler & Briel, seit 1895) und vor allem Göppingen (Gebr. Märklin & Cie., seit 1859).

Von einer kleinen Flaschnerei entwickelte sich Märklin, vor allem nach dem Erwerb der Firma Lutz 1891, zu einem der größten Unternehmen der Spielwarenbranche. Schwerpunkte der Produktion bildeten Dampfmaschinen, Antriebsmodelle, Puppenstuben‐ und Küchenzubehör, Schiffe, Flugzeuge, Autos, insbesondere aber Metallbaukästen und Eisenbahnen in unterschiedlichen Spurweiten und Antriebsarten. Dank der hervorragenden Verarbeitung und technischen Perfektion der Produkte behauptete Märklin über Jahrzehnte die Martkführerschaft bei Modelleisenbahnen.
Eine vergleichbare Bedeutung erlangte die 1880 in Giengen a. d. Brenz gegründete Firma Margarete Steiff auf dem Gebiet der Stoffspielwaren. Mit dem Teddybären gelang Richard Steiff 1902 die Entwicklung eines Jahrhundertspielzeugs. Bis heute steht der Name Steiff für hochwertige Plüschtiere, doch hat die Firma zeitweilig auch Filzpuppen, Holzspielzeug, Flugdrachen und Tretroller produziert. Mit Papiertheatern, beweglichen Bilderbüchern und Modellbaubögen aus Karton erwarb sich der 1831 in Esslingen gegründete Verlag J. F. Schreiber einen guten Ruf. Ravensburger Spiele haben seit langem eine hervorragende Stellung auf dem internationalen Spielemarkt. 1883 gründete Otto Maier in Ravensburg einen Verlag, der neben Vorlagenmappen für Handwerker, Ratgebern und Kinderbüchern von Anfang an auch Bildungs- und Familienspiele im Sortiment führte. Spieleklassiker wie „Memory“, „Malefiz“, zahlreiche prämierte „Spiele des Jahres“ sowie ungezählte Puzzles ließen Ravensburger nach dem Zweiten Weltkrieg zum größten deutschen Spielehersteller aufsteigen. Ein weiteres erfolgreiches Spieleunternehmen ist der Stuttgarter Kosmos‐Verlag („Siedler von Catan“), der auf die 1822 gegründete Franckh’sche Verlagshandlung zurückgeht. Mit der zunehmenden Ausrichtung auf Sachbücher ging die Entwicklung von Spielen sowie des neuen Spielzeugtypus Experimentierkasten einher. Mithilfe der Kosmos‐Kästen erkunden Kinder seit den 1920er Jahren auf spielerische Weise die Wunder der Naturwissenschaft und Technik. Spiele standen auch am Anfang des Unternehmens , das von 1904 bis 1936 in Ludwigsburg ansässig war. Hausser stellte auch Holz‐ und Blechspielwaren her, wurde aber vor allem durch Massefiguren der Marke Elastolin bekannt. Mit Biege‐ und Aufstellfiguren aus Plastik konnte sich die 1935 in Schwäbisch Gmünd gegründete Firma Schleich in den letzten Jahrzehnten einen Spitzenplatz unter den deutschen Spielwarenherstellern sichern.
[Das Manuskript schloss Autor Dr. Helmut Schwarz im November 2017 ab.]
Literaturhinweise
Julius Kurz: Württemberg und seine Spielwarenindustrie. In: Deutsche Spielwaren‐Zeitung. II. Januarheft 1931, S. 21‐27
Christian Väterlein: Blechspielzeug aus Württemberg. In: Die Welt aus Blech. Mechanisches Spielzeug aus zwei Jahrhunderten. Mainz 1981, S. 70‐96
Alte Spielsachen. Schloßmuseum Aulendorf. Zweigmuseum des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart. Begleitbuch von Dieter Büchner, Andrea Tietze und Christian Väterlein. Stuttgart 1997
Friedrich Salzmann: Die geschichtliche Entwicklung der Firma Kindler & Briel. In: Broder‐Heinrich Christiansen/ Ulf Leinweber (Hrsg.): Auto, Lok und Dampfmaschine. Technische Spielware des 19. und 20. Jahrhunderts. Kassel 1984, S. 46‐59
Jürgen und Marianne Cieslik: Knopf im Ohr. Die Geschichte des Teddybären und seiner Freunde. Jülich 1989
Günther Pfeiffer: 125 Jahre Steiff‐Firmengeschichte – die Margarete‐Steiff‐GmbH. Königswinter 2005
Klaus Eckert (Hrsg.): Die Legende lebt: Geschichte, Menschen, Modelle. 150 Jahre Märklin. Augsburg/ Essen 2011
Götz Adriani/ Roland Gaugele (Hrsg.): Dem Spiel auf der Spur – Mythos Modelleisenbahn. Ostfildern‐Ruit 2003 ( = Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen, 15.11.2003‐15.2.2004)
Otto Borst: Ein Stück deutscher Kulturgeschichte. Dem Verlag J. F. Schreiber zum einhundertfünfzigsten Geburtstag. Esslingen o. J.
Otto Rundel: Otto‐Maier‐Verlag Ravensburg 1883 – 1983. 100 Jahre Verlagsarbeit. Ravensburg 1983
Reggie Polaine: Die Geschichte von Hausser‐Elastolin. Neustadt b. Coburg 1978
Zitiervorschlag
Schwarz, Helmut: Spielzeugregion Württemberg, Manuskript vom Autor abgeschlossen im November 2017; posthum online veröffentlicht am 20. Juli 2026 in: Spirit of Play Online-Magazin. Spielwarenmesse Group, Nürnberg. Online: www.spielwarenmesse.de/de/magazin/toyhistory/helmutschwarz-spielzeugstaedte/ (Zugriff: DD. Monat YYYY).
Spielwaren aus Berlin und Brandenburg a. d. Havel
Von Dr. Helmut Schwarz (1952–2022)
In den beiden Städten Berlin und Brandenburg an der Havel begann die Produktion von Spielwaren im größeren Maßstab erst nach 1871. Denn mit der Reichsgründung setzte eine allgemeine wirtschaftliche Expansion ein. Vor dem Hintergrund der übermächtigen Konkurrenz aus den klassischen Spielwarenregionen, gelang es vor allem in Berlin nur relativ wenigen Firmen, sich über einen längeren Zeitraum auf dem Markt zu behaupten.
Spielwaren aus Berlin

Hierzu zählt neben dem Zinnspielwarenhersteller Gerhard Söhlke (gegr. 1819) vor allem der aus einem Buchverlag hervorgegangene Spielefabrikant Anton Sala. Unter der Marke Rotsiegel‐Spiele erlangten seine hervorragend ausgestatteten Gesellschafts‐, Karten‐ und Beschäftigungsspiele bis zum Ersten Weltkrieg eine herausragende Stellung auf dem Spielesektor. Ähnliches gilt für den überaus erfolgreichen Metallbaukasten von Walther & Co. unter der Marke Stabil. Ein durchdachtes System, die hohe Verarbeitungsqualität und geschickte Vermarktungsstrategien ließen den 1904 erstmals vorgestellten Stabil‐Baukasten in weiten Teilen Deutschlands geradezu zum Synonym für das beliebteste technische Bauspielzeug des 20. Jahrhunderts werden.
Während die Produktion des Stabil‐Baukastens in den 1970er Jahren eingestellt wurde, behielten die Modelle der Marke Wiking bis heute ihren guten Ruf. 1932 begann Firmengründer Friedrich Peltzer in Berlin mit der Produktion von Schiffs‐ und Flugzeugmodellen aus Metall, bald auch aus Kunststoff. Hauptabnehmer war das Militär, das die Wiking‐Modelle für Schulungszwecke einsetzte. Mit der Motorisierungswelle der Wirtschaftswunderjahre avancierten vor allem die kleinen Plastik‐Verkehrsmodelle zu außerordentlich beliebten Spielzeugen. Nach dem Tod des Firmengründers 1981 ging das Unternehmen an die Sieper‐Gruppe über, die bis heute – aber nicht mehr in Berlin – Wiking‐Modelle produziert.
Blechspielwaren aus der Stadt Brandenburg
Ab den 1880er Jahren entwickelte sich die Stadt Brandenburg zu einem Zentrum der deutschen Blechspielwarenherstellung. Mit ihren originellen mechanischen Blechspielzeugen errang insbesondere das 1881 gegründete Ernst Paul Lehmann Patentwerk internationale Berühmtheit. Seine Autos, Lastwagen, Luftschiffe und eine Fülle von witzig bewegten Tier‐ und Menschenfiguren begeisterten über Jahrzehnte hinweg Kinder in aller Welt. In den besten Zeiten waren bei Lehmann mehr als 1000 Personen beschäftigt.

Großer Beliebtheit erfreuten sich auch die sorgfältig modellierten und bemalten Masse‐Figuren der 1906 von Oskar Wiederholz gegründeten Lineol AG. Tiere, Ritter und vor allem Soldaten standen in Zentrum des Lineol‐Sortiments, das in der NS‐Zeit – auch durch die Produktion von Militärfahrzeugen aller Art – sehr kriegerisch ausgerichtet war. Nach 1945 wurden die Brandenburger Spielwarenfirmen verstaatlicht und in „Volkseigene Betriebe“ umgewandelt. Den enteigneten Besitzern des E. P. Lehmann Patentwerks gelang in Nürnberg ein schwieriger, aber letztlich erfolgreicher Neuanfang. Auf dem angestammten Lehmann‐Gelände setzte das Nachfolgeunternehmen, der VEB Mechanische Spielwaren Brandenburg, die Produktion fort und wurde zum größten Blechspielzeughersteller der DDR. Im Zuge der Wiedervereinigung kam 1990 das Ende für den Betrieb. Da dem anschließenden Versuch einer Reprivatisierung kein Erfolg beschieden war, endete 1992 über ein Jahrhundert Brandenburger Spielwarengeschichte.
[Das Manuskript schloss Autor Dr. Helmut Schwarz im Dezember 2017 ab.]
Literaturhinweise
Ignacio Czeguhn/ Erhard Schraudolph: Gerhard Söhlke: Musterbuch für Spielzeug und Zinnfiguren. Berlin, um 1856. Bremen 2006
Rudolf Rühle: Vom Luxus zum Dumping – Sala‐Spiele. In: Spielbox. Heft 5 (2003), S. 40 f.
Werner Sticht: Spiel mit „Stabil“. In: Joseph Hoppe/ Bernd Lüke/ Stefan Poser (Hrsg.): Spiel mit Technik. Katalog zur Ausstellung im Deutschen Technikmuseum Berlin 3.11.2006 – 29.4.2007). Leipzig 2006, S. 68‐78
Helmut Schwarz/ Ansgar Henze/ Marion Faber: Eisenzeit. Geschichte des Metallbaukastens. Nürnberg 1995 ( = Schriften des Spielzeugmuseums Nürnberg, Band I), bes. S. 44‐47, 164‐171
Ulrich Biene: Wiking Autoträume. 85 Jahre Miniaturen zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Bielefeld 2017
Helmut Schwarz / Marion Faber: Bewegte Zeiten/ Moving Times. Ernst Paul Lehmann Patentwerk – Geschichte einer Spielwarenfabrik. Nürnberg 2003 ( = Schriften des Spielzeugmuseums Nürnberg, Band V)
Hans Schulte‐Kellinghaus / Katharina Kreschel: Die Anderen Brandenburger. Geschichte und Spielzeuge der Firmen Reil & Metz, Metz & Duncker, Tellus‐Werke, Gundka‐Werk (Greppert und Kelch), Reil & Co., Oro Werke. Hilden 2007
Katharina Kreschel: Brandenburger Blechspielwaren – die Firmen und ihre Produkte. In: Gerd Heinrich (Hrsg.): Stahl und Brennabor. Die Stadt Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert. Potsdam 1998, S. 481‐509
Gerd Heinrich: Ritter und Soldaten. Aufstieg und Fall der Lineol‐Werke Oskar Wiederholz. In: ders. (Hrsg.): Stahl und Brennabor. Die Stadt Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert. Potsdam 1998, S. 457‐479
Ernst Schnug: Kleine Geschichte der Massefigur. In: Staatliche Kunstsammlungen Kassel (Hrsg.): Die kleine Figur. Geschichte in Masse und Zinn. Kassel 1985
Dennis Fontana: The War Toys / Kriegsspielzeug. The Story of Lineol / Die Geschichten von Lineol. London 1991
Zitiervorschlag
Schwarz, Helmut: Spielwaren aus Berlin und Brandenburg a. d. Havel, Manuskript vom Autor abgeschlossen im Januar 2017; posthum online veröffentlicht am 20.07.2026 in: Spirit of Play Online-Magazin. Spielwarenmesse Group, Nürnberg. Online: https://www.spielwarenmesse.de/de/magazin/toyhistory/helmutschwarz-spielzeugstaedte/ (Zugriff: DD. Monat YYYY).
Über den Autor
Dr. Helmut Schwarz (5. September 1952 - 20. Februar 2022) war Wirtschaftshistoriker und leitete von 1994 bis 2014 das Spielzeugmuseum Nürnberg. Er modernisierte mit seinem Team das Haus, ergänzte den Kinderspielbereich, schuf den Museumsspielplatz mit Café und das virtuelle Depot. Außerdem setzte sich persönlich dafür ein, dass das Deutsche Spielearchiv aus Marburg in Nürnberg ein neues Zuhause fand. Zahlreiche Schriften zur Historie der Spielzeugindustrie entstammten seiner Feder.
Toy History – Die Anfänge der Spielwarenmesse
Dr. Helmut Schwarz recherchierte ab 2016 im Auftrag der Spielwarenmesse eG zur Unternehmensgeschichte. Insbesondere arbeitete er die Voraussetzungen und Faktoren heraus, die zur Gründung der Fachmesse in Nürnberg führten. Die von ihm abgeschlossenen Manuskripte veröffentlicht das Messeteam 2026 im Online-Magazin Spirit of Play anlässlich des 75. Jubiläums der Spielwarenmesse und würdigt damit einen bedeutenden Wissensbewahrer der deutschen Spielwaren- und Wirtschaftsgeschichte.
Die Reihe im Überblick
Die Reihe wird aus neun Web-Kurztexten und sieben Forschungsbeiträgen bestehen, die sich mit den Ursprüngen der Spielwarenmesse befassen.
ToyHistory 01: Die Spielzeugregion Nürnberg | 24. Juni 2026
- Web-Kurzfassung: Spielzeugregion Nürnberg (November 2017)
- Web-Kurzfassung: Spielwarenstandort Fürth und Zirndorf (s.u.) (Dezember 2017)
- PDF-Fachartikel: Spielzeugstadt Nürnberg (Januar 2017)
Toy History 02: Spielzeugregionen in Deutschland (siehe oben)
Thüringen – Sächsisches Erzgebirge
- Web-Kurzfassung: Spielzeugregion Thüringen (November 2017)
- Web-Kurzfassung: Spielwaren aus dem sächsischen Erzgebirge (s.u.) (November 2017)
Ankündigung für 27. Juli 2026: Toy History 03: Spielzeugregionen in Deutschland
Württemberg - Berlin und Brandenburg an der Havel
Toy History 03: Spielzeugstädte in Deutschland | 20. Juli 2026
Württemberg – Berlin und Brandenburg an der Havel
- Web-Kurzfassung: Spielzeugregion Württemberg (November 2017)
- Web-Kurzfassung: Spielwaren aus Berlin und Brandenburg a. d. Havel (s.u.) (Dezember 2017)
Ankündigung für 10. August 2026: Toy History 04: Wege zum Käufer
Spielwarenhandel in Deutschland bis 1945
Tauche noch tiefer ein in die Geschichte der Spielwarenindustrie: Das weltberühmte Spielzeugmuseum zeigt auf 1.400 Quadratmetern Fläche die Welt im Kleinen mit einer Fülle außergewöhnlicher Exponate von der Antike bis zur Gegenwart. Neben einem fantasievoll gestalteten Kinderbereich im Dachgeschoss locken auch ein großer Spielplatz im Freien und das Museumscafé im Innenhof.
Ort: Spielzeugmuseum Nürnberg, Karlstrasse 13-15, 90403 Nürnberg
Ausstellung: Games-Geschichte(n) 20. Februar bis 13. September 2026
Zur Webseite Spielzeugmuseum Nürnberg


