
Modellautos: Vollgas mit Fantasie
So gelingt der Restart im Kinderzimmer
Von Andreas A. Berse
Die Modellbranche möchte den Nachwuchs mobilisieren. Welche Ideen lassen die verkleinerten Flitzer im Kinderzimmer Gas geben? Wie kommen die Renner wieder auf die Erfolgsspur? Es ist ganz einfach!
Für Niko Sieper ist die Sache klar: „Wenn die Damen und Herren Produktentwickler mal dahin gingen, wo Modellautos verkauft werden, hätten sie gleich bessere Ideen für ihre junge Kundschaft.“ Diese Diagnose hat mindestens europäisches Format: Sieper ist der Modellauto-Chefverkäufer beim Modellcenter Hünerbein in Aachen, im modellautomobilen Dreiländer-Eck, spricht also auch für Kundschaft aus Belgien und den Niederlanden.

Und siehe da: „Die Kinder faszinieren ganz ähnliche Dinge. Wir haben zum Beispiel bei unserem Tag der offenen Tür einen Wettbewerb zum Bemalen mit weißen Wiking-Autos gestartet. Und es war ein voller Erfolg. Aber: Spezielle Produkte für solch eine Idee gibt es bei Wiking gar nicht.“ Doch der Wettbewerb funktionierte prima. Insbesondere, weil auch Mädchen mit Begeisterung den „Wikingern“ neue Dekorationen verpassten. Sieper: „Wenn ich Wiking vorher mitgeteilt hätte, was wir mit den Modellen vorhatten, hätten die Kollegen wahrscheinlich erst einmal mit dem Kopf geschüttelt.“ Merke: Probieren geht über Studieren. Nicht nur beim Nachwuchs, auch bei alten Modellauto-Hasen aus dem Verkauf.
1:87 ist für den Experten aus Aachen ohnehin selten die Baugröße, mit der die Autoleidenschaft en miniature startet. Einen anderen Maßstab hat Sieper dagegen ganz besonders im Auge: „Der bewährte Hot-Wheels-Maßstab 1:64 ist für die gelungene Nachwuchspflege ausgesprochen wichtig. Damit fangen viele Kids an und entdecken dann etwas später die tollen Sammel-Miniaturen von Mini GT, die auch in 1:64 an den Start gehen.“ Da hört der Mann aus Aachen häufig einen Satz: „Die sind aber ganz was anderes als Spielzeug: Das ist ja was zum Sammeln.“ My first 1:64er statt my first Sony! Genau so bekommt die Branche Modellautos wieder ins Kinderzimmer und zieht die Sammler von morgen magisch an.
Mini GT

Hinter Mini GT versteckt sich Glen Chou. Das Label gründete der Taiwan-Chinese, der jetzt in Amerika lebt, 2007. Heute verkauft er im Jahr unter diesem Namen über 20 Millionen Modelle. Sein Konzept: hochwertig dekorierte Miniaturen, die einerseits sammelwürdig sind, aber andererseits nur zwischen zwölf und 20 Euro kosten. Der Boom, der fast schon ein Tsunami ist, kommt aus Asien und schwappt jetzt rüber nach Europa. Chou, der die Machart in diesem Maßstab revolutioniert hat, ist clever: „Kinder sind für unser Label die Zukunft, und deshalb gibt es in unserem Flag-Store in Taipee auch einen Bereich, in dem der Nachwuchs nach Herzenslust mit den Modellen spielen kann.“ Denn: Das sind die Sammler von morgen.
Das tolle Preis-Leistungs-Verhältnis macht riesige Auflagen möglich: Vom grünen Renn-Porsche 911 GT3-R im „Dinosaurier-Look“ hat Chou bisher schon über 350.000 Stück verkauft. Nach einem einzigen Vorbild, wohlgemerkt. Der Experte: „Langsam wird dieser Maßstab auch in Europa interessant. Hier haben ja auch Matchbox und Hot Wheels als Spielzeugautos eine lange Tradition, und Majorette auch.“
Majorette

Bei Majorette die Firma ist ebenfalls ein Big Player im Bereich 1:64 – können die Kinder auch unter die Konstrukteure gehen. Im Europa-Park Rust steht eine der „Build Your Car Factorys“, die diese ursprünglich französische Firma entwickelt hat. Dort können sich Kinder ihre eigenen Autos bauen und eine Auswahl an Karosserien, Inneneinrichtungen, Felgen und Chassis in verschiedenen Farben nach ihrem Geschmack selber zusammenstecken. Markus Hirsch von der Simba Dickie Group aus Fürth, der Majorette mittlerweile gehört: „Diese Idee hat großen Erfolg. Die Kinder so einzubinden, baut eine ganz neue Beziehung zum Modellauto auf. Wir haben die Idee auch schon an unserem Stand auf der Motor Show in Essen eingesetzt und bei anderen Events.“ Übrigens: Sobald Kreativität im Spiel ist, lassen sich auch Mädchen für das Thema begeistern. Weitere dieser Majorette-Hotspots für den Eigenbau gab es in der Galerie Lafayette in Paris, einen Steinwurf vom Eiffelturm entfernt, in Italien und Polen. Die Idee ist global erfolgreich unterwegs.
Jada Toys
Auch die US-Brand Jada Toys gehört zur Simba Dickie Group. Und die letztgenannte Marke aus Kalifornien ist in Sachen Nachwuchspflege gleichfalls mit Vollgas unterwegs. CEO Bill Simons verknüpft bei Jada Toys Modellautos mit Zeichentrick- und Action-Figuren, die jeder kennt. Schwammkopf SpongeBob lenkt in der Unterwasser-Fantasiewelt Bikini Bottomeinen knackigen, gelben Ford Bronco als Klassiker.

Simmons: „Dass der unter Wasser gar nicht fahren kann, interessiert nicht. Kinder leben von ihrer Fantasie, ihrer Imagination.“ Der Spielkonsolen-Igel Sonic ist da rasanter unterwegs. Dem Helden aus der Sega-Welt spendiert Jada Toys einen blauen Lamborghini Veneno mit passender Deko und Figur. Lightning McQueen aus den Cars-Filmen darf ebenso wenig fehlen wie der Toyota Supra aus Fast & Furious als 1:24-Modell. Große, publikumsstarke Themen wie Back to the Future oder Batman haben die Kinder in der Familie mit kennengelernt. Auch die funktionieren, um sie für Modellautos zu begeistern. Fast so gut wie SpongeBob und Sonic. Und dann kommt der entscheidende Satz von Simmons: „Der Weg zum Modellautosammler führt über den Dad. Aber, und das ist neu: Das kann auch bei Mädchen klappen!“
PS.SPEICHER
Wie man die Fantasie der Kinder anregen kann, darüber haben sich Experten auch im niedersächsischen Einbeck Gedanken gemacht und daraus eine Dauerausstellung für den dortigen PS.Speicher entwickelt, die im November 2025 eröffnet wurde. Sie wirkt wie ein Kaleidoskop zum Thema Modellauto. Matthias Kaluza, der den PS.Speicher, Europas größte Oldtimer-Sammlung, vor etwas mehr als zehn Jahren aufgebaut hat, zur neuen Dauerausstellung Sammlung Modellfahrzeuge: „Wir haben uns überlegt, wie wir das Thema Modellautos Familien präsentieren können, denn die sind neben Schulklassen unsere wichtigste Zielgruppe.“

Im Eingangsbereich erwartet die Besucher eine Wolkenkratzer-Landschaft mit einem Highway, auf dem kleine Modellautos in 1:43 fahren. In den Fenstern der Gebäude parken ganz unterschiedliche Modelle in kunterbunter Mischung. Kaluza: „Wir wollen zeigen, was Modellautos alles können, bis hin zu Aerodynamik-Miniaturen in 1:5, die für Designer so wichtig sind. Die Wolkenkratzer sollen etwas an den Kino-Film Metropolis von Fritz Lang erinnern. Für das Farbkonzept habe ich mich von Wassily Kandinskys Art der Malerei inspirieren lassen.“ Den Input und die Informationstiefe liefern QR-Codes. Und es gibt interaktive Elemente, die viel Wissenswertes über die Geschichte des Modellautos erzählen.
Ein Besucher, der uns am Eröffnungstag begegnet und Papa ist: „Da hat der Nachwuchs gleich Spaß am Modellauto. Und ich selber könnte einen ganzen Tag in der Ausstellung herumlaufen und würde immer noch etwas Neues entdecken. Klasse!“ Jan Kalbfleisch, Geschäftsführer des PS.Speichers in Einbeck: „Obwohl diese Ausstellung in der Machart sehr ungewöhnlich ist, fügt sie sich harmonisch in das Gesamtkonzept unserer Location ein. Das gefällt mir ganz besonders.“
Die Antwort, wie man das Thema Modellauto wieder in die Kinderzimmer bekommt, ist also ganz einfach: Mit jeder Menge Fantasie!
Produktgruppe Modellbau und Modelleisenbahn auf der Spielwarenmesse 2027
Als zentrale Branchenplattform der Spielwarenwelt bietet die Spielwarenmesse in Nürnberg Ausstellern die Möglichkeit, Modellfahrzeuge einem breitgefächerten Fachpublikum vorzustellen. Hier können Neuheiten präsentiert, die Reichweite erhöht und wertvolle Kontakte geknüpft werden. Werden Sie Teil der Spielwarenmesse 2027 und sichern Sie sich Ihren Platz im Zentrum der Branche!
Weitere Informationen zur Produktgruppe Modellbau und Modelleisenbahn
Über den Autor
Andreas A. Berse ist M.A. der Kommunikationswissenschaften und entwickelte die Fachzeitschrift MODELL FAHRZEUG, das führende europäische Magazin für Autominiaturen. 2007 wechselte die Zeitschrift zu Delius Klasing. Bei diesem Verlag veröffentlichte Berse auch den Roman Borgward lebt, und die Firmen-Chroniken der Big Player im Spielzeugmarkt über Schuco, Carrera und Revell.


