
Vom „Glück der Erde“ aus Holz, Stoff und jeder Menge Freude
Pferdesport in Spiel und Spielzeug
Von Peter Thomas
Springen, Dressur, Western: Bei der ersten Europameisterschaft im Hobby Horsing in Prag standen im Juni 2026 alle Disziplinen dieses spielerischen Sports auf dem Programm. Die EM war der jüngste Höhepunkt dieser Erfolgsgeschichte zum Thema Pferdesport in Spiel und Spielzeug. In der Branche hat sich ein ganzes Segment dazu entwickelt, attraktiv für Hersteller und Handel.

Volle Konzentration, die Zügel sind leicht gestrafft, der Parcours mit den Steilsprunghindernissen ist genau vorgehen. Dann das Startsignal – Reiterin und Pferd setzen sich in Bewegung. Die Augen der Richter folgen jeder Bewegung: Wie sind die Sprünge ausgeführt? Wie sieht die Körperhaltung aus, gelingt der Handwechsel? Nein, die Szene findet nicht bei einem klassischen Reitturnier statt, sondern einem Wettbewerb im Hobby Horsing. Der Sport greift das Prinzip des Steckenpferds auf und verbindet das Spielzeug mit der Faszination des großen Reitsports.
Längst hat sich Hobby Horsing vom Nischensport zu einem internationalen Phänomen entwickelt. Allein für Deutschland gibt Andreas Karasek, Präsident des Deutschen Hobby Horsing Verbands (DtHHV), die Zahl der aktiven Sportlerinnen und Sportler mit weit über 10.000 an. Der Schwerpunkt liege auf der Altersgruppe zwischen zwölf und 15 Jahren. Dazu gehört ein lebendiges Ökosystem mit Vereinen, Trainingscamps, Wettbewerben – und mit entsprechenden Produkten. Ein erster Höhepunkt der Veranstaltungen für die Szene 2026 waren die Deutschen Meisterschaften in Frankfurt am Main mit mehr als 1.000 Aktiven und Wettbewerben in zahlreichen Disziplinen. Im Juni folgte dann die Premiere der Europameisterschaft in Prag mit entsprechender internationaler Sichtbarkeit.
Lange Traditionslinie
Steckenpferde sind keineswegs neue Spielzeuge: Ihre Geschichte lässt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen, selbst aus der Antike gibt es eine entsprechende Überlieferung. Das verwundert nicht, schließlich spielte das Reittier Pferd seit seiner Domestizierung vor rund 5.000 Jahren bis ins 19. Jahrhundert hinein eine Schlüsselrolle für die menschliche Mobilität als Reit- und Kutschpferd sowie als Antriebskraft für die Landwirtschaft. Im Kinderspiel wurden diese Funktionen mit verschiedenen Spielmitteln und Spielwaren nachgeahmt: Schaukelpferde gehören ebenso zu den Klassikern dazu wie Spielzeugpferde aus Holz und anderen Materialien – und natürlich die Steckenpferde. Der Begriff hat sich in verschiedenen Sprachen als Umschreibung von mit großem Engagement betriebenen Freizeitbeschäftigungen etabliert. Im Deutschen klingt „Steckenpferd“ in dieser Bedeutung zwar etwas staubig. Aber das englische „hobby“ als Kurzform von „hobby horse“ wird weltweit als Überbegriff von Sport und Spiel verstanden.

Heute gehören Pferdeminiaturen nach wie vor zu beliebten Tierfiguren: von der großen Palette der wirklichkeitsgetreuen Kunststoffpferde von Schleich über die schön abstrahierten Holzpferde von Ostheimer bis zu Systemen für das Rollenspiel wie Playmobil und Produkte zahlreicher anderer Hersteller. Auf der Internationalen Spielwarenmesse 2026 war die ganze Bandbreite des Angebots zum Thema Pferd im Spielwarenbereich zu entdecken. Das Angebot reicht bis zu mechanischen Simulatoren für das Reiten, wie sie zum Beispiel Ponycycle in Nürnberg auch für Erwachsene vorgestellt hat. Der Reiz an dieser spielerischen Nachahmung des Reitens hat eine große Tradition in Form aufwendig gestalteter Karussells. Die Fahrgeschäfte griffen höfische Reiterspiele auf und machten sie einem bürgerlichen Publikum zugänglich. Das älteste betriebsfähig erhaltene Karussell Europas steht in Hanau (Hessen) und ist mit einer Reihe besonders qualitätvoller Pferde ausgestattet. Diese „Dresdner Paradepferde“ dürfen heute aus konservatorischen Gründen nicht mehr geritten werden, man kann sie aber bequem in einer Kutsche sitzend bestaunen, wenn das Karussell sich dreht.
Vom Pferdesport zum Hobby Horsing

Ein Steckenpferd besteht typischerweise aus einem stabförmigen Körper und einem Pferdekopf – oft mit Holzgriffen. Beim Hobby Horsing kommt eine reduzierte Form des Spielzeugs ohne solche Griffe zum Einsatz, das Pferd wird stattdessen mit Zügel und Griff am Körper geführt. Entstanden ist der Sport als Freizeitphänomen in Skandinavien in den frühen 2000er-Jahren. Hier trafen sich die Faszination für das klassische Kinderspiel mit den neuen Möglichkeiten des digitalen Austauschs. Während digitale und soziale Medien an Fahrt aufnahmen, wuchs auch die Szene des Hobby Horsing. Meisterschaften gibt es zum Beispiel in Finnland schon seit 2012. Der Schritt vom spielerischen Internetphänomen zum Sport mit Regeln, Training und Meisterschaften ging einher mit der Nachfrage nach Pferden und dem kompletten Zubehör vom Zaumzeug bis zur Box. Das entsprechende Know-how für den „großen“ Reitsport hatte der auf den Freizeitreitsport fokussierte Ausstatter HKM Sports Equipment aus Neuenhaus in Niedersachsen bereits. Das Unternehmen setzte früh auf den Trend Hobby Horsing und übertrug erfolgreich sein Sortiment. Geschäftsführer Orlando Roque sagt, dass man „nahezu jedes Produkt, das es für das Großpferd gibt“, auch in eine Miniaturversion für das Hobby Horsing übertragen könne. Hier profitiert die Branche davon, dass der spielerische Sport sich sehr eng an die Regeln des realen Reitsports anlehnt. Das aktuelle Sortiment zum Hobby Horsing bei HKM umfasst derzeit mehr als 100 Artikel, darunter sind allein 23 verschiedene Pferde. Zu den Bestsellern des Anbieters gehört das erste Hobby Horse, das 2021 auf den Markt kam. Stark nachgefragt sind außerdem Sprunghindernisse für den Außenbereich. Das komplette Angebot mit Zaumzeug, Deko, Aufbewahrung und Pflege rundet das Spiel ab. Hier überschneiden sich Sport, Rollenspiel und Sammeln.
Erfolgreiches Medienthema
Vielfalt prägt das Hobby Horsing: Der Sport ist im privaten Bereich ebenso präsent wie in der organisierten Form mit Vereinen, Regeln und Meisterschaften. Aber auch die Branche zeigt sich ausdifferenziert. Das ist bei Veranstaltungen vom regionalen Trainingslager bis zu den Meisterschaften im Spitzensegment zu sehen. Denn zum Rahmenprogramm gehören stets zahlreiche Stände von Herstellern und Händlern. Darunter sind große Marken genauso wie Einzelunternehmen, die auf handgefertigte Stücke setzen. Sowieso spielt das Thema Individualisierung des eigenen Hobby Horse und des Zubehörs eine wichtige Rolle. Das Thema hat auch den Sprung von den digitalen Medien in klassische Formate geschafft. Im Kosmos-Verlag beispielsweise erscheint die Reihe „Die Hobby-Horsing Kids“ für Leserinnen und Leser ab sieben Jahren. Die Auswahl von Ratgeberbüchern zum Sport ist sowieso groß.
Segment für die Zukunft
Vereine, Verbände und die Branche der Hersteller blicken zufrieden auf die derzeitige Entwicklung des Hobby Horsing. HKM beispielsweise bestätigt, dass für die Kundinnen und Kunden Turnierformate und Meisterschaften immer wichtiger werden. Damit etabliert sich neben dem Spieltrend die strukturierte Freizeitaktivität mit festen Plattformen und Wettbewerbscharakter. Das bietet interessantes Wachstumspotenzial für das Thema im Spielwarenhandel. Aber auch eine andere Branche profitiert, sagt HKM-Geschäftsführer Orlando Roque: Der klassische Reitsportfachhandel habe sich ebenfalls als wichtiger Vertriebskanal für den Sport etabliert. Die Faszination vom „Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde“ findet hier sachkundige Beratung für Hobby Horsing ebenso wie den „großen“ Pferdesport.
Über den Autor
Geschichten über Technik und Menschen erzählen: Das fasziniert Peter Thomas, den Journalisten, Autor, Kulturwissenschaftler und Dozenten, schon seit mehr als 30 Jahren. Technisches Spielzeug steht dabei immer wieder im Fokus, vom Baukasten bis zu interaktiven digitalen Lernspielzeugen. Nach Studium und Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität schreibt Peter Thomas für Tageszeitungen, Magazine und Unternehmenspublikationen im deutschen und englischen Sprachraum. Seine Schwerpunkte neben der Welt des Spiels sind Mobilitäts-, Sicherheits-, Energie- und Medizintechnik.


