
Spieleerfinder: Die unterschätzten Köpfe hinter den großen Marken
Von Steve Reece
Die Spielwarenbranche hat ein Geheimnis, das den meisten Verbrauchern verborgen bleibt: Die größten, kultigsten, langlebigsten und kommerziell erfolgreichsten Marken unserer Branche stammen in der Regel gar nicht von dem Unternehmen, das sie verkauft.
Es gibt eine Vielzahl professioneller Spielzeug- und Spieleerfinder, die der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind. Wären sie Bestsellerautoren, sähe das ganz anders aus. Tatsächlich wird selbst der Erfinder hinter den ikonischsten Spielzeugen und Spielen kaum je namentlich erwähnt. Das ist nicht nur unfair, sondern auch eine verpasste Chance: Viele Unternehmen verschenken das Potenzial, aus der Geschichte und der Persönlichkeit des ursprünglichen Erfinders eine wirkungsvolle Markenerzählung zu entwickeln.
Warum entwickeln Spielwarenunternehmen nicht einfach alles selbst?

Die naheliegende Frage, die meist vom Finanzchef gestellt wird, der die vierteljährlichen Lizenzzahlungen an Erfinder nur ungern abzeichnet, lautet: Warum schaffen Unternehmen diese großen Innovationen nicht selbst, und wozu brauchen sie überhaupt externe Erfinder? Die Antwort hat mehrere Facetten.
Zum einen neigen Unternehmen dazu, ihre kreative Arbeit selbst einzuschränken und an dem auszurichten, wofür sie bekannt sind und was sich gut verkauft. Externe Kreative ohne Unternehmensstrukturen und interne Vorgaben unterliegen diesen Beschränkungen nicht. Sie entwickeln in der Regel etwas, von dem sie überzeugt sind, dass es beim Endverbraucher ankommt, und suchen dann ein Unternehmen, das ihre Vision teilt. Auf diese Weise führt eine externe Idee oft viel leichter zu einer großen neuen Initiative als ein intern entwickeltes Konzept.
Zum anderen arbeiten die meisten Spielwarenunternehmen mit schlanken Personalstrukturen. Produktentwicklungsteams sind in der Regel so stark mit der laufenden Entwicklung neuer Produkte ausgelastet, dass ihnen schlicht die Zeit und der Freiraum fehlen, um kontinuierlich kreativ zu brainstormen. Überlastete interne Teams haben zudem kaum Kapazitäten für die erste Hälfte von „Forschung und Entwicklung", nämlich die Forschung. Es gibt immer eine nächste Designfrist, immer einen nächsten Produktionsstart und immer das nächste Meeting. Und so sehr die Finanzabteilung die Lizenzgebühren auch scheuen mag: Lizenzgebühren fallen nur an, wenn etwas verkauft wird. Man zahlt also erfolgsabhängig, während interne Personalkosten unabhängig davon anfallen, ob ein Produkt Umsatz generiert oder nicht.
Wie das Geschäft des Erfindens funktioniert

Das typische Geschäftsmodell von Erfindern in der Spielwarenbranche sieht anders aus, als man vielleicht vermuten würde. Nur eine überschaubare Zahl von Erfindern kann allein von den Einnahmen bereits lizenzierter Produkte leben, und noch weniger können sich ausschließlich auf einen einzigen Klassiker stützen, der sich seit Jahren in großen Stückzahlen verkauft. Diese wenigen bilden die absolute Spitze der Pyramide. Der Rest besteht größtenteils aus Kreativen, die den Großteil ihrer Arbeitszeit mit Auftragsarbeiten verbringen, bei denen sie auf freiberuflicher Basis Konzepte für Spielwarenunternehmen ausarbeiten oder weiterentwickeln. Daneben betreiben sie das Erfinden als Nebenprojekt, das sich gut mit den Auftragsprojekten ergänzt. Wer als Erfinder innovative Konzepte präsentiert, kann darüber Auftragsarbeiten gewinnen. Und wer hochwertige Auftragsarbeiten liefert, baut eine engere Beziehung zum Unternehmen auf und findet dort leichter Gehör für die eigenen Erfindungen.
Die Herausforderung für viele Erfinder liegt darin, dass der kreative Prozess, ein neues Konzept zu entwickeln, der schöne Teil der Arbeit ist. Deutlich weniger Spaß macht es kreativen Köpfen, von Pitch zu Pitch zu ziehen und dabei ständig ein „Nein danke" zu hören, in der Hoffnung auf das seltene „Ja, das möchten wir lizenzieren". Die meisten Erfinder frustriert es, dass Produkte, von denen sie überzeugt sind, dass sie beim Endverbraucher ankommen würden, oft nie die Chance bekommen, Wirklichkeit zu werden.
Abschließend lässt sich sagen: Die Spielwarenbranche sollte diesen unermüdlichen kreativen Wegbereitern zutiefst dankbar sein. Sie investieren ihre Zeit, ihr Geld, ihre Fähigkeiten und ihre Energie in die Entwicklung von Produkten, die möglicherweise nie das Licht der Welt erblicken, immer auf der Jagd nach dem nächsten großen Ding. Diese Menschen sind für unsere Branche unverzichtbar und verdienen unsere volle Anerkennung und Unterstützung.
Gerade weil Spieleautoren eine so zentrale Rolle für die Branche spielen, hat die Spielwarenmesse mit der Internationalen Spieleerfindermesse – Game Inventors Convention (GIC) eine eigene Plattform geschaffen, die Spieleautoren und Spieleredaktionen gezielt zusammenbringt. Die GIC findet jährlich am Messefreitag der Spielwarenmesse in Nürnberg statt und bietet Spieleverlagen die ideale Gelegenheit, auf Neuheiten-Scouting zu gehen und vielversprechende Prototypen direkt von den kreativen Köpfen dahinter kennenzulernen. So entstehen genau die Verbindungen, die innovative Spieleideen vom Prototyp ins Verkaufsregal bringen. Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Spielwarenmesse Group und des Bayerischen Spielearchiv Haar e. V.
Die nächste Internationale Spieleerfindermesse findet am Freitag, den 5. Februar 2027 statt. Sicher dir deinen Platz als Spieleautor oder Redaktion und entdecken Sie die Spieleideen von morgen.
Über den Autor
Steve Reece ist seit 25 Jahren in der Spielwarenbranche tätig. Er hat früher bei Hasbro klassische Marken wie Monopoly, Play-Doh und Trivial Pursuit verantwortet. Mittlerweile berät er mit seiner eigenen Agentur Kids Brand Insight Unternehmen dazu, wie sie ihren Umsatz im Ausland steigern, robuste diversifizierte Lieferketten aufbauen und die richtigen Mitarbeiter finden können.


