Menu

Wiederaufbau der Spielwarenindustrie in Nürnberg

„Angesichts des Trümmerfeldes ...“ Von der Spielzeugstadt zum Messeplatz (1945 – 1950)

Vorwort der Redaktion

Anlässlich des 75. Jubiläums der Spielwarenmesse erweitern wir das Spirit of Play Online-Magazin um die Rubrik ToyHistory. Wir blicken auf die historischen Voraussetzungen zurück, die Nürnberg zum Standort der Weltleitmesse für Spielwaren machten. Die Recherchen stammen vom Wirtschaftshistoriker und ehemaligen Direktor des Spielzeugmuseums Nürnberg, Dr. Helmut Schwarz.

Von Dr. Helmut Schwarz

Mit Kriegsende ging alle staatliche Gewalt in Deutschland auf die vier Besatzungsmächte Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA über. In politischer Hinsicht sollte der Wiederaufbau des Landes den übereinstimmend vereinbarten Leitlinien Entnazifizierung, Entmilitarisierung, Demokratisierung und Dezentralisierung folgen. 

Wiederaufbau Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg

Eine gemeinsame Regierung Deutschlands durch den Alliierten Kontrollrat er­wies sich jedoch bald als unmöglich. Mit der zunehmenden Entfremdung der Siegermächte wurden die Weichen immer mehr in Richtung Entstehung zweier deutscher Staaten mit unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen gestellt. Länder und Kommunen waren in den ersten Nachkriegsjahren im Rahmen der Vorgaben und Be­stimmungen der jeweiligen Militärregierungen vorrangig mit der Wiederherstellung einer geordneten Verwaltung, der Versorgung der Bevölkerung und dem Wiederaufbau einer funktionierenden Infrastruktur befasst. 

Spielzeugproduktion lag brach

Nürnberg lag bei Kriegsende in Schutt und Asche. Etwa die Hälfte der lokalen Spielwarenbetriebe war vollkommen zerstört oder schwer beschädigt. Viele qualifizierte Mitarbeiter waren tot oder befanden sich in Kriegsgefangenschaft. Materialnot, Kapitalmangel, der Zu­sammenbruch der Handelsbeziehungen und Absatzmöglichkeiten ließen die Produktion von Spielzeug kaum möglich erscheinen. Angesichts des allgegenwärtigen Mangels wurden des­halb zunächst hauptsächlich Dinge des täglichen Bedarfs hergestellt. 

Blechspielzeug wird zum Exportschlager

Gesamtwirtschaftlich erheblich sinnvoller und zukunftsträchtiger erschien es jedoch bald, Exportgüter zu produzieren. Mit den damit erzielten Devisenerlösen ließen sich dringend benötigte Lebensmittel- und Rohstoffimporte bezahlen. Aufgrund seiner hohen Veredelungsquote (große Wertschöpfung bei geringem Rohstoffbedarf) erwies sich insbesondere mechanisches Blechspielzeug als Exportgut ersten Ranges. Auf Geheiß der US-Militärregierung wurden deshalb in Abstimmung mit dem bayerischen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard schon ab 1946 spezielle Exportprogramme aufgelegt. Viele bedeutende Nürnberg-Fürther Firmen waren zwei bis drei Jahre lang fast ausschließlich mit Lieferungen für den Export, zumeist in die USA, beschäftigt. Der inländische Markt kam zwar zu kurz, doch waren die Exportaufträge essenziell für eine relativ rasche Erholung der Blechspielwarenindustrie. 

Franken kurbelt Wiederaufbau der Spielwarenindustrie an

Drei von vier Gründern der Deutschen Spielwaren-Fachmesse eGmbH (von links): Ernst Theodor Horn (Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Spielwarenindustrie), Arno Drottboom (Direktor der VEDES), Hans Mangold (GAMA). Foto: Spielwarenmesse eG

Der Nürnberg-Fürther Industriebezirk nahm nach dem faktischen Wegfall der ostzonalen Spielzeugregionen die ökonomische Führungsrolle in Westdeutschland ein. Fachleute aus der fränkischen Spielwarenbranche – unter ihnen vor allem Ernst Theodor Horn, Ernst Riemer und Hans Mangold – spielten aber auch eine selbstbewusste Vorreiterrolle beim organisatorischen Wiederaufbau der deutschen Spielwarenindustrie. Schon im Mai 1946 erfolgte die Gründung des Verbands der bayerischen Spielwarenindustrie (1. Vorsitzender zunächst Ernst Th. Horn, dann Hans Mangold). Wenig später wurde die amtliche Preis- und Registrierstelle für Spielwaren in Nürnberg eingerichtet. Ihr Leiter Ernst Riemer fungierte zugleich als Exportbevollmächtigter der bayerischen Staatsregierung. Er prüfte die Exportwürdigkeit der jeweiligen Artikel, nahm Rohstoffzuweisungen vor und kümmerte sich um die Erledigung der überaus bürokratischen Exportformalitäten. 

Durch den Zusammenschluss der US-amerikanischen und der britischen Besatzungszone entstand in Deutschland das Vereinigten Wirtschaftsgebiets im Januar 1947. Diese Bizone sowie die Währungsreform und die flankierenden Wirtschaftsreformen im Jahr darauf ebneten den Weg von der Zwangs- zur Marktwirtschaft. Zugleich eröffnete sich die Möglichkeit für eine Interessensvertretung über die bisherigen Ländergrenzen hinweg. Im November 1948 schlossen sich die süd- und westdeutschen Fachverbände in der Arbeitsgemeinschaft Spielwarenindustrie des Vereinigten Wirtschaftsgebiets mit Sitz in Nürnberg zusammen. Gemeinsam arbeitete man bei der Militäradministration und den deutschen Regierungsstellen der Bizone auf eine marktwirtschaftliche Liberalisierung der Produktions- und Absatzbedingungen in der Spielwarenindustrie hin. Ziel war vor allem auch der Abbau der bestehenden Exporthemmnisse.

Ruf nach einer eigenen Fachmesse wird laut

Der faktische Wegfall der Leipziger Universalmesse als zentraler Marktplatz Gesamtdeutschlands hinterließ auch in der Spielwarenbranche eine schmerzliche Lücke. Hannover, Köln und Frankfurt stritten um die Nachfolge, konnten aber mit ihren Mehrbranchenmessen die besonderen Bedürfnisse der Spielwarenwelt nicht befriedigen. So entstand im Frühjahr 1949 in Nürnberg-Fürther Unternehmerkreisen die Idee, eine eigene Fachmesse in der Spielzeugstadt Nürnberg ins Leben zu rufen. Vedes-Vorstand Arno Drottboom sagte die Unterstützung des Fachhandels zu, die AG Spielwarenindustrie nahm die Realisierung in Angriff. Sie bildete Messeausschüsse, denen Vertreter aller Landesfachverbände sowie des Groß- und Einzelhandels angehörten. Dabei erwies sich der Vorsitzende des württemberg-badischen Verbands Carl Ehmann als besonders wichtig. Unter der Leitung von Hans Mangold, der persönlich für die Messe bürgte, stellte das Organisationsteam um Messeleiter Fritz Drescher und Ernst Theodor Horn innerhalb weniger Monate praktisch aus dem Nichts die erste Deutsche Spielwaren-Fachmesse auf die Beine. Die Stadt Nürnberg war von Anfang an mit eingebunden und unterstützte das Projekt auf Verwaltungsebene.

Deutsche Spielwaren-Fachmesse: Scharnier zwischen Trümmerzeit und Wiederaufbau

Deutsche Spielwaren-Fachmesse 1951. Zelte vergrößerten über viele Jahre die Ausstellungsfläche für die wachsende Nachfrage nach Ständen. Foto: Spielwarenmesse eG

Was als Experiment mit unsicherem Ausgang begann, wurde – trotz erwartbarer zeit­bedingter Mängel – ein voller Erfolg. Die vom 12. bis zum 18. März 1950 dauernde Messe wurde von 351 Ausstellern beschickt. 4.341 Einkäufer, darunter etwa 600 aus dem Ausland, konnten sich einen Gesamtüberblick über die bereits wieder erstaunlich leistungsfähige deutsche Spielwarenindustrie verschaffen. 

 

Als Scharnier zwischen Trümmerzeit und Wirtschaftswunder leistete die erste Spielwarenmesse einen wesentlichen Beitrag auf dem Wege zur weiteren Erholung und Normalisierung der Branche in Frieden und Freiheit. Alle Beteiligten waren sich einig, dass die Messe als unverzichtbarer Marktplatz der Spielwarenwelt in Zukunft regelmäßig in Nürnberg stattfinden sollte. Als Veranstaltungsgesellschaft wurde deshalb am 11. Juli 1950 von 46 Angehörigen der Spielwarenindustrie die Genossenschaft Deutsche Spielwaren-Fachmesse eGmbH gegründet, später umbenannt in Spielwarenmesse eG.

[Manuskript vom Autor abgeschlossen im März 2020]

Zitiervorschlag
Schwarz, Helmut: Messegeschichte der Spielwarenbranche vor 1950, Manuskript vom Autor abgeschlossen im Januar 2017; posthum online veröffentlicht am 14. September 2026 in: Spirit of Play Online-Magazin. Spielwarenmesse Group, Nürnberg. Online: https://www.spielwarenmesse.de/de/magazin/toyhistory-helmutschwarz-messegeschichte/ (Zugriff: DD. Monat YYYY).

Fachartikel zum Download (PDF): „Angesichts des Trümmerfeldes ...“

Schwarz, Helmut: „Angesichts des Trümmerfeldes ...“ Von der Spielzeugstadt zum Messeplatz (1945 – 1950), Manuskript vom Autor abgeschlossen im März 2020; posthum online veröffentlicht am 28. September 2026 in: Spirit of Play Online-Magazin. Spielwarenmesse Group, Nürnberg.

Über den Autor

Dr. Helmut Schwarz (5. September 1952 - 20. Februar 2022) war Wirtschaftshistoriker und leitete von 1994 bis 2014 das Spielzeugmuseum Nürnberg. Er modernisierte mit seinem Team das Haus, ergänzte den Kinderspielbereich, schuf den Museumsspielplatz mit Café und das virtuelle Depot. Außerdem setzte sich persönlich dafür ein, dass das Deutsche Spielearchiv aus Marburg in Nürnberg ein neues Zuhause fand. Zahlreiche Schriften zur Historie der Spielzeugindustrie entstammten seiner Feder. 

Toy History – Die Anfänge der Spielwarenmesse 

Dr. Helmut Schwarz recherchierte ab 2016 im Auftrag der Spielwarenmesse eG zur Unternehmensgeschichte. Insbesondere arbeitete er die Voraussetzungen und Faktoren heraus, die zur Gründung der Fachmesse in Nürnberg führten. Die von ihm abgeschlossenen Manuskripte veröffentlicht das Messeteam 2026 im Online-Magazin Spirit of Play anlässlich des 75. Jubiläums der Spielwarenmesse und würdigt damit einen bedeutenden Wissensbewahrer der deutschen Spielwaren- und Wirtschaftsgeschichte.

 

Die Reihe im Überblick

Die Reihe wird aus neun Web-Kurztexten und sieben Forschungsbeiträgen bestehen, die sich mit den Ursprüngen der Spielwarenmesse befassen.

ToyHistory 01: Die Spielzeugregion Nürnberg | 24. Juni 2026
- Web-Kurzfassung: Spielzeugregion Nürnberg (November 2017) 
- Web-Kurzfassung: Spielwarenstandort Fürth und Zirndorf (s.u.) (Dezember 2017)
- PDF-Fachartikel: Spielzeugstadt Nürnberg (Januar 2017)

Toy History 02: Spielzeugregionen in Deutschland (siehe oben) 
Thüringen – Sächsisches Erzgebirge
- Web-Kurzfassung: Spielzeugregion Thüringen (November 2017)
- Web-Kurzfassung: Spielwaren aus dem sächsischen Erzgebirge (s.u.) (November 2017)

Toy History 03: Spielzeugstädte in Deutschland | 20. Juli 2026
Württemberg – Berlin und Brandenburg an der Havel 
- Web-Kurzfassung: Spielzeugregion Württemberg (November 2017)
- Web-Kurzfassung: Spielwaren aus Berlin und Brandenburg a. d. Havel (s.u.) (Dezember 2017)

Toy History 04: Wege zum Käufer | 03. August 2026
Spielwarenhandel in Deutschland bis 1945 (siehe oben)
- Web-Kurzfassung: Spielwarenhandel in Deutschland bis 1945 (November 2017)
- PDF-Fachartikel: Wege zum Käufer (Januar 2017)  

Toy History 05: Die Fachpresse | 17. August 2026
Fachblätter und Zeitungen der Spielwarenbranche (1886 - 1960)
- Web-Kurzfassung: Die Fachpresse der Spielwarenbranche (1886 – 1960) (Juli 2017)
- PDF-Fachartikel: Die Fachpresse der Spielwarenbranche (1886 – 1960) (Juli 2017)

Toy History 06: Geschichte der Spielwarenfachverbände | 31. August 2026
- Web-Kurzfassung: Geschichte der Spielwarenfachverbände (Juli 2017)
- PDF-Fachartikel: Verbandsgeschichte der Spielwarenbranche (1900 – 1950). (Januar 2017)

Toy History 07: Messegeschichte der Spielwarenbranche vor 1950 | 14. September 2026
- Web-Kurzfassung: Messegeschichte der Spielwarenbranche vor 1950 (Juli 2017)
- PDF-Fachartikel: Leipzig, Hannover, Köln, Frankfurt. Messegeschichte der Spielwarenbranche vor 1950. (Januar 2017) 

Toy History 08: Wiederaufbau der Spielwarenindustrie in Nürnberg | 28. September 2026
- Web-Kurzfassung: Nürnberg und der Wiederaufbau der Spielwarenindustrie (1945 – 1950). (März 2020)
- PDF-Fachartikel: „Angesichts des Trümmerfeldes ...". (März 2020)

Ankündigung für 12. Oktober 2026: Toy History 09: Genossenschaften. Vorgeschichte der Spielwaren-Fachmesse eGmbH 
 

Das könnte Sie auch interessieren