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Genossenschaften – Kulturerbe mit Praxisbezug

Zur Vorgeschichte der Spielwaren-Fachmesse eGmbH

Vorwort der Redaktion

Anlässlich des 75. Jubiläums der Spielwarenmesse erweitern wir das Spirit of Play Online-Magazin um die Rubrik ToyHistory. Wir blicken auf die historischen Voraussetzungen zurück, die Nürnberg zum Standort der Weltleitmesse für Spielwaren machten. Die Recherchen stammen vom Wirtschaftshistoriker und ehemaligen Direktor des Spielzeugmuseums Nürnberg, Dr. Helmut Schwarz.

Von Dr. Helmut Schwarz

Die erste deutsche Spielwarenfachmesse vom 11.-18.3.1950 wurde von einem eigens hierfür gebildeten Messeausschuss der Arbeitsgemeinschaft Spielwarenindustrie des Vereinigten Wirtschaftsgebiets (AGS) geplant und durchgeführt. Ihr großer Erfolg ließ den Wunsch nach einer jährlichen Wiederholung entstehen. Da Nürnberg keine Messestadt mit entsprechen-der Infrastruktur war und der Vereinscharakter der AGS keinen Wirtschaftsbetrieb zuließ, griff die Spielwarenindustrie zur Selbst­hilfe und gründete ein eigenes Messeunternehmen.

Das Messewesen setzte auf Kapitalgesellschaften

Vor dem Messeamt in Leipzig. Foto: Illus Blunck 31 Leu. März 1950/ Bundesarchiv, Bild 183-05672-0031 / CC-BY-SA 3.0

Im deutschen Messewesen existierten unterschiedliche Lösungen für die Trägerschaft und Rechtsform eines derartigen Unternehmens. Organisator der bis zum Zweiten Weltkrieg marktbeherrschenden Leipziger Messe war das „Messamt“ gewesen, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Nach 1945 traten in den Westzonen Hannover, Köln und Frankfurt die Nachfolge Leipzigs an. Die teils neugegründeten, teils reaktivierten Messegesellschaften dieser Städte wurden von Stadtverwaltungen, Landesregierungen, Kammern, Verbänden und Privatunternehmern getragen. Ihre Aktivitäten waren auf die Durchführung von Publikums- und Mehrbranchenmessen ausgerichtet. Angesichts dieser Zielsetzung und des hohen Kapitalbedarfs für den Bau und Betrieb eines Messegeländes erschienen Kapitalgesellschaften (GmbH oder AG) als beste Gesellschaftsform. Auch in Offenbach, wo sich die der Spielwarenindustrie ähnelnde Lederwarenbranche 1950 eine eigene Fachmesse schuf, entschied man sich letztlich für eine GmbH mit Beteiligung der Stadt. 

Die Spielwarenbranche setzte auf eine Genossenschaft

Auszug der Gründungsurkunde der Spielwaren-Fachmesse eGmbH. Foto: Spielwarenmesse eG

Im Gegensatz zu diesen Beispielen gründeten am 11. Juli 1950 in Nürnberg 46 Spielzeugfabrikanten eine Genossenschaft, die Spielwaren-Fachmesse eGmbH. Initiator dieser Lösung war Vedes-Direktor Arno Drottboom, der aus eigener praktischer Erfahrung mit allen Aspekten des traditionsreichen deutschen Genossenschaftswesens bestens vertraut war. Angesichts der klein- und mittelbetrieblich strukturierten Spielwarenindustrie bot nur eine Genossenschaft auch finanzschwachen Firmen die Möglichkeit zur gleichberechtigten Teilhabe an der Entwicklung ihrer Fachmesse. Es entsprach zudem dem Selbstverständnis der maßgeblichen Spielwarenindustriellen, Herr im eigenen (Messe-)Haus zu sein. Sie wollten die Messe nach ihren Bedürfnissen gestalten und beteiligten deshalb weder den Handel noch irgendeine andere Organisation oder Körperschaft an ihrer Genossenschaft. Da es aber zur Erweiterung des Messegeländes dann doch eines externen Partners bedurfte, wurde 1952 zusammen mit der Stadt Nürnberg eine eigene Messehallen GmbH errichtet.

Die Genossenschaftsidee zählt zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe

Die UNESCO nahm die Genossenschaftsidee und -praxis am 30. November 2016 in ihrer Liste des Immateriellen Kulturerbes auf. Foto: Genossenschaftsmuseum

Die Gründung der Spielwaren-Fachmesse eGmbH erfolgte in einem genossenschaftsfreundlichen Umfeld. Angesichts der immensen Nachkriegsprobleme schätzten und förderten Politik und Verwaltung die klassischen Genossenschaftsprinzipien Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Als „Kinder der Not für die Not“ leisteten Genossenschaften einen unschätzbaren Beitrag für den Wiederaufbau und die Demokratisierung Deutschlands. Wie ungebrochen die Strahlkraft des Genossenschaftswesens bis heute ist, zeigt die 2016 erfolgte Aufnahme der „Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften“ in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

[Manuskript vom Autor abgeschlossen im März 2020]

Zitiervorschlag
Schwarz, Helmut: Spielzeugregion Nürnberg, Manuskript vom Autor abgeschlossen im März 2020; posthum online veröffentlicht am 12. Oktober 2026 in: Spirit of Play Online-Magazin. Spielwarenmesse Group, Nürnberg. Online: www.spielwarenmesse.de/de/magazin/toyhistory/helmutschwarz-genossenschaften (Zugriff: DD. Monat YYYY).

Fachartikel zum Download (PDF): Genossenschaften – Kulturerbe mit Praxisbezug

Schwarz, Helmut: Genossenschaften – Kulturerbe mit Praxisbezug. Zur Vorgeschichte der Spielwaren-Fachmesse eGmbH, Manuskript vom Autor abgeschlossen im März 2020; posthum online veröffentlicht am 12. Oktober2026 in: Spirit of Play Online-Magazin. Spielwarenmesse Group, Nürnberg.

Über den Autor

Dr. Helmut Schwarz (5. September 1952 - 20. Februar 2022) war Wirtschaftshistoriker und leitete von 1994 bis 2014 das Spielzeugmuseum Nürnberg. Er modernisierte mit seinem Team das Haus, ergänzte den Kinderspielbereich, schuf den Museumsspielplatz mit Café und das virtuelle Depot. Außerdem setzte sich persönlich dafür ein, dass das Deutsche Spielearchiv aus Marburg in Nürnberg ein neues Zuhause fand. Zahlreiche Schriften zur Historie der Spielzeugindustrie entstammten seiner Feder. 

Toy History – Die Anfänge der Spielwarenmesse 

Dr. Helmut Schwarz recherchierte ab 2016 im Auftrag der Spielwarenmesse eG zur Unternehmensgeschichte. Insbesondere arbeitete er die Voraussetzungen und Faktoren heraus, die zur Gründung der Fachmesse in Nürnberg führten. Die von ihm abgeschlossenen Manuskripte veröffentlicht das Messeteam 2026 im Online-Magazin Spirit of Play anlässlich des 75. Jubiläums der Spielwarenmesse und würdigt damit einen bedeutenden Wissensbewahrer der deutschen Spielwaren- und Wirtschaftsgeschichte.

 

Die Reihe im Überblick

Die Reihe wird aus neun Web-Kurztexten und sieben Forschungsbeiträgen bestehen, die sich mit den Ursprüngen der Spielwarenmesse befassen.

ToyHistory 01: Die Spielzeugregion Nürnberg | 24. Juni 2026
- Web-Kurzfassung: Spielzeugregion Nürnberg (November 2017) 
- Web-Kurzfassung: Spielwarenstandort Fürth und Zirndorf (s.u.) (Dezember 2017)
- PDF-Fachartikel: Spielzeugstadt Nürnberg (Januar 2017)

Toy History 02: Spielzeugregionen in Deutschland (siehe oben) 
Thüringen – Sächsisches Erzgebirge
- Web-Kurzfassung: Spielzeugregion Thüringen (November 2017)
- Web-Kurzfassung: Spielwaren aus dem sächsischen Erzgebirge (s.u.) (November 2017)

Toy History 03: Spielzeugstädte in Deutschland | 20. Juli 2026
Württemberg – Berlin und Brandenburg an der Havel 
- Web-Kurzfassung: Spielzeugregion Württemberg (November 2017)
- Web-Kurzfassung: Spielwaren aus Berlin und Brandenburg a. d. Havel (s.u.) (Dezember 2017)

Toy History 04: Wege zum Käufer | 03. August 2026
Spielwarenhandel in Deutschland bis 1945 (siehe oben)
- Web-Kurzfassung: Spielwarenhandel in Deutschland bis 1945 (November 2017)
- PDF-Fachartikel: Wege zum Käufer (Januar 2017)  

Toy History 05: Die Fachpresse | 17. August 2026
Fachblätter und Zeitungen der Spielwarenbranche (1886 - 1960)
- Web-Kurzfassung: Die Fachpresse der Spielwarenbranche (1886 – 1960) (Juli 2017)
- PDF-Fachartikel: Die Fachpresse der Spielwarenbranche (1886 – 1960) (Juli 2017)

Toy History 06: Geschichte der Spielwarenfachverbände | 31. August 2026
- Web-Kurzfassung: Geschichte der Spielwarenfachverbände (Juli 2017)
- PDF-Fachartikel: Verbandsgeschichte der Spielwarenbranche (1900 – 1950). (Januar 2017)

Toy History 07: Messegeschichte der Spielwarenbranche vor 1950 | 14. September 2026
- Web-Kurzfassung: Messegeschichte der Spielwarenbranche vor 1950 (Juli 2017)
- PDF-Fachartikel: Leipzig, Hannover, Köln, Frankfurt. Messegeschichte der Spielwarenbranche vor 1950. (Januar 2017) 

Toy History 08: Wiederaufbau der Spielwarenindustrie 1945-1950 | 28. September 2026
- Web-Kurzfassung: Nürnberg und der Wiederaufbau der Spielwarenindustrie (1945 – 1950) (März 2020)
- PDF-Fachartikel: „Angesichts des Trümmerfeldes ...“ Von der Spielzeugstadt zum Messeplatz – Nürnberg und der Wiederaufbau der Spielwarenindustrie (1945 – 1950). (März    2020) 

Toy History 09: Genossenschaften. Vorgeschichte der Spielwaren-Fachmesse eGmbH | 12. Oktober 2026
- Web-Kurzfassung: Genossenschaften. Vorgeschichte der Spielwaren-Fachmesse eGmbH (März 2020)
- PDF-Fachartikel: Genossenschaften – Kulturerbe mit Praxisbezug. Zur Vorgeschichte der Spielwaren-Fachmesse eGmbH. (März 2020) 

Spielzeugmuseum Nürnberg

Tauche noch tiefer ein in die Geschichte der Spielwarenindustrie: Das weltberühmte Spielzeugmuseum zeigt auf 1.400 Quadratmetern Fläche die Welt im Kleinen mit einer Fülle außergewöhnlicher Exponate von der Antike bis zur Gegenwart. Neben einem fantasievoll gestalteten Kinderbereich im Dachgeschoss locken auch ein großer Spielplatz im Freien und das Museumscafé im Innenhof. 

Ort: Spielzeugmuseum Nürnberg, Karlstrasse 13-15, 90403 Nürnberg
Ausstellung: Games-Geschichte(n) 20. Februar bis 13. September 2026

Zur Webseite Spielzeugmuseum Nürnberg

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